Loeben, Otto Heinrich Graf von (1786-1825)

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Abendröte

Frieden auf der Erde wieder, 
Webend über Wald und Au, 
Und es äugelt auf uns nieder 
Ein vertraulich Himmelblau 
In den Büschen alte Lieder, 
Goldne Vögel, Lichtgefieder, 
Blumen laben sich im Tau.
 
Ausgeblitzt hat nun das Toben,
Es zerreißt die Wetterwand, 
Legt sich abgekühlt nach oben 
Wie ein aufgeblühtes Land. 
Blitze sind in Duft zerstoben, 
Bilder in den Duft gewoben, 
Abendröt’ in Liebesbrand.
 
Jede Gegend schwimmt verklärter, 
Jede Farbe zieht hinauf, 
Das Vergangne wird uns werter, 
Sel'ge Blicke gehen auf. 
Mit dem goldnen Funkenbogen 
Kommt die Jugend rückgezogen, 
Oben sitzt der Engel drauf .

   

Der Loreleyfels

Da wo der Mondschein blitzet
Ums höchste Felsgestein,
Das Zauberfräulein sitzet,
Und schauet auf den Rhein.

Es schauet herüber, hinüber,
Es schauet hinab, hinauf,
Die Schifflein ziehn vorüber,
Lieb Knabe, sieh nicht auf!

So blickt sie wohl nach allen
Mit ihrer Äuglein Glanz,
Lässt her die Locken wallen
unter dem Perlenkranz.

Sie singt dir hold zu Ohre,
Sie blickt dich töricht an,
Sie ist die schöne Lore,
Sie hat dir' s angetan.

Sie schaut wohl nach dem Rheine,
Als schaute sie nach dir,
Glaub nicht, dass sie dich meine,
Sieh nicht, horch nicht nach ihr!

Doch wogt in ihrem Blicke
Nur blauer Wellen Spiel,
Drum scheu die Wassertücke,
Denn Flut bleibt falsch und kühl.