Gedicht der Woche

1.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mailied

Willkommen liebe Sommerzeit,
Willkommen schöner Mai,
Der Blumen auf den Anger streut,
Und alles machet neu.
 
Die Vögel höhen ihren Sang,
Der ganze Buchenhain
Wird süßer, süßer Silberklang,
Und Bäche murmeln drein.
 
Roth stehn die Blumen, weiß und blau,
Und Mädchen pflücken sie,
Bald auf der Flur, bald auf der Au,
Ahi, Herr Mai, Ahi!
 
Ihr Busen ist von Blümchen bunt,
Ich sah ihn schöner nie,
Es lacht ihr rosenroter Mund,
Ahi, Herr Mai, Ahi!

Ludwig Hölty

24.April 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Häslein

Unterm Schirme, tief im Tann,
hab ich heut gelegen,
durch die schweren Zweige rann
reicher Sommerregen.
 
Plötzlich rauscht das nasse Gras -
stille! nicht gemuckt! - :
Mir zur Seite duckt
sich ein junger Has ...
 
Dummes Häschen,
bist du blind?
Hat dein Näschen
keinen Wind?
 
Doch das Häschen, unbewegt,
nutzt, was ihm beschieden,
Ohren, weit zurückgelegt,
Miene, schlau zufrieden.
 
Ohne Atem lieg ich fast,
lass die Mücken sitzen;
still besieht mein kleiner Gast
meine Stiefelspitzen ...
 
Um uns beide - tropf - tropf - tropf -
traut eintönig Rauschen ...
Auf dem Schirmdach - klopf - klopf - klopf.
Und wir lauschen ... lauschen ...
 
Wunderwürzig kommt ein Duft
durch den Wald geflogen;
Häschen schnuppert in die Luft,
fühlt sich fortgezogen;
 
schiebt gemächlich seitwärts, macht
Männchen aller Ecken ...
Herzlich hab ich aufgelacht -:
Ei! der wilde Schrecken!

Christian Morgenstern

3.April 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt

Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren, 
da prüft er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren, 
ihr Vaterunser, Einmaleins und was man lernte mehr; 
zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her. 
Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen; 
zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißgen und die Braven. 
Da stand im groben Linnenkeid manch schlichtes Bürgerkind, 
manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind. 
Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke, 
und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke. 
Da stand in pelzverbrämtem Rock manch feiner Herrensohn, 
manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron. 
Da sprach nach rechts der Kaiser mild: »Habt Dank, ihr frommen 
Knaben! 
Ihr sollt an mir den gnädgen Herrn, den gütgen Vater haben; 
und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid - 
in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.« 
Dann blitzt sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel: 
»Ihr Taugenichtse, bessert euch! Ihr schändet euern Adel. 
Ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht! 
Ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht.« 
Da sah man manches Kinderaug ihn frohem Glanze leuchten 
und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten. 
Und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt, 
wenn heute Karl Kaiser Karl gelobet und wen er ausgeschmält. 
Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten, 
im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten: 
den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, dem Stand nach dem Verstand! 
So steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.

Karl Gerok


27.März 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! 
Es war getan fast eh gedacht 
Der Abend wiegte schon die Erde, 
Und an den Bergen hing die Nacht: 
Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 
ein aufgetürmter Riese, da, 
Wo Finsternis aus dem Gesträuche 
Mit hundert schwarzen Augen sah.


Der Mond von einem Wolkenhügel 
Sah kläglich aus dem Duft hervor, 
Die Winde schwangen leise Flügel, 
Umsausten schauerlich mein Ohr; 
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, 
Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 
In meinen Adern welches Feuer! 
In meinem Herzen welche Glut!


Dich sah ich, und die milde Freude 
Floss von dem süßen Blick auf mich; 
Ganz war mein Herz an deiner Seite 
Und jeder Atemzug für dich. 
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter 
Umgab das liebliche Gesicht, 
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! 
Ich hofft es, ich verdient es nicht!


Doch ach, schon mit der Morgensonne 
Verengt der Abschied mir das Herz: 
In deinen Küssen welche Wonne! 
In deinem Auge welcher Schmerz! 
Ich ging, du standst und sahst zur Erden, 
Und sahst mir nach mit nassem Blick: 
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! 
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Goethe

20.März 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Kuckuck, Kuckuck

Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald.
Lasset uns singen, tanzen und springen.
Frühling, Frühling wird es nun bald.

Kuckuck, Kuckuck läßt nicht sein Schrei'n:
Komm in die Felder, Wiesen und Wälder.
Frühling, Frühling, stelle dich ein.

Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held.
Was du gesungen, ist dir gelungen.
Winter, Winter räumet das Feld.

Hoffmann von Fallersleben

 
 
 

13.März 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frühlingstheater


Die Schneeglöckchen, 
ohne Furcht vor der grimmigsten Kälte, 
spitzen fleißig nach oben. 
Sie müssen sich tummeln, 
dass sie fertig sind, 
eh das Gesträuch überher Blätter kriegt 
und ihnen die Sonne benimmt. 
Das Frühlingstheater wäre also auch wieder mal eröffnet.

Wilhelm Busch


6.März 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Zwielicht

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken ziehn wie schwere Träume –
Was will dieses Graun bedeuten?

Hast ein Reh du, lieb vor andern,
Lass es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wieder wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter!

Joseph von Eichendorff

 

 

27.Februar 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Frieden
 
Von dem Turme im Dorfe klingt
Ein süßes Geläute;
Man sinnt, was es deute,
daß die Glocke im Sturme nicht schwingt.
Mich dünkt, so hört ich‘s als Kind;
Dann kommen die Jahre der Schande;
Nun trägt’s in die Weite der Wind,
Dass Friede im Lande.
 
Wo mein Vaterhaus einst fest stand,
Wächst wuchernde Heide;
ich pflück, eh ich scheide,
einen Zweig mit zitternder Hand.
Das ist von der Väter Gut
Mein einziges Erbe;
Nichts bleibt, wo mein Haupt sich ruht,
bis ich einsam sterbe.
 
Meine Kinder verwehte der Krieg;
Wer bringt sie mir wieder?
Beim Klange der Lieder
Feiern Fürsten und Herren den Sieg.
Sie freuen sich beim Friedensschmaus,
die müß’gen Soldaten fluchen –
Ich ziehe am Stabe hinaus,
mein Vaterland suchen.

Ricarda Huch

20.Februar 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Regenwetter

Was ist das für ein Wetter heut!
Es regnet ja wie toll!
Die Straße ist ein großer See,
Die Gosse übervoll.

Der Sperling duckt sich unters Dach,
So gut er eben kann,
Und Nero liegt im Hundehaus
Und knurrt das Wetter an.

Wir aber haben frohen Mut
Und sehn dem Regen zu,
Erzählen uns gar mancherlei
Daheim in guter Ruh.

Lass regnen, was es regnen will!
Lass allem seinen Lauf!
Und wenn's genug geregnet hat,
So hörts auch wieder auf.

Friedrich Halm

13.Februr 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Bim,bam,bum

Ein Glockenton fliegt durch die Nacht, 
als hätt' er Vogelflügel; 
er fliegt in römischer Kirchentracht
wohl über Tal und Hügel.
 
Er sucht die Glockentönin BIM, 
die ihm vorausgeflogen; 
d.h. die Sache ist sehr schlimm, 
sie hat ihn nämlich betrogen.
 
"O komm" so ruft er, "komm, dein BAM
erwartet dich voll Schmerzen. 
Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm, 
dein BAM liebt dich von Herzen!"
 
Doch BIM, dass ihr's nur alle wisst, 
hat sich dem BUM ergeben; 
der ist zwar auch ein guter Christ, 
allein das ist es eben.
 
Der BAM fliegt weiter durch die Nacht
wohl über Wald und Lichtung. 
Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht, 
er fliegt in falscher Richtung.

Christian Morgenstern