Gedicht der Woche

25.Juli 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Sei liebreich

Treu bewahre im Gemüte
Und beschirme früh und spät
Jede Knospe, jede Blüte,
Die auf deinen Wegen steht.

Sei's die Knospe hoch am Baume,
Sei's ein fröhlich plaudernd Kind,
Sei's am grünen Wiesensaume
Eine Blume weich und lind.

Halt' den Wurm auf öder Stätte
Nicht für klein und für gering,
In der Schöpfung ew'ger Kette
Sieh ihn an als starken Ring.

Nach den Sternen magst du trachten,
Wenn dein Geist den Staub besiegt;
Doch des Kiesels sollst du achten,
Der zu deinen Füßen liegt.

Hoch und herrlich ist die Stärke,
Die von Seelenadel zeugt,
Wenn sie sich zum Liebeswerke
Zu dem Schwachen niederbeugt.

Gibst du den gesunknen Ranken
Neuen Halt und frischen Stand,
O dann reichst du auch den Kranken
Und Gefallnen deine Hand.

Sei ein Denker oder Dichter,
Form' in Erzen oder Stein:
Vor dem ew'gen Weltenrichter
Sollst du Mensch vor allem sein.

Treu bewahre im Gemüte
Und beschirme früh und spät
Jede Knospe, jede Blüte,
Die auf deinen Wegen steht.

Karl Heinrich Theodor Zeise

 

18.Juli 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

Albin Zollinger

11.Juli 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Fischer

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. 
Ein Fischer saß daran, 
Sah nach der Angel ruhevoll, 
Kühl bis ans Herz hinan. 
Und wie er sitzt und wie er lauscht. 
Teilt sich die Flut empor: 
Aus dem bewegten Wasser rauscht 
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: 
Was lockst du meine Brut 
Mit Menschenwitz und Menschenlist 
Hinauf in Todesglut? 
Ach, wüsstest du, wie's Fischlein ist 
So wohlig auf dem Grund. 
Du stiegst herunter, wie du bist. 
Und würdest erst gesund!

Labt sich die liebe Sonne nicht, 
Der Mond sich nicht im Meer? 
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht 
Nicht doppelt schöner her? 
Lockt dich der tiefe Himmel nicht, 
Das feuchtverklärte Blau? 
Lockt dich dein eigen Angesicht 
Nicht her in ewgen Tau?

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, 
Netzt' ihm den nackten Fuß; 
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, 
Wie bei der Liebsten Gruß. 
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm. 
Da war's um ihn geschehn: 
Halb zog sie ihn, halb sank er hin. 
Und ward nicht mehr gesehn.

Goethe

4.Juli 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Juli

Klingt im Wind ein Wiegenlied,
Sonne warm herniedersieht;
Seine Ähren senkt das Korn;
Rote Beere schwillt am Dorn;
Schwer von Regen ist die Flur -
Junge Frau, was sinnst du nur?

Theodor Storm

27.Juni 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 2)

Die Worte des Glaubens

Drei Worte nenn ich euch, inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde,
Doch stammen sie nicht von außen her,
Das Herz nur gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist aller Wert geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd er in Ketten geboren,
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Mißbrauch rasender Toren.
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht.
 
Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.
 
Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke,
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke,
Und ob alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.
 
Die drei Worte bewahret euch, inhaltschwer,
Sie pflanzet von Munde zu Munde,
Und stammen sie gleich nicht von außen her,
Euer Innres gibt davon Kunde,
Dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt,
Solang er noch an die drei Worte glaubt.
 
Friedrich Schiller

20.Juni 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 2)

Am See

Heute ist das Wasser warm, 
Heute kann's nicht schaden.
Schnell hinunter an den See! 
Heute geh'n wir baden.

1, 2, 3, die Hosen aus, 
Schuhe, Rock und Wäsche, 
und dann, plumps ins Wasser rein, 
gerade wie die Frösche.

Und der schönste Sonnenschein
brennt uns nach dem Bade
Brust und Buckel knusperbraun,
braun wie Schokolade.

Adolf Holst

13.Juni 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Jüngst sah ich den Wind
 
Jüngst sah ich den Wind,
das himmlische Kind,
als ich träumend im Walde gelegen,
und hinter ihm schritt
mit trippelndem Tritt
sein Bruder, der Sommerregen.
 
In den Wipfeln da ging′s
nach rechts und nach links,
als wiegte der Wind sich im Bettchen;
und sein Brüderchen sang:
»Die Binke, die Bank,«
und schlüpfte von Blättchen zu Blättchen.
 
Weiß selbst nicht, wie′s kam,
gar zu wundersam
es regnete, tropfte und rauschte,
daß ich selber ein Kind,
wie Regen und Wind,
das Spielen der beiden belauschte.
 
Dann wurde es Nacht,
und eh ich′s gedacht,
waren fort, die das Märchen mir schufen.
Ihr Mütterlein
hatte sie fein
hinauf in den Himmel gerufen.
 
Arno Holz

6.Juni 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Im Grase

Glocken und Zyanen,
Thymian und Mohn.
Ach, ein fernes Ahnen
hat das Herz davon.

Und im sanften Nachen
trägt es so dahin.
Zwischen Traum und Wachen
frag ich, wo ich bin.

Seh die Schiffe ziehen,
fühl den Wellenschlag,
weiße Wolken fliehen
durch den späten Tag –

Glocken und Zyanen,
Mohn und Thymian.
Himmlisch wehn die Fahnen
über grünem Plan:

Löwenzahn und Raden,
Klee und Rosmarin.
Lenk es, Gott, in Gnaden
nach der Heimat hin.

Das ist deine Stille.
Ja, ich hör dich schon.
Salbei und Kamille,
Thymian und Mohn,

und schon halb im Schlafen
– Mohn und Thymian –
landet sacht im Hafen
nun der Nachen an.

Josef Weinheber 

30.Mai 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Lenz

Da kommt der Lenz, der schöne Junge, 
Den alles lieben muss, 
Herein mit einem Freudensprunge 
Und lächelt seinen Gruß; 
Und schickt sich gleich mit frohem Necken 
Zu all den Streichen an, 
Die er auch sonst dem alten Recken, 
Dem Winter, angetan. 
Er gibt sie frei, die Bächlein alle, 
Wie auch der Alte schilt, 
Die der in seiner Eisesfalle 
So streng gefangen hielt. 
Schon ziehn die Wellen flink von dannen 
Mit Tänzen und Geschwätz 
Und spötteln über des Tyrannen 
Zerronnenes Gesetz. 
Den Jüngling freut es, wie die raschen 
Hinlärmen durchs Gefild, 
Und wie sie scherzend sich enthaschen 
Sein aufgeblühtes Bild. 
Froh lächelt seine Mutter Erde 
Nach ihrem langen Harm; 
Sie schlingt mit jubelnder Gebärde 
Das Söhnlein in den Arm. 
In ihren Busen greift der Lose 
Und zieht ihr schmeichelnd keck 
Das sanfte Veilchen und die Rose 
Hervor aus dem Versteck. 
Und sein geschmeidiges Gesinde 
Schickt er zu Berg und Tal: 
»Sagt, dass ich da bin, meine Winde, 
Den Freunden allzumal!« 
Er zieht das Herz an Liebesketten 
Rasch über manche Kluft 
Und schleudert seine Singraketen,
Die Lerchen, in die Luft. 

Nikolaus Lenau

23.Mai 2021

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Auf Bergeshöhe
 
Überm Staub und Lärm der Gassen,
Wind und Wolken zugesellt,
Fühl ich tröstend mich umfassen
Eine makellose Welt.

Seine Flügel senkt mein Sehnen,
Alle Wünsche gehn zur Ruh,
Und die Quelle meiner Tränen
Schließt sich sacht von selber zu.
 
Ricarda Huch