Gedicht der Woche

26.Juni 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Nachtlied

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich’s weben,
Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.

Friedrich Hebbel

19.Juni 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mondscheinlerchen

Von dem Lager heb' ich sacht 
meine müden Glieder, 
eine warme Sommernacht 
draußen stärkt sich wieder.

Mondschein liegt um Meer und Land 
dämmerig gebreitet, 
in den weißen Dünensand 
Well' auf Welle gleitet.

Unaufhörlich bläst das Meer 
eherne Posaunen; 
Roggenfelder, segenschwer, 
leise wogend raunen.

Wiesenfläche, Feld und Hain 
zaubereinsam schillern, 
badend hoch im Mondenschein 
Mondscheinlerchen trillern.

„Lerche, sprich, was singst du nur 
um die Mitternachtsstunde? 
Dämmer liegt auf Meer und Flur 
und im Wiesengrunde.“

„Will ich meinen Lobgesang 
halb zu Ende bringen, 
muß ich tag- und nächtelang 
singen, singen, singen!“

Gerhart Hauptmann

12.Juni 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Bäche zittern silbern

Bäche zittern silbern,
Gräser glittern und nicken,
Und weiße Anemonen
Blicken zum blauen Himmel.

Ich ging in jungen Gräsern
Mit meinem weichsten Schritt,
Die Amsel hat gesungen,
Und mein Herz sang mit.

Max Dauthendey

5.Juni 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

 

Der Spinnerin Lied

Aus der Chronik eins fahrenden Schülers

Es sang vor langen Jahren 
Wohl auch die Nachtigall, 
Das war wohl süßer Schall, 
Da wir zusammen waren.

Ich sing‘ und kann nicht weinen, 
Und spinne so allein 
Den Faden klar und rein 
So lang der Mond wird scheinen.

Da wir zusammen waren 
Da sang die Nachtigall 
Nun mahnet mich ihr Schall 
Dass du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen, 
Denk ich wohl dein allein, 
Mein Herz ist klar und rein, 
Gott wolle uns vereinen!

Seit du von mir gefahren, 
Singt stets die Nachtigall, 
Ich denk‘ bei ihrem Schall, 
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen 
Hier spinn‘ ich so allein, 
Der Mond scheint klar und rein, 
Ich sing‘ und möchte weinen!

Clemens Brentano

29.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der alte Narr

Ein Künstler auf dem hohen Seil,
Der alt geworden mittlerweil,
Stieg eines Tages vom Gerüst
Und sprach: Nun will ich unten bleiben
Und nur noch Hausgymnastik treiben,
Was zur Verdauung nötig ist.

Da riefen alle: Oh, wie schad!
Der Meister scheint doch allnachgrad
Zu schwach und steif zum Seilbesteigen!

Ha! denkt er, dieses wird sich zeigen!
Und richtig, eh der Markt geschlossen,
Treibt er aufs neu die alten Possen
Hoch in der Luft und zwar mit Glück,
Bis auf ein kleines Missgeschick.

Er fiel herab in großer Eile
Und knickte sich die Wirbelsäule

Der alte Narr! Jetzt bleibt er krumm!
So äußert sich das Publikum.

Wilhelm Busch

22.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Der Sommer

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns Freuden viel:
Wir jagen dann und springen
Nach bunten Schmetterlingen
Und spielen manches Spiel.

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns manchen Fund:
Erdbeeren wir uns suchen
Im Schatten hoher Buchen
Und laben Herz und Mund.

Der Sommer, der Sommer,
Der heißt uns lustig sein:
Wir winden Blumenkränze
Und halten Reigentänze
Beim Abendsonnenschein.

August Hoffmann von Fallersleben

15.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Barbarossa

Der alte Barbarossa, 
Der Kaiser Friederich, 
Im unterird'schen Schlosse 
Hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben, 
Er lebt darin noch jetzt; 
Er hat, im Schloss verborgen, 
Zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen 
Des Reiches Herrlichkeit 
Und wird einst wiederkommen 
Mit ihr zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern, 
Darauf der Kaiser sitzt; 
Der Tisch ist marmelsteinern, 
Worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse, 
Er ist von Feuersglut, 
Ist durch den Tisch gewachsen, 
Worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume, 
Sein Aug' halb offen zwinkt, 
Und je nach langem Raume 
Er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben: 
"Geh hin vors Schloss, o Zwerg, 
Und sieh, ob noch die Raben 
Herfliegen um den Berg!

Und wenn die alten Raben 
Noch fliegen immerdar, 
So muss ich auch noch schlafen 
Verzaubert hundert Jahr."

Friedrich Rückert

8.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Die Erlen

Wo hier aus den felsichten Grüften
Das silberne Bächelchen rinnt,
Umflattert von scherzenden Lüften
Des Maies die Reize gewinnt,

Um welche mein Mädchen es liebt
Das Mädchen so rosicht und froh
Und oft mir ihr Herzchen hier gibt,
Wenn städtisches Wimmeln sie floh;

Da wachsen auch Erlen, sie schatten
Uns beide in seliger Ruh,
Wenn wir von der Hitze ermatten
Und sehen uns Fröhlichen zu.

Aus ihren belaubeten Zweigen
Ertönet der Vögel Gesang
Wir sehen die Vögelchen steigen
Und flattern am Bache entlang.

O Erlen, o wachset und blühet
Mit unserer Liebe doch nur
Ich wette, in kurzer Zeit siehet
Man euch als die Höchsten der Flur.

Und kommet ein anderes Pärchen,
Das herzlich sich liebet wie wir
Ich und mein goldlockiges Klärchen,
So schatte ihm Ruhe auch hier.

Novalis

1.Mai 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Mailied

Willkommen liebe Sommerzeit,
Willkommen schöner Mai,
Der Blumen auf den Anger streut,
Und alles machet neu.
 
Die Vögel höhen ihren Sang,
Der ganze Buchenhain
Wird süßer, süßer Silberklang,
Und Bäche murmeln drein.
 
Roth stehn die Blumen, weiß und blau,
Und Mädchen pflücken sie,
Bald auf der Flur, bald auf der Au,
Ahi, Herr Mai, Ahi!
 
Ihr Busen ist von Blümchen bunt,
Ich sah ihn schöner nie,
Es lacht ihr rosenroter Mund,
Ahi, Herr Mai, Ahi!

Ludwig Hölty

24.April 2022

von Monika Spatz (Kommentare: 0)

Das Häslein

Unterm Schirme, tief im Tann,
hab ich heut gelegen,
durch die schweren Zweige rann
reicher Sommerregen.
 
Plötzlich rauscht das nasse Gras -
stille! nicht gemuckt! - :
Mir zur Seite duckt
sich ein junger Has ...
 
Dummes Häschen,
bist du blind?
Hat dein Näschen
keinen Wind?
 
Doch das Häschen, unbewegt,
nutzt, was ihm beschieden,
Ohren, weit zurückgelegt,
Miene, schlau zufrieden.
 
Ohne Atem lieg ich fast,
lass die Mücken sitzen;
still besieht mein kleiner Gast
meine Stiefelspitzen ...
 
Um uns beide - tropf - tropf - tropf -
traut eintönig Rauschen ...
Auf dem Schirmdach - klopf - klopf - klopf.
Und wir lauschen ... lauschen ...
 
Wunderwürzig kommt ein Duft
durch den Wald geflogen;
Häschen schnuppert in die Luft,
fühlt sich fortgezogen;
 
schiebt gemächlich seitwärts, macht
Männchen aller Ecken ...
Herzlich hab ich aufgelacht -:
Ei! der wilde Schrecken!

Christian Morgenstern