Stadt

Augen in der Großstadt
Kurt Tucholsky (1890-1935)

 

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden...

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

 

 


Die Stadt
Georg Heym (1887-1912)

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.
Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.
Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.
Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

 

 


In einer großen Stadt
Detlev von Liliencron (1844-1909)


 

Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt

Bald Der, bald Jener, Einer nach dem Andern.
Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.
       Der Orgeldreher dreht sein Lied.

 

Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts
Bald Der, bald Jener, Einer nach dem Andern.
Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.
      Der Orgeldreher dreht sein Lied.

 

Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt,
Querweg die Menschen, Einer nach dem Andern.
Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.
       Der Orgeldreher dreht sein Lied.