Lesepfad: Zeit

Die Zeit geht nicht

Keller, Gottfried

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserei,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End,
Auch ich schreib meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.

Zeit

Tieck, Ludwig

So wandelt sie im ewig gleichen Kreise, 
Die Zeit, nach ihrer alten Weise, 
Auf ihrem Wege taub und blind. 
Das unbefangene Menschenkind 
Erwartet stets vom nächsten Augenblick 
Ein unverhofftes seltsam neues Glück. 
Die Sonne geht und kehret wieder, 
Kommt Mond und sinkt die Nacht hernieder, 
Die Stunden die Wochen abwärts leiten, 
Die Wochen bringen die Jahreszeiten. 
Von aussen nichts sich je erneut. 
In dir trägst du die wechselnde Zeit, 
In dir nur Glück und Begebenheit!


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