Lesepfad: Winter

Baum im Winter

Busta, Christine

Seltsame Früchte hat er heut getragen:
im Morgenfrost den roten Sonnenapfel,
am Abend eine Silberschote Mond.

Copyright:  Christine Busta, Unterwegs zu älteren Feuern, Otto Müller Verlag, Salzburg 1995, 3. Auflage

Winternacht

Lenau, Nikolaus

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Dass einmal Ruh mag drinnen sein,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!

Heller Morgen

Münchhausen, Börries von

Als ich schläfrig heut erwachte,
- und es war die Kirchenzeit –
hörte ich’s am Glockenklange,
dass es über Nacht geschneit.
 
Denn in meinem hellen Zimmer
klang so hell der Glockenschlag,
dass ich schon im Traume wusste:
heute wird ein heller Tag.

Als ich durch die Scheiben staunte,
wie die Welt so froh beschneit,
wurde mir die ganze Seele
glänzend weiß und hell und weit.

Winternacht

Eichendorff, Joseph von

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab' nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst seien Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Winterschlaf

Klabund,

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet,
Hat es der Dichter schwer,
Der Sommer ist geendet,
Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen?
Die meisten Requisiten sind vereist.
Man muss schon in die eigene Seele dringen
- Jedoch, da haperts meist.
 
Man sitzt besorgt auf seinen Hintern,
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,
- Da hilft das eben nichts, da muss man eben überwintern
Wie Frosch und Lurch.

Vor dem Winter

Weiß, Konrad

Kein Himmel in der Frühe,
nach halben Schritten wird es still,
und wie das Blatt vom Baume fiel,
verzuckt ein Lichtlein ohne Will,
grämt sich und hat nicht Mühe.

Es will der Tag nicht raten.
Als löste sich von unserm Mund
das Blatt, so sind die Worte wund.
Im Nebel rinnen Stund um Stund,
verrinnen unsre Taten.

 Allein in letzter Höhe
steht noch ein Blatt und zittert bald
und wird im Sterben voll Gestalt;
ein Wind als wie ein Messer kalt
nimmt auch das letzte Blatt.

Schneeflocke

Dörmann, Felix

Du bist eine weiße Flocke, 
Ein himmelentsprungenes Kind 
Und wirbelst - licht und selig 
Dahin durch Wolken und Wind. 
Du bist eine weiße Flocke - 
Du stirbst der Flocken Tod: 
Nach kurzem Sonnengruße 
In Straßenstaub und Kot...

Ein Winterabend

Trakl, Georg

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
lang die Abendglocke läutet,
vielen ist der Tisch bereitet
und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
auf dem Tische Brot und Wein.

Winterwald

Weber, Friedrich Wilhelm

Winterwald im Sonnenglanze,
Reich an Silber und Demanten,
Die an jedem Zweige blitzen,
Die auf jeder Knospe brannten.

Rings ein Glimmern und ein Glühen,
Gleich als wollten eitle Zwerge
Einmal zum Verwundern zeigen
All den Reichtum ihrer Berge;

All den Hort geheimer Schätze,
Die sie rastlos schürften, scharrten:
Winterwald im Sonnenglanze,
Schöner als ein Frühlingsgarten.

Winternacht

Keller, Gottfried

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix' herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet' sie
An der harten Decke her und hin,
Ich vergeß' das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

Februar

Storm, Theodor

Im Winde wehn die Lindenzweige,
von roten Knospen übersäumt;
Die Wiegen sind's, worin der Frühling
die schlimme Winterzeit verträumt.

O wär im Februar doch auch
wie's andrer Orten ist es Brauch,
bei uns die Narrheit zünftig!

Denn wer, solang das Jahr sich misst,
nicht einmal herzlich närrisch ist,
wie wäre der zu andrer Frist
wohl jemals ganz vernünftig!

Frau Holle

Sturm, Julius

Vorm Fenster Flockengewimmel
Im Ofen knisternder Brand!
Da reitet auf schneeweißem Schimmel
Frau Holle wieder durchs Land.
Sie reitet in wallendem Kleide,
Ihr Auge blitzt hell und klar,
Es funkelt ihr reiches Geschmeide,
Es flattert im Wind ihr Haar.

Dass keiner sein Glück versäume,
Ihr Schläfer im Garten erwacht!
Frau Holle segnet die Bäume
Zu neuer Blütenpracht.

Sie naht und ist verschwunden,
Ist gleich dem Glück auf der Flucht,
Und wen sie schlafend gefunden,
Der trägt nicht Blüte noch Frucht.

An der Ecke

Rilke, Rainer Maria

Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,
die an der Ecke stets Kastanien briet.
Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte
froh und gesund, ob Falte auch bei Falte
seit vielen Jahren es durchzieht.

Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;
die Tüten müssen rein sein, und das Licht
an ihrem Stand muss immer helle scheinen,
und von dem Ofen mit den krummen Beinen
verlangt sie streng die heiße Pflicht.

So trefflich schmort auch keine die Maroni.
Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,
und alle kennt sie - bis zum Tramwaypony;
sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni ...
Und leise summt ihr Herd sein Lied.

Februar

Flaischlen, Cäsar

Schon leuchtet die Sonne wieder am Himmel
und schmilzt die Schneelast von den Dächern
und taut das Eis auf an den Fenstern
und lacht ins Zimmer: wie geht's? wie steht's?

Und wenn es auch noch lang nicht Frühling,
so laut es überall tropft und rinnt ...
du sinnst hinaus über deine Dächer ...
du sagst, es sei ein schreckliches Wetter,
man werde ganz krank! und bist im stillen
glückselig drüber wie ein Kind.

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang

Mörike, Eduard

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist's, dass ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, dass nicht der Traum entweiche.
Seh ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,
Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,
Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
- Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
Die Purpurlippe, die geschlossen lag,
Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der Tag
Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Neuschnee

Morgenstern, Christian

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen 
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur, 
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen 
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur.
 

Kindisch ist und köstlich solch Beginnen 
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht 
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen 
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

Wintertag

Meyer, Conrad Ferdinand

Über schneebedeckter Erde
Blaut der Himmel, haucht der Föhn –
Ewig jung ist nur die Sonne,
Sie allein ist ewig schön!

Heute steigt sie spät am Himmel
Und am Himmel sinkt sie bald –
Wie das Glück und wie die Liebe –
Hinter dem entlaubten Wald.

Winternacht

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Wie ist so herrlich die Winternacht! 
Es glänzt der Mond in voller Pracht 
Mit den silbernen Sternen am Himmelszelt.

Es zieht der Frost durch Wald und Feld 
Und überspinnet jedes Reis 
Und alle Halme silberweiß.

Er hauchet über dem See, und im Nu, 
Noch eh' wir's denken, friert er zu.

So hat der Winter auch unser gedacht 
Und über Nacht uns Freude gebracht. 
Nun wollen wir auch dem Winter nicht grollen 
Und ihm auch Lieder des Dankes zollen.

Alles still

Fontane, Theodor

Alles still!  Es tanzt den Reigen 
Mondenstrahl in Wald und Flur, 
Und darüber thront das Schweigen 
Und der Winterhimmel nur. 
     
Alles still! Vergeblich lauschet 
Man der Krähe heisrem Schrei. 
Keiner Fichte Wipfel rauschet, 
Und kein Bächlein summt vorbei. 
     
Alles still! Die Dorfeshütten 
Sind wie Gräber anzusehn, 
Die, von Schnee bedeckt, inmitten 
Eines weiten Friedhofs stehn. 
     
Alles still! Nichts hör ich klopfen 
Als mein Herze durch die Nacht - 
Heiße Tränen niedertropfen 
Auf die kalte Winterpracht.

Winter

Bierbaum, Otto Julius

Weg und Wiese zugedeckt, 
Und der Himmel selbst verhangen, 
Alle Berge sind versteckt, 
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht, 
Die sich vor den Tag geschoben, 
Die der Sonne glühe Pracht 
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot: 
Sonne, Mond und lichte Sterne? 
Ruht das wirkende Gebot, 
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum? 
Sind verschüttet alle Wege? 
Grau und eng die Welt und stumm. 
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

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