Lesepfad: Mütter

Meiner Mutter

Liliencron, Detlev von

Wie oft sah ich die blassen Hände nähen,
ein Stück für mich - wie liebevoll du sorgtest!
 
Ich sah zum Himmel deine Augen flehen,
ein Wunsch für mich - wie liebevoll du sorgtest!
 
Und an mein Bett kamst du mit leisen Zehen,
ein Schutz für mich - wie sorgenvoll du horchtest!
 
Längst schon dein Grab die Winde überwehen,
ein Gruß für mich - wie liebevoll du sorgtest!

Mutterliebe

Kaulisch, Friedrich Wilhelm

Wenn Du noch eine Mutter hast
so danke Gott und sei zufrieden
nicht allen auf dem Erdenrund
ist dieses hohe Glück geschieden.
 
Sie ist dein Sein, sie ist dein Werden
sie ist Dein allerhöchstes Gut
sie ist Dein größter Schatz auf Erden
der immer Dir nur Gutes tut.
 
Sie hat von ersten Tage an
für dich gelebt, in bangen Sorgen
sie brachte abends dich zur Ruh
und weckte küssend dich am Morgen
 
Und warst du krank, sie pflegte dich,
die dich in tiefem Schmerz geboren
und gaben alle dich schon auf,
die Mutter gab dich nie verloren.
 
Wenn Du noch eine Mutter hast,
dann sollst Du sie in Liebe pflegen,
dass sie dereinst ihr müdes Haupt
in Frieden kann zur Ruhe legen.
 
Und hast Du keine Mutter mehr
und kannst du sie nicht mehr beglücken,
so kannst du doch ihr frühes Grab
mit frischen Blumenkränzen schmücken.
 
Ein Muttergrab, ein heilig Grab,
für Dich die ewig bleibende Stätte
oh wende Dich an diesen Ort,
wenn dich umtobt des Lebens Wilde.

Einen Menschen wissen

Dehmel, Paula
Einen Menschen wissen,
der dich ganz versteht,
der in Bitternissen
immer zu dir steht,
der auch deine Schwächen liebt
weil du bist sein;
dann mag alles brechen
du bist nie allein.

An meine Mutter

Droste-Hülshoff, Annette von

So gern hätt' ich ein schönes Lied gemacht
Von Deiner Liebe, deiner treuen Weise;
Die Gabe, die für andre immer wacht,
Hätt' ich so gern geweckt zu deinem Preise.

Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr,
Und wie ich auch die Reime mochte stellen,
Des Herzens Fluten wallten darüber her,
Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.

So nimm die einfach schlichte Gabe hin,
Von einfach ungeschmücktem Wort getragen,
Und meine ganze Seele nimm darin:
Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.

Ein Friedhofbesuch

Vogl, Johann Nepomuk

Beim Totengräber pocht es an:
»Mach' auf, mach' auf, du greiser Mann.

Tu auf die Tür und nimm den Stab,
Musst zeigen mir ein teures Grab!«

Ein Fremder spricht's mit strupp'gem Bart,
Verbrannt und rau nach Kriegerart.

»Wie heißt der Teure, der Euch starb
Und sich ein Pfühl bei mir erwarb? « –

»Die Mutter ist es; kennt Ihr nicht
Der Marthe Sohn mehr am Gesicht? « –

»Hilf Gott, wie groß, wie braun gebrannt!
Hätt' nun und nimmer Euch erkannt!

Doch kommt und seht! Hier ist der Ort,
Nach dem gefragt mich Euer Wort

Hier wohnt, verhüllt von Erd' und Stein,
Nun Euer totes Mütterleinl«

Da sieht der Krieger lang und schweigt,
Das Haupt hinab zur Brust geneigt.

Er steht und starrt zum teuern Grab
Mit tränenfeuchtem Blick hinab.

Dann schüttelt er sein Haupt und spricht:
»Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht.

Wie schloss' ein Raum, so eng und klein,
Die Liebe einer Mutter ein! «

Selbstgeständnis

Mörike, Eduard

Ich bin meiner Mutter einzig Kind,
Und weil die andern ausblieben sind,
Was weiß ich wie viel, die Sechs oder Sieben,
Ist eben alles an mir hängen blieben;
Ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte
Für ein ganz halb Dutzend allein aufessen,
Ich will's mein Lebtag nicht vergessen.
Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen,
Hätt' ich nur auch Schläg' für Sechse bekommen.

Mutterns Hände

Tucholsky, Kurt

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm -
un jewischt und jenäht
un jemacht und jedreht...
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bonbongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragn -
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält...
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch'n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Stricker acht
sechse sind noch am Leben...
alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt
Nu sind se alt
nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

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