Lesepfad: Balladen allgemein II

Des Sängers Fluch

Uhland, Ludwig

Es stand in alten Zeiten ein Schloss, so hoch und hehr,
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer,
Und rings von duft'gen Gärten ein blütenreicher Kranz,
Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.


Dort saß ein stolzer König, an Land und Siegen reich,
Er saß auf seinem Throne so finster und so bleich;
Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,
Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut.


Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar,
Der ein' in goldnen Locken, der andre grau von Haar;
Der Alte mit der Harfe, der saß auf schmuckem Ross,
Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoss.


Der Alte sprach zum Jungen: "Nun sei bereit, mein Sohn!
Denk unsrer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton!
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz!
Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz."


Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal,
Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl,
Der König furchtbar prächtig wie blut'ger Nordlichtschein,
Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein.


Da schlug der Greis die Saiten, er schlug sie wundervoll,
Dass reicher, immer reicher der Klang zum Ohre schwoll;
Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor,
Des Alten Sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor.


Sie singen von Lenz und Liebe, von sel'ger goldner Zeit
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu' und Heiligkeit,
Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.


Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott,
Des Königs trotz'ge Krieger, sie beugen sich vor Gott;
Die Königin, zerflossen in Wehmut und in Lust,
Sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust.


"Ihr habt mein Volk verführet; verlockt ihr nun mein Weib?"
Der König schreit es wütend, er bebt am ganzen Leib;
Er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt.
Draus statt der goldnen Lieder ein Blutstrahl hoch aufspringt.


Und wie vom Sturm zerstoben ist all der Hörer Schwarm.
Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters Arm;
Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Ross,
Er bind't ihn aufrecht feste, verlässt mit ihm das Schloss.


Doch vor dem hohen Thore, da hält der Sängergreis,
Da fasst er seine Harfe, sie, aller Harfen Preis,
An einer Marmorsäule, da hat er sie zerschellt;
Dann ruft er, dass es schaurig durch Schloss und Gärten gellt:


"Weh euch, ihr stolzen Hallen! Nie töne süßer Klang
Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang,
Nein, Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt,
Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeist zertritt!


Weh euch, ihr duft'gen Gärten im holden Maienlicht!
Euch zeig' ich dieses Toten entstelltes Angesicht,
Dass ihr darob verdorret, dass jeder Quell versiegt,
Dass ihr in künft'gen Tagen versteint, verödet liegt.


Weh dir, verruchter Mörder! du Fluch des Sängertums!
Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blut'gen Ruhms!
Dein Name sei vergessen, in ew'ge Nacht getaucht,
Sei wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht!"


Der Alte hat's gerufen, der Himmel hat's gehört,
Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört;
Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundner Pracht;
Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.


Und rings statt duft'ger Gärten ein ödes Heideland,
Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand,
Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch;
Versunken und vergessen! das ist des Sängers Fluch!

Die Kraniche des Ibykus

Schiller, Friedrich

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
der auf Korinthus' Landesenge
der Griechen Stämme froh vereint,
zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
der Lieder süßen Mund Apoll;
So wandert er, an leichtem Stabe,
aus Rhegium, des Gottes voll.

Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken,
und in Poseidons Fichtenhain
tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
von Kranichen begleiten ihn,
die fernhin nach des Südens Wärme
in graulichtem Geschwader ziehn.

"Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
Die mir zur See Begleiter waren!
Zum guten Zeichen nehm ich euch,
mein Los, es ist dem euren gleich;
von fern her kommen wir gezogen
und flehen um ein wirtlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen,
der von dem Fremdling wehrt die Schmach!"

Und munter fördert er die Schritte
und sieht sich in des Waldes Mitte -
da sperren, auf gedrangem Steg,
zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muss er sich bereiten,
doch bald ermattet sinkt die Hand,
die hat der Leier zarte Saiten,
doch nie des Bogens Kraft gespannt.

Er ruft die Menschen an, die Götter,
sein Flehen dringt zu keinem Retter,
wie weit er auch die Stimme schickt,
nichts Lebendes wird hier erblickt.
"So muss ich hier verlassen sterben,
auf fremdem Boden, unbeweint,
durch böser Buben Hand verderben,
wo auch kein Rächer mir erscheint!"

Und schwer getroffen sinkt er nieder,
da rauscht der Kraniche Gefieder,
er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
die nahen Stimmen furchtbar krähn.
"Von euch, ihr Kraniche dort oben,
wenn keine andre Stimme spricht,
sei meines Mordes Klag erhoben!"
Er ruft es, und sein Auge bricht.

Der nackte Leichnam wird gefunden,
und bald, obgleich entstellt von Wunden,
erkennt der Gastfreund von Korinth
die Züge, die ihm teuer sind.
"Und muss ich dich so wiederfinden,
und hoffte mit der Fichte Kranz
des Sängers Schläfe zu umwinden,
bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!"

Und jammernd hören’s alle Gäste,
versammelt bei Poseidons Feste,
ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
verloren hat ihn jedes Herz;
und stürmend drängt sich zum Prytanen
das Volk, es fordert seine Wut,
zu rächen des Erschlagnen Manen,
zu sühnen mit des Mörders Blut.

Doch wo die Spur, die aus der Menge,
der Völker flutendem Gedränge,
gelocket von der Spiele Pracht,
den schwarzen Täter kenntlich macht?
Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?
Tat’s neidisch ein verborgner Feind?
Nur Helios vermag’s zu sagen,
der alles Irdische bescheint.

Er geht vielleicht mit frechem Schritte
jetzt eben durch der Griechen Mitte,
und während ihn die Rache sucht,
genießt er seines Frevels Frucht;
auf ihres eignen Tempels Schwelle
trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
sich dreist in jene Menschenwelle,
die dort sich zum Theater drängt.

Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
es brechen fast der Bühne Stützen,
herbeigeströmt von fern und nah,
der Griechen Völker wartend da;
dumpfbrausend wie des Meeres Wogen,
von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
in weiter stets geschweiftem Bogen
hinauf bis in des Himmels Blau.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
die gastlich hier zusammenkamen?
Von Theseus Stadt, von Aulis Strand,
von Phokis, vom Spartanerland,
von Asiens entlegner Küste,
von allen Inseln kamen sie
und horchen von dem Schaugerüste
des Chores grauser Melodie,

Der, streng und ernst, nach alter Sitte,
mit langsam abgemessnem Schritte
hervortritt aus dem Hintergrund,
umwandelnd des Theaters Rund.
So schreiten keine ird’schen Weiber,
die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaß der Leiber
hoch über menschliches hinaus.

Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
sie schwingen in entfleischten Händen
der Fackel düsterrote Glut,
in ihren Wangen fließt kein Blut;
und wo die Haare lieblich flattern,
um Menschenstirnen freundlich wehn,
da sieht man Schlangen hier und Nattern
die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

Und schauerlich gedreht im Kreise
beginnen sie des Hymnus Weise,
der durch das Herz zerreißend dringt,
die Bande um den Frevler schlingt.
Besinnungsraubend, herzbetörend
schallt der Erinnyen Gesang,
er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
und duldet nicht der Leier Klang:

"Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
er wandelt frei des Lebens Bahn.
Doch wehe, wehe, wer verstohlen
des Mordes schwere Tat vollbracht!
Wir heften uns an seine Sohlen,
das furchtbare Geschlecht der Nacht.

Und glaubt er fliehend zu entspringen,
geflügelt sind wir da, die Schlingen
ihm werfend um den flüchtigen Fuß,
dass er zu Boden fallen muss.
So jagen wir ihn, ohn’ Ermatten,
versöhnen kann uns keine Reu,
ihn fort und fort bis zu den Schatten,
und geben ihn auch dort nicht frei."

So singend tanzen sie den Reigen,
und Stille, wie des Todes Schweigen,
liegt überm ganzen Hause schwer,
als ob die Gottheit nahe wär’.
Und feierlich, nach alter Sitte,
umwandelnd des Theaters Rund,
mit langsam abgemessnem Schritte
verschwinden sie im Hintergrund.

Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
noch zweifelnd jede Brust und bebet,
und huldiget der furchtbar’n Macht,
die richtend im Verborgnen wacht,
die unerforschlich, unergründet
des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
dem tiefen Herzen sich verkündet,
doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

Da hört man auf den höchsten Stufen
auf einmal eine Stimme rufen:
"Sieh da! Sieh da, Timotheus,
die Kraniche des Ibykus!" -
Und finster plötzlich wird der Himmel,
und über dem Theater hin
sieht man, in schwärzlichtem Gewimmel,
ein Kranichheer vorüberziehn.

"Des Ibykus!" - Der teure Name
rührt jede Brust mit neuem Grame,
und wie im Meere Well auf Well,
so läufts von Mund zu Munde schnell:
"Des Ibykus, den wir beweinen,
den eine Mörderhand erschlug!
Was ist’s mit dem? Was kann er meinen?
Was ist’s mit diesem Kranichzug?"

Und lauter immer wird die Frage,
und ahnend fliegt mit Blitzesschlage
durch alle Herzen: "Gebet acht,
das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
der Mörder bietet selbst sich dar!
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
und ihn, an den’s gerichtet war!"

Doch dem war kaum das Wort entfahren,
möcht er’s im Busen gern bewahren;
umsonst! Der schreckensbleiche Mund
macht schnell die Schuldbewussten kund.
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
die Szene wird zum Tribunal,
und es gestehn die Bösewichter,
getroffen von der Rache Strahl.

In Sturmes Not

Wolff, Julius


Eiskalt die Nacht; am Nordseestrand
wütet ein Sturm über See und Sand.
Die Brandung donnert, die Wogen rolln,
wie Himmel und Meer miteinander grolln.
Die Fischer im Dorf, von Sorgen erfüllt,
hören es, wie die Windsbraut brüllt,
die wuchtig über die Dünen fegt,
wildgrimmig auf Giebel und Dächer schlägt.
Nun dröhnt bei des Morgens Dämmerschein
ein Kanonenschuss in das Tosen hinein.
Ein Schiff in Not! Da springen sie auf,
Alte wie Junge, zum Strand im Lauf
und sehen gescheitert, fest auf dem Riff
ein unabbringlich verlorenes Schiff
"Das Rettungsboot klar! hinein und fort,
wenn’s menschenmöglich, zum Schreckensort!
Doch wo ist Harro?" Der Führer fehlt,
der alle mit seinem Mut beseelt.
Im nächsten Dorf blieb er zur Nacht;
hat auch wohl, statt zu schlafen, gewacht.
Sie können nicht warten, dort gähnt das Grab
Seeleuten wie sie, – so stoßen sie ab.

Sie legen sich in die Riemen mit Macht;
die Dollen ächzen, die Planke kracht;
die Wellen schwingen und schleudern das Boot;
Sturzseen bringen’s in grausige Not,
dass denen am Strande das Herz erbebt;
so haben noch keinen Nordwest sie erlebt.
Doch die auf dem Wasser, in Stürmen erprobt,
Trotz bieten sie allem, was wider sie tobt;
sie steuern dem Schiffe näher und nah,
und endlich, endlich sind sie nun da,
von denen als Retter mit Jubel begrüßt,
denen das Leben schien eingebüßt.

Das Deck überschwemmt schon, versunken das Gut
die Masten nur stehn noch in steigender Flut,
dran klammern sich die Verschlagnen und harrn,
dass ihnen die Glieder in Kälte starrn.
Die Fischer bergen sie Mann für Mann,
nur einen niemand noch retten kann;
er selber kann sich nicht regen mehr,
und das Boot ist voll, ist schon zu schwer,
liegt schon zu tief in den brechenden Well’n,
fort müssen sie ohne den armen Gesell’n.
Er sieht sie scheiden mit tränendem Blick,
ohne Hoffnung, besiegelt sein traurig Geschick.
Nun rückwärts an Land! Es braust und stürmt,
dass Woge sich über Woge türmt.
Der Himmel ist schwarz, die See ist weiß
vom wirbelnden Schaum; es perlt der Schweiß
auf all den Gesichtern, wetterbraun,
die um sich Tod und Verderben schaun.
Doch keiner verzagt, und keiner erschlafft,
sie kämpfen sich durch mit Riesenkraft,
und wie das Boot aus der Brandung fliegt,
da sind sie am Land und haben gesiegt.

Da ist auch Harro; sein erstes Wort
"Habt ihr sie alle?" — "Nein, einer blieb dort;
er hing zu hoch in den obersten Rah’n,
wir konnten ihm nicht mit Rettung nahn."
"So holen wir ihn," spricht er in Ruh.
"Unmöglich, Harro! der Sturm nimmt zu,
wir kommen nicht ab, wir kommen nicht an,
wir müssen preisgeben den einen Mann."
So meinen sie alle, doch Harro spricht:
"An Bord! ’s ist unsere heilige Pflicht!
Wer hilft?" Sie schweigen. "So fahr‘ ich allein!"
Da tritt auf ihn zu sein Mütterlein:
"Harro, dein Vater blieb draußen in See,
und nimmer verwind’ ich das bittere Weh;
auch Uwe, dein Bruder, mein Jüngster, fuhr aus
und kommt nie wieder, nie wieder nach Hau
der brave Junge! ich hatt’ ihn so lieb,
Gott weiß, wo die Flut auf den Sand ihn trieb!
Nun willst auch du noch — " "Mutter, ich muss!
und käm’ ich aus Wetter und Wogenguss
wie Uwe, dein Liebling, nie wieder zu Land;
wir stehen alle in Gottes Hand."
Sie hält ihn, sie bittet, sie weint und fleht,
dass er nicht, ihr letzter Hort noch, geht:
"Denk an mich, deine Mutter! ich alte Frau — "
"Ja, Mutter, weißt du denn so genau,
ob der auf dem Wrack dort, todesmatt,
nicht auch daheim eine Mutter hat?"
Er springt ins Boot, vier Mann ihm nach,
für solchen Seegang zu wenig, zu schwach;
doch fahren sie los und versuchen ihr Glück.
Dreimal wirft sie die Brandung zurück,
dann sind sie hinüber; bald hoch und steil
saust auf den Kamm, bald wie ein Pfeil
schießt tief ins Wellental der Bug
des tapfern Boots auf seinem Zug,
verfolgt von den Blicken der Bangenden hier;
atemlos spähen sie starr und stier.

Die fünf gelangen zu Wrack und Mast,
noch hängt im Tauwerk oben der Gast.
Harro nun entert die Wanten empor,
holt selbst ihn herunter, der fast erfror.
Doch er lebt, und sie rudern mit ihm zurück —
das Schwerste vom schweren Wagestück.

Sie kommen! Im Boote, von Gischt umblinkt,
erhebt sich Harro am Steuer und winkt,
und ehe der Kiel berührt den Grund,
legt er zum Rufe die Hand an den Mund
und schreit mit markerschütterndem Ton:
"Mutter, ich bring ihn! ’s ist Uwe, dein Sohn!"

Der Wilde

Seume, Johann Gottfried

Ein Kanadier, der noch Europens
Übertünchte Höflichkeit nicht kannte
Und ein Herz, wie Gott es ihm gegeben,
Von Kultur noch frei, im Busen fühlte,
Brachte, was er mit des Bogens Sehne
Fern in Quebecs übereisten Wäldern
Auf der Jagd erbeutet, zum Verkaufe.
Als er ohne schlaue Rednerkünste,
So wie man ihm bot, die Felsenvögel
Um ein kleines hingegeben hatte,
Eilt' er froh mit dem geringen Lohne
Heim zu seinen tief verdeckten Horden
In die Arme seiner braunen Gattin.

Aber ferne noch von seiner Hütte
Überfiel ihn unter freiem Himmel
Schnell der schrecklichste der Donnerstürme.
Aus dem langen, rabenschwarzen Haare
Troff der Guss herab auf seinen Gürtel,
Und das grobe Haartuch seines Kleides
Klebte rund an seinem hagern Leibe.
Schaurig zitternd unter kaltem Regen
Eilete der gute, wackre Wilde
In ein Haus, das er von fern erblickte.
"Herr, ach lasst mich, bis der Sturm sich leget!",
Bat er mit der herzlichsten Gebärde
Den gesittet feinen Eigentümer;
"Obdach hier in Eurem Hause finden!" -
"Willst du missgestaltes Ungeheuer",
Schrie ergrimmt der Pflanzer ihm entgegen,
"Willst du Diebsgesicht mir aus dem Hause!"
Und er ergriff den schweren Stock im Winkel.

Traurig schritt der ehrliche Hurone
Fort von dieser unwirtbaren Schwelle,
Bis durch Sturm und Guss der späte Abend
Ihn in seine friedliche Behausung
Und zu seiner braunen Gattin brachte.
Nass und müde setzt' er bei dem Feuer
Sich zu seinen nackten Kleinen nieder
Und erzählte von den bunten Städtern
Und den Kriegern, die den Donner tragen,
Und dem Regensturm, der ihn ereilte,
Und der Grausamkeit des weißen Mannes.
Schmeichelnd hingen sie an seinen Knien,
Schlossen schmeichelnd sich um seinen Nacken,
Trockneten die langen schwarzen Haare
Und durchsuchten seine Waidmannstasche,
Bis sie die versprochnen Schätze fanden.

Kurze Zeit darauf hatt' unser Pflanzer
Auf der Jagd im Walde sich verirret.
Über Stock und Stein, durch Tal und Bäche
Stieg er schwer auf manchen jähen Felsen,
Um sich umzusehen nach dem Pfade,
Der ihn tief in diese Wildnis brachte.
Doch sein Spähn und Rufen war vergebens;
Nichts vernahm er als das hohle Echo

Längs den hohen, schwarzen Felsenwänden.
Ängstlich ging er bis zur zwölften Stunde,
Wo er an dem Fuß des nächsten Berges
Noch ein kleines, schwaches Licht erblickte.
Furcht und Freude schlug in seinem Herzen,
Und er fasste Mut und nahte leise.
"Wer ist draußen?", brach mit Schreckenstone
Eine Stimme tief her aus der kleinen Wohnung.
"Freund, im Walde hab ich mich verirret",
Sprach der Europäer furchtsam schmeichelnd;
"Gönnet mir, die Nacht hier zuzubringen,
Und zeigt nach der Stadt, ich werd Euch danken,
Morgen früh mir die gewissen Wege."

"Kommt herein", versetzt der Unbekannte,
"Wärmt Euch; noch ist Feuer in der Hütte!"
Und er führt ihn auf das Binsenlager,
Schreitet finster trotzig in den Winkel,
Holt den Rest von seinem Abendmahle,
Hummer, Lachs und frischen Bärenschinken,
Um den späten Fremdling zu bewirten.
Mit dem Hunger eines Waidmanns speiste,
Festlich wie bei einem Klosterschmause,
Neben seinem Wirt der Europäer.
Fest und ernsthaft schaute der Hurone
Seinem Gaste spähend auf die Stirne,
Der mit tiefem Schnitt den Schinken trennte
Und mit Wollust trank vom Honigtranke,
Den in einer großen Muschelschale
Er ihm freundlich zu dem Mahle reichte.
Eine Bärenhaut auf weichem Moose
War des Pflanzers gute Lagerstätte,
Und er schlief bis in die hohe Sonne.

Wie der wilden Zone wildster Krieger,
Schrecklich stand mit Köcher, Pfeil und Bogen
Der Hurone jetzt vor seinem Gaste
Und erweckt' ihn, und der Europäer
Griff bestürzt nach seinem Jagdgewehre;
Und der Wilde gab ihm eine Schale,
Angefüllt mit süßem Morgentranke.
Als er lächelnd seinen Gast gelabet,
Bracht' er ihn durch manche lange Windung,
Über Stock und Stein, durch Tal und Bäche,
Durch das Dickicht auf die rechte Straße.
Höflich dankte fein der Europäer;
Finsterblickend blieb der Wilde stehen,
Sahe starr dem Pflanzer in die Augen,
Sprach mit voller, fester, ernster Stimme:
"Haben wir vielleicht uns schon gesehen?"
Wie vom Blitz getroffen stand der Jäger
Und erkannte nun in seinem Wirte
Jenen Mann, den er vor wenig Wochen
In dem Sturmwind aus dem Hause jagte,
Stammelte verwirrt Entschuldigungen.
Ruhig lächelnd sagt der Hurone:
"Seht ihr fremden, klugen, weißen Leute,
Seht, wir Wilden sind doch bessre Menschen!"
Und er schlug sich seitwärts in die Büsche.

Der Glockenguss von Breslau

Müller, Wilhelm

War einst ein Glockengießer
Zu Breslau in der Stadt,
Ein ehrenwerter Meister
Gewandt in Rat und Tat.
 
Er hatte schon gegossen
Viel Glocken, gelb und weiß,
Für Kirchen und Kapellen,
Zu Gottes Lob und Preis.
 
Und seine Glocken klangen
So voll, so hell, so rein;
Er goss auch Lieb und Glauben
Mit in die Form hinein.
 
Doch aller Glocken Krone,
Die er gegossen hat,
Das ist die Sünderglocke
Zu Breslau in der Stadt.
 
Im Magdalenenturme
Da hängt das Meisterstuck,
Rief schon manch starres Herze
Zu seinem Gott zurück.
 
Wie hat der gute Meister
So treu das Werk bedacht!
Wie hat er seine Hände
Gerührt bei Tag und Nacht!

Und als die Stunde kommen,
Dass alles fertig war,
Die Form ist eingemauert,
Die Speise gut und gar;

Da ruft er seinen Buben
Zur Feuerwacht herein:
"Ich lass auf kurze Weile
Beim Kessel dich allein,

Will mich mit einem Trunke
Noch stärken zu dem Guss,
Das gibt der zähen Speise
Erst einen vollen Fluss!
 
Doch hüte dich, und rühre
Den Hahn mir nimmer an:
Sonst wär es um dein Leben,
Fürwitziger, getan!"

Der Bube steht am Kessel,
Schaut in die Glut hinein:
Das wogt und wallt und wirbelt
Und will entfesselt sein -
 
Und zischt ihm in die Ohren
Und zuckt ihm durch den Sinn
Und zieht an allen Fingern
Ihn nach dem Hahne hin.
 
Er fühlt ihn in den Händen,
Er hat ihn umgedreht;
Da wird ihm angst und bange,
Er weiß nicht, was er tät -

Und läuft hinaus zum Meister,
Die Schuld ihm zu gestehn,
Will seine Knie umfassen
Und ihn um Gnade flehn.

Doch wie der nur vernommen
Des Knaben erstes Wort,
Da reißt die kluge Rechte
Der jähe Zorn ihm fort.
 
Er stößt sein scharfes Messer
Dem Buben in die Brust,
Dann stürzt er nach dem Kessel,
Sein selber nicht bewusst.

Vielleicht, dass er noch retten,
Den Strom noch hemmen kann -
Doch sieh, der Guss ist fertig,
Es fehlt kein Tropfen dran.
 
Da eilt er abzuräumen,
Und sieht, und wills nicht sehn,
Ganz ohne Fleck und Makel
Die Glocke vor sich stehn.
 
Der Knabe liegt am Boden,
Er schaut sein Werk nicht mehr;
Ach, Meister, wilder Meister,
Du stießest gar zu sehr!

Er stellt sich dem Gerichte,
Er klagt sich selber an.
Es tut den Richtern wehe
Wohl um den wackern Mann;
 
Doch kann ihn keiner retten,
Und Blut will wieder Blut.
Er hört sein Todesurteil
Mit ungebeugtem Mut.

Und als der Tag gekommen,
Dass man ihn fährt hinaus,
Da wird ihm angeboten
Der letzte Gnadenschmaus.
 
"Ich dank' euch", spricht der Meister
"lhr Herren lieb und wert;
Doch eine andre Gnade
Mein Herz von euch begehrt:
 
Lasst mich nur einmal hören
Der neuen Glocke Klang!
Ich hab' sie ja bereitet,
Möcht wissen, ob's gelang."

Die Bitte ward gewähret,
Sie schien den Herrn gering;
Die Glocke ward geläutet,
Als er zum Tode ging.
 
Der Meister hört sie klingen
So voll, so hell, so rein!
Die Augen gehn ihm über,
Es muss vor Freude sein.
 
Und seine Blicke leuchten,
Als wären sie verklärt;
Er hat in ihrem Klange
Wohl mehr als Klang gehört.
 
Hat auch geneigt den Nacken
Zum Streich voll Zuversicht,
Und was der Tod versprochen,
Das bricht das Leben nicht.
 
Das ist der Glocken Krone,
Die er gegossen hat,
Die Magdalenenglocke
Zu Breslau in der Stadt.
 
Die ward zur Sünderglocke
Seit jenem Tag geweiht;
Weiß nicht, ob's anders worden,
In dieser neuen Zeit.

Der Schatten

Mörike, Eduard

Von Dienern wimmelt's früh vor Tag,
Von Lichtern, in des Grafen Schloss.
Die Reiter warten sein am Tor,
Es wiehert morgendlich sein Ross.

Doch er bei seiner Frauen steht
Alleine noch im hohen Saal:
Mit Augen gramvoll prüft er sie,
Er spricht sie an zum letzten Mal.

»Wirst du, derweil ich ferne bin
Bei des Erlösers Grab, o Weib,
In Züchten leben und getreu
Mir sparen deinen jungen Leib?

Wirst du verschließen Tür und Tor
Dem Manne, der uns lang entzweit,
Wirst meines Hauses Ehre sein,
Wie du nicht warest jederzeit?«

Sie nickt; da spricht er: »Schwöre denn!«
Und zögernd hebt sie auf die Hand.
Da sieht er bei der Lampe Schein
Des Weibes Schatten an der Wand.

Ein Schauer ihn befällt - er sinnt,
Er seufzt und wendet sich zumal.
Er winkt ihr einen Scheidegruß,
Und lässet sie allein im Saal.

Elf Tage war er auf der Fahrt,
Ritt krank ins welsche Land hinein:
Frau Hilde gab den Tod ihm mit
In einem giftigen Becher Wein.

Es liegt eine Herberg an der Straß,
Im wilden Tal, heißt Mutintal,
Da fiel er hin in Todesnot,
Und seine Seele Gott befahl.

Dieselbe Nacht Frau Hilde lauscht,
Frau Hilde luget vom Altan:
Nach ihrem Buhlen schaut sie aus,
Das Pförtlein war ihm aufgetan.

Es tut einen Schlag am vordern Tor,
Und aber einen Schlag, dass es dröhnt und hallt;
Im Burghof mitten steht der Graf –
Vom Turm der Wächter kennt ihn bald.

Und Vogt und Zofen auf dem Gang
Den toten Herrn mit Grausen sehn,
Sehn ihn die Stiegen stracks herauf
Nach seiner Frauen Kammer gehn.

Man hört sie schreien und stürzen hin,
Und eine jähe Stille war.
Das Gesinde, das flieht, auf die Zinnen es flieht:
Da scheinen am Himmel die Sterne so klar.

Und als vergangen war die Nacht,
Und stand am Wald das Morgenrot,
Sie fanden das Weib in dem Gemach
Am Bettfuß unten liegen tot.

Und als sie treten in den Saal,
O Wunder! steht an weißer Wand
Frau Hildes Schatten, hebet steif
Drei Finger an der rechten Hand.

Und da man ihren Leib begrub,
Der Schatten blieb am selben Ort,
Und blieb, bis daß die Burg zerfiel;
Wohl stünd er sonst noch heute dort.

Die Lederhosensaga

Münchhausen, Börries von
Es war ein alter schwarzbrauner Hirsch,
Großvater schoss ihn auf der Pirsch;
und weil seine Decke so derb und dick,
stiftete er ein Familienstück.
Nachdem er lange nachgedacht,
ward eine Hose daraus gemacht;
denn: Geschlechter kommen, Geschlechter vergehen,
hirschlederne Reithosenbleiben bestehen.
 
Er trug sie dreiundzwanzig Jahr‘,
eine wundervolle Hose es war!
Und als mein Vater sie kriegte zu Lehen,
da hatte die Hose gelernt zu stehen,
steif und mit durchgebeulten Knien
stand sie abends vor dem Kamin -
Schweiß, Regen, Schnee - ja, mein Bester:
Eine lederne Hose wird immer fester!
 
Und als mein Vater an die sechzig kam,
einen Umbau der Hose er vor sich nahm;
das Leder freilich war unerschöpft,
doch die Büffelhornknöpfe waren dünngeknöpft,
wie alte Groschen, wie Scheibchen nur -
er erwarb eine neue Garnitur.
 
Und dann allmählich machte das Reiten
ihm nicht mehr den Spaß wie in früheren Zeiten.
Besonders der Trab in den hohen Kadenzen
ist kein Vergnügen für Exzellenzen,
So fiel die Hose durch Dotation
an mich in der dritten Generation.
 
Ein Reiterleben in Niedersachsen -
die Gaben der Hose war‘n wieder gewachsen!
Sie saß jetzt zu Pferde, wie aus Guss
und hatte wunderbaren Schluss,
und abends stand sie mit krummen Knien
wie immer zum Trocknen am Kamin.
 
Aus Großvaters Tagen herüber klingt
eine ferne Sage, die sagt und singt,
die Hose hätte in jungen Tagen
eine prachtvolle grüne Farbe getragen.
Mein Vater dagegen – ich weiß es genau -
nannte die Hose immer grau.
 
Seit Neunzehnhundert ist sie zu schaun
etwa wie guter Tabak: braun!
So entwickelte sie, fern jedem engen Geize,
immer neue ästhetische Reize,
und wenn mein Ältester einst sie trägt,
wer weiß, ob sie nicht ins Blaue schlägt!
 
Denn fern im Nebel der Zukunft schon
Seh‘ ich die Hose an meinem Sohn.
Er wohnt in ihr, wie wir drin gewohnt,
und es ist nicht nötig, dass er sie schont,
ihr Leder ist ganz unerschöpft -
die Knöpfe nur sind wieder durchgeknöpft,
und er stiftet, folgend der Väter Spur,
eine neue Steingussgarnitur.
Ja - Geschlechter kommen, Geschlechter gehen,
hirschlederne Reithosen bleiben bestehen.

Die Fahne der Einundsechzger

Wolff, Julius

Vor Dijon war's; - doch eh ich's euch erzähle,
Knüpf einer doch die Binde mir zurecht,
Mich schmerzt der Arm, sie sitzt wohl schlecht;
So!- so!- nun euer Herz sich stähle:
Vor Dijon war's; die Pässe der Vogesen
Bedrohte Garibaldis bunte Schar,
Bourbaki kam von der Loire,
Das hart bedrängte Belfort zu erlösen.

Gefahr war im Verzug; drei bange Tage
Hielt Werder gegen Uebermacht schon stand.
Bei Mömpelgard, und in der Hand
(ist Montbéliard)
Des Kriegsgotts schwankte schier die Waage.
Wir Pommern hatten vor Paris gelegen
Und waren schon im Marsch, das zweite Corps
Und auch das siebente ging vor
Von Orléans auf hartgefrornen Wegen.

In Dijon wussten wir den alten Recken
Und griffen ihn, zwei Regimenter, an
Mit seinen fünfzigtausend Mann,
Den Flankenmarsch der Corps zu decken,
Der Alte von Caprera ließ sich blenden,
Hielt die Brigade für die ganze Macht,
Und nachmittags begann die Schlacht
Die, ach, für uns so traurig sollte enden

Die Einundzwanz'ger auf dem rechten Flügel
Des ersten Treffens hatten schwer Gefecht,
Wir also vor! Und grade recht,
Mit Hurra nahmen sie den Hügel;
Dem Feinde auf der Ferse, ging's verwegen
Bis in die Vorstadt Dijons jetzt hinein,
Hier aber aus der Häuser Reihn
Kam mörderisches Feuer uns entgegen.

Im Steinbruch, mit dem Bajonett genommen,
Da fanden wir, vor eines Ausfalls Wucht
Zum Sammeln durch die steile Schlucht
Gedeckt, notdürftig unterkommen.
Doch die Fabrik dort in der rechten Flanke
Wie eine Festung auf uns Feuer spie,
"Vorwärts, die fünfte Compagnie
Zum Sturm auf die Fabrik, und keiner wanke!"

Der Tambour schlägt, es geht wie zur Parade,
Die Fahne fliegt uns hoch und stolz voran,
Doch klopft das Herz manch treuem Mann
Beim raschen Ritt auf diesem Pfade.
Wie Salven rollt und pfeift es in die Glieder,
Es rast der Schnitter Tod und fällt und mäht,
Und wie er seine Reihen sät,
Da sinkt die Fahne und der Träger nieder.

Aus dem Gedräng' ein Offizier sich rettet,
"Mir nach!", so ruft er und stürmt kühn voraus,
Doch aus dem unglücksel'gen Haus
Grüßt ihn der Tod, der eilig bettet.
Selbst blutend springt der Adjudant vom Pferde,
Erfasst die Fahne, schwingt sie hoch empor -
Da deckt sein Auge dunkler Flor,
Und sterbend küsst sein bleicher Mund die Erde.

"Was fällt, das fällt! Vorwärts durch Tod und Flammen!"
Zwei brave Musketiere greifen zu,
Der eine stürzt: "Versuch es du!"
Doch auch der andre bricht zusammen.
Nun fällt der Führer auch, wir müssen weichen,
Ein Häuflein war der Rest, vom Feind umringt,
Das schlägt sich durch, und es gelingt,
Den Steinbruch endlich wieder zu erreichen.

Da dachte keiner seiner eignen Wunde,
Wer jetzt noch aufrecht stand in Nacht und Graus,
"Die Fahne fehlt, holt sie heraus!"
So scholl es laut von Mund zu Munde.
Ein Halbzug wird zum Suchen ausgesendet.
Und - kommt nicht wieder, alle blieben tot,
Uns bebt das Herz; allmächt'ger Gott
Hast du dich zürnend gegen uns gewendet?

"Freiwill'ge vor!" - da blieb nicht einer stehen,
Der noch sein heiß Gewehr in Händen hielt,
Und sechs, die um das Los gespielt,
Sehn in die Nacht hinaus, wir gehen. -
Zurück, vom Feind verfolgt, ein einz'ger kehrte,
Der blutete, verhüllte sein Gesicht
Und schwieg - die Fahne bracht er nicht,
Und keiner, keiner seinen Tränen wehrte. -

Am andern Tag, so ließ Ricciotti melden,
Fand man die Fahne fest in starrer Hand,
Zerfetzt, zerschossen, halb verbrannt
Und unter Haufen toter Helden. - -
Wenn wir nun ohne Fahne wiederkommen,
Ihr Brüder allesamt, gebt uns Pardon!
Verloren haben wir sie schon,
Doch keinem L e b e n d e n ward sie genommen

Hunnenzug

Münchhausen, Börries von
Finsterer Himmel, pfeifender Wind,
wildöde Heide, der Regen rinnt,
von fern ein Schein, wie ein brennendes Dorf,
mattdüstrer Glanz auf den Lachen im Torf.
 
Da plötzlich ein stampfendes, dumpfes Geroll,
wie drohenden Wetters steigender Groll,
und lauter und lauter erdröhnt die Erde
vom stürmischen Nahn einer wilden Herde,

  

Ein Hunnenschwarm mit laut jauchzendem Ruf!
Dumpf donnert und poltert der Rosse Huf,
es erbebt die Heide, der Schlamm spritzt auf
an den dolchbangenen Sattelknauf.

  

Ein köcherumrauschter, gewaltiger Schwarm,
hell klirren die Spangen an Sattel und Arm.
Das Haupt geneigt auf die struppige Mähne,
die braune Faust an gespannter Sehne. -

  

Durch den rauschenden Regen wild geht ihr Schrei,
immer mehr, immer neue jagen herbei
von der heimatlosen unzählbaren Schar,
der der Sattel Wiege und Sterbebett war.

  

Da endlich die letzten vom Völkerheer, -
zerstampft und zertreten die Heide umher,
ein letztes Wiehern im Winde, - als Spur
auf dem schwarzen Schlamme ein Riemen nur. -

  

Finsterer Himmel, pfeifender Wind,
wildöde Heide, der Regen rinnt,
von fern ein Schein, wie ein brennendes Dorf,
und düsterer Glanz auf den Lachen im Torf.
 

Die Füße im Feuer

Meyer, Conrad Ferdinand

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann ...

 
 
- "Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!"
- Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!"
Der Reiter tritt in einen dunklen Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild ...
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebend'gen Brand. Er brütet, gafft ...
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal ...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

 
 
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt ...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
- "Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sind's ... Auf einer Hugenottenjagd ...
Ein fein, halsstarrig Weib ... 'Wo steckt der Junker? Sprich!'
Sie schweigt. 'Bekenn!' Sie schweigt. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt.

Ich werde wild. D e r  Stolz! Ich zerre das Geschöpf ...
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut ... 'Gib ihn heraus!' ... Sie schweigt ...





Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." -
Eintritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast ..."

 
 
Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an -
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr ...
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.
Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht ... Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt?
...

Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.
Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus! Sie schweigt.

 
 
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ...
- "Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!"
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

 
 
Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel'ge Wolken schimmern durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt'gen Wacht.
Die dunklen Schollen atmen kräft'gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht:
"Du sagst's! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast Du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst ... Mein ist die Rache, redet Gott.

Der blinde König

Uhland, Ludwig

Was steht der nord'schen Fechter Schar
hoch auf des Meeres Bord?
Was will in seinem grauen Haar
der blinde König dort?

Er ruft, in bittrem Harme
auf seinen Stab gelehnt,
dass überm Meeresarme
das Eiland widertönt:

"Gib Räuber, aus dem Felsverlies
die Tochter mir zurück!
Ihr Harfenspiel, ihr Lied so süß
war meines Alters Glück.

Vom Tanz auf grünem Strande
hast du sie weggeraubt;
dir ist es ewig Schande,
mir beugt's das graue Haupt."

Da tritt aus seiner Kluft hervor
der Räuber groß und wild,
er schwingt sein Hünenschwert empor
und schlägt an seinen Schild:

"Du hast ja viele Wächter,
warum denn litten's die?
Dir dient so mancher Fechter,
und keiner kämpft um sie?"

Noch stehn die Fechter alle stumm,
tritt keiner aus den Reihn,
der blinde König kehrt sich um:
"Bin ich denn ganz allein?"

Da fasst des Vaters Rechte
sein junger Sohn so warm:
"Vergönn mir's, dass ich fechte!
Wohl fühl ich Kraft im Arm."

"Oh Sohn, der Feind ist riesenstark,
ihm hielt noch keiner stand;
und doch in dir ist edles Mark,
ich fühl's am Druck der Hand.

Nimm hier die alte Klinge!
Sie ist der Skalden Preis.
Und fällst du, so verschlinge
die Flut mich armen Greis!"

Und horch! es schäumet und es rauscht
der Nachen übers Meer;
der blinde König steht und lauscht,
und alles schweigt umher,

bis drüben sich erhoben
der Schild und Schwerter Schall
und Kampfgeschrei und Toben
und dumpfer Widerhall.

Da ruft der Greis so freudig bang:
"Sagt an, was ihr erschaut!
Mein Schwert, ich kenn's am guten Klang,
es gab so scharfen Laut." -

"Der Räuber ist gefallen,
er hat den blut'gen Lohn.
Heil dir, du Held vor allen,
du starker Königssohn!"

Und wieder wird es still umher,
der König steht und lauscht:
„Was hör' ich kommen übers Meer?
Es rudert und es rauscht." -

"Sie kommen angefahren,
dein Sohn mit Schwert und Schild,
in sonnenhellen Haaren
dein Töchterlein Gunild."

"Willkommen!" ruft vom hohen Stein
der blinde Greis hinab,
"nun wird mein Alter wonnig sein
und ehrenvoll mein Grab.

Du legst mir, Sohn, zur Seite
das Schwert von gutem Klang,
Gunilde, du befreite
singst mir den Grabgesang."

Schwäbische Kunde

Uhland, Ludwig

Als Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil'gen Land gezogen kam,
Da musst' er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge, wüst und leer.
Daselbst erhub sich große Not,
Viel Steine gab's und wenig Brot,
Und mancher deutsche Reitersmann
Hat dort den Trunk sich abgetan.
Den Pferden war's so schwach im Magen,
Fast musste der Reiter die Mähre tragen.
Nun war ein Herr aus Schwabenland,
Von hohem Wuchs und starker Hand,
Des Rösslein war so krank und schwach,
Er zog es nur am Zaume nach,
Er hätt es nimmer aufgegeben
Und kostet's ihn das eigne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
Hinter dem Heereszug zurück;
Da sprengten plötzlich in die Quer
Fünfzig türkische Reiter daher,
Die huben an, auf ihn zu schießen,
Nach ihm zu werfen mit den Spießen.
Der wackre Schwabe forcht sich nit,
Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
Und tät nur spöttisch um sich blicken,
Bis einer, dem die Zeit zu lang,
Auf ihn den krummen Säbel schwang.
Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da fasst er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken
Einen halben Türken heruntersinken.
Da packt die andern kalter Graus,
Sie fliehen in alle Welt hinaus,
Und jedem ist's, als würd ihm mitten
Durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.
Drauf kam des Wegs 'ne Christenschar,
Die auch zurückgeblieben war;
Die sahen nun mit gutem Bedacht,
Was Arbeit unser Held gemacht.
Von denen hat's der Kaiser vernommen.
Der ließ den Schwaben vor sich kommen,
Er sprach: „Sag an, mein Ritter wert!
Wer hat dich solche Streich gelehrt?"
Der Held bedacht sich nicht zu lang:
„Die Streiche sind bei uns im Schwang,
Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche."

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