Wolff, Julius (1834-1910)

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Die Fahne der Einundsechzger

Vor Dijon war's; - doch eh ich's euch erzähle,
Knüpf einer doch die Binde mir zurecht,
Mich schmerzt der Arm, sie sitzt wohl schlecht;
So!- so!- nun euer Herz sich stähle:
Vor Dijon war's; die Pässe der Vogesen
Bedrohte Garibaldis bunte Schar,
Bourbaki kam von der Loire,
Das hart bedrängte Belfort zu erlösen.

Gefahr war im Verzug; drei bange Tage
Hielt Werder gegen Uebermacht schon stand.
Bei Mömpelgard, und in der Hand
(ist Montbéliard)
Des Kriegsgotts schwankte schier die Waage.
Wir Pommern hatten vor Paris gelegen
Und waren schon im Marsch, das zweite Corps
Und auch das siebente ging vor
Von Orléans auf hartgefrornen Wegen.

In Dijon wussten wir den alten Recken
Und griffen ihn, zwei Regimenter, an
Mit seinen fünfzigtausend Mann,
Den Flankenmarsch der Corps zu decken,
Der Alte von Caprera ließ sich blenden,
Hielt die Brigade für die ganze Macht,
Und nachmittags begann die Schlacht
Die, ach, für uns so traurig sollte enden

Die Einundzwanz'ger auf dem rechten Flügel
Des ersten Treffens hatten schwer Gefecht,
Wir also vor! Und grade recht,
Mit Hurra nahmen sie den Hügel;
Dem Feinde auf der Ferse, ging's verwegen
Bis in die Vorstadt Dijons jetzt hinein,
Hier aber aus der Häuser Reihn
Kam mörderisches Feuer uns entgegen.

Im Steinbruch, mit dem Bajonett genommen,
Da fanden wir, vor eines Ausfalls Wucht
Zum Sammeln durch die steile Schlucht
Gedeckt, notdürftig unterkommen.
Doch die Fabrik dort in der rechten Flanke
Wie eine Festung auf uns Feuer spie,
"Vorwärts, die fünfte Compagnie
Zum Sturm auf die Fabrik, und keiner wanke!"

Der Tambour schlägt, es geht wie zur Parade,
Die Fahne fliegt uns hoch und stolz voran,
Doch klopft das Herz manch treuem Mann
Beim raschen Ritt auf diesem Pfade.
Wie Salven rollt und pfeift es in die Glieder,
Es rast der Schnitter Tod und fällt und mäht,
Und wie er seine Reihen sät,
Da sinkt die Fahne und der Träger nieder.

Aus dem Gedräng' ein Offizier sich rettet,
"Mir nach!", so ruft er und stürmt kühn voraus,
Doch aus dem unglücksel'gen Haus
Grüßt ihn der Tod, der eilig bettet.
Selbst blutend springt der Adjudant vom Pferde,
Erfasst die Fahne, schwingt sie hoch empor -
Da deckt sein Auge dunkler Flor,
Und sterbend küsst sein bleicher Mund die Erde.

"Was fällt, das fällt! Vorwärts durch Tod und Flammen!"
Zwei brave Musketiere greifen zu,
Der eine stürzt: "Versuch es du!"
Doch auch der andre bricht zusammen.
Nun fällt der Führer auch, wir müssen weichen,
Ein Häuflein war der Rest, vom Feind umringt,
Das schlägt sich durch, und es gelingt,
Den Steinbruch endlich wieder zu erreichen.

Da dachte keiner seiner eignen Wunde,
Wer jetzt noch aufrecht stand in Nacht und Graus,
"Die Fahne fehlt, holt sie heraus!"
So scholl es laut von Mund zu Munde.
Ein Halbzug wird zum Suchen ausgesendet.
Und - kommt nicht wieder, alle blieben tot,
Uns bebt das Herz; allmächt'ger Gott
Hast du dich zürnend gegen uns gewendet?

"Freiwill'ge vor!" - da blieb nicht einer stehen,
Der noch sein heiß Gewehr in Händen hielt,
Und sechs, die um das Los gespielt,
Sehn in die Nacht hinaus, wir gehen. -
Zurück, vom Feind verfolgt, ein einz'ger kehrte,
Der blutete, verhüllte sein Gesicht
Und schwieg - die Fahne bracht er nicht,
Und keiner, keiner seinen Tränen wehrte. -

Am andern Tag, so ließ Ricciotti melden,
Fand man die Fahne fest in starrer Hand,
Zerfetzt, zerschossen, halb verbrannt
Und unter Haufen toter Helden. - -
Wenn wir nun ohne Fahne wiederkommen,
Ihr Brüder allesamt, gebt uns Pardon!
Verloren haben wir sie schon,
Doch keinem L e b e n d e n ward sie genommen

In Sturmes Not


Eiskalt die Nacht; am Nordseestrand
wütet ein Sturm über See und Sand.
Die Brandung donnert, die Wogen rolln,
wie Himmel und Meer miteinander grolln.
Die Fischer im Dorf, von Sorgen erfüllt,
hören es, wie die Windsbraut brüllt,
die wuchtig über die Dünen fegt,
wildgrimmig auf Giebel und Dächer schlägt.
Nun dröhnt bei des Morgens Dämmerschein
ein Kanonenschuss in das Tosen hinein.
Ein Schiff in Not! Da springen sie auf,
Alte wie Junge, zum Strand im Lauf
und sehen gescheitert, fest auf dem Riff
ein unabbringlich verlorenes Schiff
"Das Rettungsboot klar! hinein und fort,
wenn’s menschenmöglich, zum Schreckensort!
Doch wo ist Harro?" Der Führer fehlt,
der alle mit seinem Mut beseelt.
Im nächsten Dorf blieb er zur Nacht;
hat auch wohl, statt zu schlafen, gewacht.
Sie können nicht warten, dort gähnt das Grab
Seeleuten wie sie, – so stoßen sie ab.

Sie legen sich in die Riemen mit Macht;
die Dollen ächzen, die Planke kracht;
die Wellen schwingen und schleudern das Boot;
Sturzseen bringen’s in grausige Not,
dass denen am Strande das Herz erbebt;
so haben noch keinen Nordwest sie erlebt.
Doch die auf dem Wasser, in Stürmen erprobt,
Trotz bieten sie allem, was wider sie tobt;
sie steuern dem Schiffe näher und nah,
und endlich, endlich sind sie nun da,
von denen als Retter mit Jubel begrüßt,
denen das Leben schien eingebüßt.

Das Deck überschwemmt schon, versunken das Gut
die Masten nur stehn noch in steigender Flut,
dran klammern sich die Verschlagnen und harrn,
dass ihnen die Glieder in Kälte starrn.
Die Fischer bergen sie Mann für Mann,
nur einen niemand noch retten kann;
er selber kann sich nicht regen mehr,
und das Boot ist voll, ist schon zu schwer,
liegt schon zu tief in den brechenden Well’n,
fort müssen sie ohne den armen Gesell’n.
Er sieht sie scheiden mit tränendem Blick,
ohne Hoffnung, besiegelt sein traurig Geschick.
Nun rückwärts an Land! Es braust und stürmt,
dass Woge sich über Woge türmt.
Der Himmel ist schwarz, die See ist weiß
vom wirbelnden Schaum; es perlt der Schweiß
auf all den Gesichtern, wetterbraun,
die um sich Tod und Verderben schaun.
Doch keiner verzagt, und keiner erschlafft,
sie kämpfen sich durch mit Riesenkraft,
und wie das Boot aus der Brandung fliegt,
da sind sie am Land und haben gesiegt.

Da ist auch Harro; sein erstes Wort
"Habt ihr sie alle?" — "Nein, einer blieb dort;
er hing zu hoch in den obersten Rah’n,
wir konnten ihm nicht mit Rettung nahn."
"So holen wir ihn," spricht er in Ruh.
"Unmöglich, Harro! der Sturm nimmt zu,
wir kommen nicht ab, wir kommen nicht an,
wir müssen preisgeben den einen Mann."
So meinen sie alle, doch Harro spricht:
"An Bord! ’s ist unsere heilige Pflicht!
Wer hilft?" Sie schweigen. "So fahr‘ ich allein!"
Da tritt auf ihn zu sein Mütterlein:
"Harro, dein Vater blieb draußen in See,
und nimmer verwind’ ich das bittere Weh;
auch Uwe, dein Bruder, mein Jüngster, fuhr aus
und kommt nie wieder, nie wieder nach Hau
der brave Junge! ich hatt’ ihn so lieb,
Gott weiß, wo die Flut auf den Sand ihn trieb!
Nun willst auch du noch — " "Mutter, ich muss!
und käm’ ich aus Wetter und Wogenguss
wie Uwe, dein Liebling, nie wieder zu Land;
wir stehen alle in Gottes Hand."
Sie hält ihn, sie bittet, sie weint und fleht,
dass er nicht, ihr letzter Hort noch, geht:
"Denk an mich, deine Mutter! ich alte Frau — "
"Ja, Mutter, weißt du denn so genau,
ob der auf dem Wrack dort, todesmatt,
nicht auch daheim eine Mutter hat?"
Er springt ins Boot, vier Mann ihm nach,
für solchen Seegang zu wenig, zu schwach;
doch fahren sie los und versuchen ihr Glück.
Dreimal wirft sie die Brandung zurück,
dann sind sie hinüber; bald hoch und steil
saust auf den Kamm, bald wie ein Pfeil
schießt tief ins Wellental der Bug
des tapfern Boots auf seinem Zug,
verfolgt von den Blicken der Bangenden hier;
atemlos spähen sie starr und stier.

Die fünf gelangen zu Wrack und Mast,
noch hängt im Tauwerk oben der Gast.
Harro nun entert die Wanten empor,
holt selbst ihn herunter, der fast erfror.
Doch er lebt, und sie rudern mit ihm zurück —
das Schwerste vom schweren Wagestück.

Sie kommen! Im Boote, von Gischt umblinkt,
erhebt sich Harro am Steuer und winkt,
und ehe der Kiel berührt den Grund,
legt er zum Rufe die Hand an den Mund
und schreit mit markerschütterndem Ton:
"Mutter, ich bring ihn! ’s ist Uwe, dein Sohn!"

Wegewart!

Es wartet ein bleiches Jungfräulein
den Tag und die dunkle Nacht allein
auf ihren Herzliebsten am Wege,
wartet am Wege, Wegewart!

Sie spricht: und wenn ich hier Wurzeln schlag'
und warten soll bis zum jüngsten Tag,
ich warte auf ihn am Wege,
warte am Wege, Wegewart!

Vergessen hat sie der wilde Knab',
und wo sie gewartet, da fand sie ihr Grab,
ein Blümelein sprießet am Wege,
sprießet am Wege, Wegewart!

Der Sommer kommt und der Sommer geht,
der Herbstwind über die Haide geht,
das Blümlein wartet am Wege,
wartet am Wege, Wegewart!