Winterfeld, Paul von (1872-1905)

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Der Franke in Byzanz

Kaiser Karl, der nimmermüde
Seiner Lande wohl bedachte,
Sandt’ auch einstmals einen Boten
Hin zum Hofe von Byzanz.

Dort empfing man ihn mit Ehren,
Setzt’ ihn an des Kaisers Tafel,
Und ihm ward sein Platz gewiesen
Mitten in der Großen Kreis.

Nun war ein Gesetz gegeben,
An des Kaisers Tische dürfe
Niemand auf die andre Seite
Wenden, was ihm vorgelegt.

Doch der Franke, dieser Satzung
Unerfahren, wendet’ arglos
Seinen Fisch, der andern Seite
Ebenfalls ihr Recht zu tun.

Da erhoben sich die Fürsten
Mann für Mann, des Kaisers Ehre
Zu vertreten wider solche
Unerhörte Freveltat.

Und der Kaiser sprach mit Seufzen:
„Zwar dein Leben ist verfallen;
Doch es steht vor deinem Ende
Dir noch eine Bitte frei.

Was es immer sei, ich will es
Dir gewähren.“ Und der Franke
Dachte nach, und sprach bedächtig:
- Alles lauschte seinem Wort. -
„Eine kleine Bitte hab’ ich,
Eine einz’ge nur, Herr Kaiser.“
Und der Kaiser sprach: „Wohlan denn,
Sprich: sie ist voraus gewährt.

Nur das Leben dir zu schenken,
Ginge gegen unserer Väter
Allgeheiligte Bestimmung;
Jedes andre steht dir frei.“

Drauf der Franke: „Gerne sterb’ ich.
Nur ein einziges begehr’ ich,
Eh’ sie mich zum Tode führen;
Wer den Fisch mich wenden sah,

Soll das Augenlicht verlieren.“
Und der Kaiser rief erschrocken:
„So mir Gott, die andern sagten’s.
Ich, ich habe nichts gesehn.“

Und die Kaiserin desgleichen:
„Bei der heil’gen Gottesmutter,
Bei der Königin des Himmels
Schwör ich, dass ich nichts gesehn.“

Und des Reiches Große schwuren,
Bei den Fürsten der Apostel,
Bei der Engel und der Heil’gen
Scharen, dass sie nichts gesehn,

Also schlug der schlaue Franke
Sie mit ihren eignen Waffen.
Und er kehrte wohl und munter
Wieder heim ins Frankenland.