Vring, Georg von der (1889-1968)

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Ein Sprühn und ein Schatten

Nichts ist geschehn, und doch sing ich ein Lied:
Heut ist die glückliche Zeit meines Lebens!
Keiner will glauben, wenn nichts geschieht,
Dies sei die glückliche Zeit meines Lebens.

Wenn mir im Licht eine Amsel sprüht
so ist’s die von heute und nicht die von morgen;
Wenn mein Aug’ ihre Schattenspur sieht,
So nicht die von gestern und nicht die von morgen.

Die Stunde geht hin und nichts geschieht
Als das Sprühn eines Vogels am Tag meines Lebens,
Und mein Lied ist kurz wie der Amsel Lied:
Heut ist die glückliche Zeit meines Lebens!

© Langewiesche-Brandt

Jägerlied

Wär ich ein Wild
Und lebt ich in Wäldern!
Unter der Neige
Stäubender Zweige
Ging mir der Winter dahin.

Heute noch prangt
Am Liguster die Beere.
Schwarz unter vielen,
Frierend auf Stielen,
Nimmt sie der Winter dahin.

Schwarz ist der Schrot
Im Rohr meiner Flinte.
Feuerfarben
Sprühen die Garben
Hinter dem Wilde dahin.

Heute das Wild
Und morgen der Jäger!
Nachts in der Hütte
Stören mich Schritte,
Aber ich höre nicht hin.

© Langewiesche-Brandt

Nachtlied

Sage, hast du das Gras erdacht,
oder war es ein anderer Meister?
Ich habe nur dies und das gemacht,
aber hätt ' ich das Gras erdacht,
wäre ich wohl ein anderer Meister.
Einsame Nacht,
in eine Glockenblume zu gehn,
mitten ins Blau verwehn -

Sag hast du den Flieder erdacht,
oder war es ein anderer Meister?
Ich habe nur kleine Lieder gemacht,
aber hätt ' ich den Flieder erdacht,
wäre ich wohl ein anderer Meister.
Einsame Nacht,
in eine Mohnblume einzugehn,
mitten ins Rot verwehn -

Sag, hast du den Schlummer erdacht,
oder war es ein anderer Meister?
Ich habe nur Freude und Kummer gemacht,
aber hätt' ich den Schlummer erdacht,
wäre ich wohl ein anderer Meister.
Einsame Nacht,
in deine Fernen einzugehen,
mitten ins Weltenwehn.
Gute Nacht.

© Langewiesche-Brandt

Nie genug

Bei meines Lebens Narretein
Da ward ich einmal klug,
Ich liebt mich in dein Herz hinein,
Und tat’s doch nie genug.

Dein Mund so schön, dein Auge klar,
War alles, was ich frug,
Bis dass ich gar verwandelt war,
Und war’s doch nie genug.

Du wurdest unsere Mutter dann,
Die meine Kinder trug,
Ich saß bei dir und sah dich an,
Und tat’s doch nie genug.

Und als das Unheil lauerte,
Und als der Tod dich schlug,
Da weint ich hin und trauerte,
Und tat’s doch nie genug.

Wie dank ich’s dir? Das Leben hier
Ist eines Vogels Flug
Was ich noch bringe, bring ich dir,
Doch nie und nie genug.

© Langewiesche-Brandt

Regenabend

Ich saß in der Dämmerung am Tisch und Fenster,
Vor mir einen Strauß blauen und weißen Flieders.
Die Blüten waren riesengroß und verbargen dunkle Schatten
in ihren Trauben.
Die Blätter waren wie lebend, und der Duft der Sträuße
beherrschte mich ganz.
Von der Landschaft draußen sah ich nur die großen ruhigen
Konturen,
Denn es war regnerisch. Im Garten drunten
Wiederholte laut und klar eine Drossel
Immer den gleichen klagenden, jubelnden Ruf.

Ich dachte: Die Welt ist noch immer
Wie am ersten Tag: Unerlöst, traumbefangen,
Und vielleicht im geheimen glücklich.

© Langewiesche-Brandt

Verschwebender Duft

Wer hat dieser letzten Rose
Ihren letzten Duft verliehn?
Tritt hinaus ins Sonnenlose,
Atme ihn und spüre ihn.

Wie er rot im Offenbaren
Und verschwebender wie Wein
Wesen kündet, die nie waren
Und die hier nie werden sein.

© Langewiesche-Brandt

Vor Ostern

Der volle Mond rollt übern Berg,
ich hab es wohl gesehen,
auch sah ich einen Baum als Zwerg
weit in der Ebene stehen.

Die Nacht im März ist klar und kalt.
Viel Gräser müssen frieren.
Ach möchten doch die Veilchen bald
das junge Gras verzieren.

Dass ich vor Tag und wo ich steh
am Zaun viel blaue Nester seh
und Laub, sie zu umhüllen,
und Küsse, die sie füllen.

© Langewiesche-Brandt

Wolk’ bei Wolke

Wolk’ bei Wolke türmt der Sommer.
Thron bei Thron enthüllt der Himmel.
Sichtbar bist du, Gott, geworden,
Der verborgen lag im Winter.

Heute preisen dich der Toten
Chöre und der Chor der Bienen.
Winters hört ich nur die eigne
Kehle schrein, die nach dir flehte.

Heut erhebt sich einer Grille
Süße Stimme, die dir Dank sagt.
Winters hört ich nur den eignen
Atem keuchen, der dir Lob sang.

Herrlich wär’s, Gott zu gedenken
Eines Menschen, der sein Herz
Noch zu deinem Lob erhob,
Als sein Aug ein Bad von Salz war.

© Langewiesche-Brandt