Trojan, Johannes (1837-1915)

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Das große Brot

Vom Bäcker kommt ein Brot ins Haus,
ein Brot, das ist so groß!
Die Mutter, die sieht fröhlich aus
und schneidet frisch drauflos.

Die Kinder stehn all um sie her,
und jedes heischt sein Teil;
wenn eins gefragt wird: „Willst noch mehr?“,
dann sagt es ja in Eil’.

Die Mutter hat nicht wenig Müh’,
sie schneidet Stück für Stück,
am Ende aber bleibt für sie
ein Käntlein doch zurück.

Die Mutter spricht: „Lasst froh uns sein,
dass wir nicht leiden Not!
Wo soviel Münder sind, wie klein
wird rasch ein großes Brot!

Gib, Gott, dass überall wie hier
es reicht, bis alle satt,
dass jede Mutter auch gleich mir
zuletzt ihr Käntlein hat!“

Das Kornfeld

Was ist schöner als ein Feld,
wenn die Halme, all die schlanken,
leise schwanken
und ein Halm den anderen hält?

Wenn im Korn die Blumen blühn,
leuchtend rot und blau dazwischen,
und sich mischen
lieblich in das sanfte Grün?

Wenn es flüsternd wogt und wallt,
Lerchen sich daraus erheben,
drüber schweben,
und ihr Lied herniederschallt?

Dann den schmalen Pfad zu gehen
Durch das Korn, welch eine Wonne!
Nur die Sonne,
nur die Lerche kann uns sehn.

Hasensalat

Morgens in den Garten trat
Liese, klein und niedlich,
Saß ein Häslein im Salat,
Schmaust und tat sich gütlich.

Liese sprach: Du armes Tier,
Wart einmal, indes ich
Lauf ins Haus und hole dir
Zum Salat den Essig.

Kommt zurück schon mit dem Krug,
Niemals lief sie schneller ­
Essig gießt sie jetzt genug
Auf den Hasenteller.

Lieselchen, ich danke dir,
Sprach der kleine Fresser,
Eigentlich doch schmeckt es mir
Ohne Essig besser.

Herbst

Rot wird das Laub am wilden Wein;
die Luft geht schon so herbstlich kühl.
Das Eichhorn sagt: „Jetzt fahr ich ein;
schon lose sitzt die Nuss am Stiel.“

Dem Sperling geht's nicht schlecht; er speist
den ganzen Tag, bald hier, bald dort. .
Er sagt: "Die Schwalb' ist schon verreist,
gut, dass sie fort! Gut, dass sie fort!"

Im Garten um den Rosenstrauch,
da klingt ganz anders das Gered'!
Ein Blümlein spricht: "Merkt ihr's nicht auch?
Es wird so trüb, so still und öd?

Das Bienchen flog doch sonst so flink
bei uns umher - wo ist es nun?
Weiß eines was vom Schmetterling?
Der hatt' sonst hier so viel zu tun."

Ein zweites sagt: "Eh man's gedacht,
kommt schon die Nacht und weilt so lang.
Wie lieblich war doch einst die Nacht!
Nun ist sie gar unheimlich bang.

Wie muss man warten morgens früh,
bis dass die Sonn' guckt übern Zaun!
Ach, und ganz anders wärmte sie,
als sie noch gern uns mochte schaun!"

Ein drittes drauf: "Mir sinkt der Mut;
der Morgentau, der ist so kalt!"
Die Spinne sagt: "Es wird noch gut!"
Ach, wenn's nur würd'! Und würd's doch bald!

Nur einmal noch so, wie es war,
nur ein paar sonn'ge Tage noch!
's wird nicht mehr viel - ich seh es klar;
und leben, leben möcht' man doch!

Lenz

Brichst du Blumen, sei bescheiden,
Nimm nicht gar so viele fort.
Sieh die Blumen müssen leiden,
Zieren sie auch ihren Ort.

Nimm ein paar und lass’ die andern
in dem Grase, an dem Strauch,
andre, die vorüberwandern,
freun sich an den Blumen auch

Nach dir kommt vielleicht ein müder
Wandrer, der des Weges zieht,
trüben Sinns – der freut sich wieder,
wenn er auch ein Blümchen sieht.

Tannenwald

Wo bin ich gewesen?
Nun rat einmal schön!
Im Wald bist gewesen,
das kann ich ja sehn.

Spinnweben am Kleidchen,
Tannnadeln im Haar,
das bringt ja nur mit,
wer im Tannenwald war.

Was tat ich im Walde?
Sprich, weißt du das auch?
Hast Beerlein gepickt
vom Heidelbeerstrauch.

O sieh nur, wie blau
um das Mündchen du bist!
Das bekommt man ja nur,
wenn man Heidelbeern isst!

Wer tut's

Die Bäume fangen an zu wandern,
das muss wohl Weihnachtszauber sein,
ein Tannenbäumchen nach dem andern
kam in das große Haus herein.

Das hab ich staunend wahrgenommen
und hab‘ die Bäumchen all gezählt
ich weiß wie sie ins Haus gekommen,
und weiß, dass jetzt noch eines fehlt.

Ja, dieses eine fehlt noch heute,
obgleich das Fest schon gar so nah.
Ich glaub hoch unterm Dach die Leute,
für die ist noch kein Bäumchen da.

Doch auf dem Markte steht noch eines –
ich sah es im Vorübergehn -
ein Tannenbäumchen, nur ein kleines,
doch gar nicht übel anzusehn.

Es kann nicht von der Stelle rücken
und käme gern doch an den Mann.
Wollt einer kaufen es und schmücken,
dem sagt ich, wer es brauchen kann.

Und käm es dann zum ärmsten Manne,
wie viele Freude rief es wach!
Wer kauft und schmückt die kleine Tanne
und trägt hinauf sie unters Dach?