Strittmatter, Eva (1930-2011)

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Beichte

Immer die gleiche Rose.
Immer das gleiche Gesicht.
Unter wechselndem Monde.
Unter wechselndem Licht.

Immer die gleiche Tollheit.
Immer der gleiche Traum.
Immer noch keine Weisheit.
Immer noch nicht: wie ein Baum.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte.

© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH)

http://www.aufbau-verlag.de/index.php4?page=28&&show=17043

Bitte I

Laßt mir das Silberfingerkraut.
Laßt mir den Hasenklee.
Laßt mir den kleinen Lerchenlaut.
Laßt mir den Liliensee.
Laßt mir den Sandweg durch die Heide.
Die Kiefer und den Birkenbaum.
Braucht ihr nicht manches Mal auch beide,
die Weltstadt und den Weltenraum?

© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH)
http://www.aufbau-verlag.de/index.php4?page=28&&show=17043

Freiheit I

Ich kann dich lieben oder hassen-
ganz wie du willst. (Kann dich auch lassen.)
Und du kannst schweigen oder sprechen.
Ganz wie du willst. Daran zerbrechenwerd
ich nicht mehr. (Ich kann auch gehn.)
Ganz wie ich will, wird es geschehen.

© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH)
http://www.aufbau-verlag.de/index.php4?page=28&&show=17043

Kunsterspring

Wie waren die Wälder finster.
Und im Winter: wie waren sie weiß.
An den Wegrändern blühte der Ginster.
Und die Sommer: Die Sommer warn heiß.
Die Tage warn blau von Lupinen.
Und morgens war die Welt neu.
Wir aßen die Sonne. Und tranken den Regen.
Und schwammen im Juni im Heu.
Und damals gab es Libellen.
Und man sah sie zum erstenmal.
Und der Großvater erzählte von Quellen
Hinterm Walde. In einem Tal.
Die hatten auch einen Namen.
Der hieß Kunsterspring. Kunsterspring ...
Und wie viele Jahre verkamen.
Und wieviel Leben verging.
Und der alte Mann ist hinunter.
Und ich weiß den Weg nicht mehr.
Doch ich suche den Spring noch immer.
Und mir ist, als ob ich ihn hör.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. 
© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH)
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Lupine

Lupinenblau - so war doch was
In meiner Kindheit. War es Glas?
Was war so blaß wie die Lupinen,
Die sich wie wild dem Licht zudrehn,
Wie blaue Flammen, die nicht brennen
Und doch so überschnell vergehn?
Glas war es, Steine, Glitzerkram,
Weiß nicht mehr, wie er an mich kam,
Weiß nur noch dieses bleiche Blau,
Die Sehnsuchtsfarbe. Morgentau
Im leichten Himmelslicht erstarrt,
Und ein Gefühl von solcher Art:
Glückstropfen, in der Faust zerpreßt,
Verloren. Doch es blieb ein Rest
Der Sehnsuchtsfarbe Lerchenblau.
Lupinen brennen unterm Tau.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. 
© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH)
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Mark

Mich rühren die sandigen Wege
Im alten sandigen Land.
Die Heckenrosengehege.
Die Holderbüsche am Rand
Der alten Felderraine.
Die Gräser reden mir da
Von Zeiten, die warn noch nicht meine,
Als ich das Früheste sah:
Die Gräser. Und hörte die Lerche.
Und roch dieser Sande Geruch.
Seither schlepp ich diese Erde
Mit mir als Segen und Fluch.
Ich muß diesen Sand verwandeln,
Bis er schmilzt und Wort wird in mir.
Diese Erde läßt nicht mit sich handeln.
Ich komm nicht umsonst aus ihr.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. 
© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH)
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Vor einem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
in einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. 
© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH)
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Weiden I

Drei Weiden wachsen im Garten.
Dünn stehn sie gegen den Mond.
Sie sind noch keine Bäume.
Nichts was zu loben lohnt.
Zehn Schritte und das bleiche
Licht löscht die Gerten aus.
Ich habe schlimme Träume
in unserm alten Haus.
Die Weiden werden sich biegen.
Und was wird mit mir sein?
Sie werden Silberlaub kriegen
und fangen den Mond damit ein.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. 
© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006
(das Gedicht erschien erstmals 1973 in Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Nachwort von Hermann Kant im Aufbau-Verlag;
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Werte

Die guten Dinge des Lebens
sind alle kostenlos:
die Luft, das Wasser, die Liebe.
Wie machen wir das bloß,
das Leben für teuer zu halten,
wenn die Hauptsachen kostenlos sind?
Das kommt vom frühen Erkalten.
Wir genossen nur damals als Kind
die Luft nach ihrem Werte
und Wasser als Lebensgewinn,
und Liebe, die unbegehrte,
nahmen wir herzleicht hin.
Nur selten noch atmen wir richtig
und atmen die Zeit mit ein,
wir leben eilig und wichtig
und trinken statt Wasser Wein.
Und aus der Liebe machen
wir eine Pflicht und Last.
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Und das Leben kommt dem zuteuer,
der es zu billig auffasst.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte.
©Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006 (das Gedicht erschien erstmals 1977 in Eva Strittmatter: Die eine Rose überwältigt alles. Gedichteim Aufbau-Verlag; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH) http://www.aufbau-verlag.de/index.php4?page=28&&show=17043