Scheffel, Viktor von (1826-1886)

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Ausfahrt

Berggipfel erglühen,
Waldwipfel erblühen,
vom Lenzhauch geschwellt;
Zugvogel, mit Singen
erhebt seine Schwingen;
ich fahr' in die Welt!

Mir ist zum Geleite
in lichtgold'nem Kleide
Frau Sonne bestellt;
sie wirft meinen Schatten
Auf blumige Matten.
ich fahr' in die Welt!

Mein Hutschmuck die Rose,
Mein Lager im Moose,
der Himmel mein Zelt!
Mag lauern und trauern,
Wer will, hinter Mauern;
ich fahr' in die Welt!

Ballade

Ein Röslein stand im Garten,
Ein Röslein rot wie Blut,
Das brach er spät am Abend
Und steckt's an seinen Hut.

Er brach's recht unmanierlich,
Frug nicht, ob's auch erlaubt,
Da hat der Sturm im Zorne
Ihm Blum' und Hut geraubt.

Die Wog' hat sie verschlungen;
Nun spielt in tiefer Flut
Die Nixe mit dem Röslein,
Der Weißfisch mit dem Hut.

 

Der Ichthyosaurus

Es rauscht in den Schachtelhalmen,
verdächtig leuchtet das Meer,
da schwimmt mit Tränen im Auge
ein Ichthyosaurus daher.

Ihn jammert der Zeiten Verderbnis,
denn ein sehr bedenklicher Ton
war neuerlich eingerissen
in der Liasformation.

"Der Plesiosaurus, der alte,
er jubelt in Saus und Braus,
der Pterodaktylus selber
flog neulich betrunken nach Haus.

Der Iguanodon, der Lümmel,
wird frecher zu jeglicher Frist,
schon hat er am hellen Tage
die Ichthyosaura geküßt.

Mir ahnt eine Weltkatastrophe,
so kann es länger nicht gehn;
was soll aus dem Lias noch werden,
wenn solche Dinge geschehn?"

So klagte der Ichthyosaurus,
da ward es ihm kreidig zu Mut,
sein letzter Seufzer verhallte
im Qualmen und Zischen der Flut.

Es starb zu derselbigen Stunde
die ganze Saurierei,
sie kamen zu tief in die Kreide,
da war es natürlich vorbei.

Eine traurige Geschichte

 

Ein Hering liebt' eine Auster
Im kühlen Meeresgrund;
Es war sein Dichten und Trachten
Ein Kuß von ihrem Mund.
 
Die Auster, die war spröde,
Sie blieb in ihrem Haus;
Ob der Hering sang und seufzte,
Sie schaute nicht heraus.

Nur  eines Tags erschloß sie
Ihr duftig Schalenpaar;
Sie wollte im Meeresspiegel
Beschauen ihr Antlitz klar.
 
Schnell kam der Hering geschwommen,
Streckt seinen Kopf herein
Und dacht' an einem Kuße
In Ehren sich zu freun!
 
O Harung, armer Harung,
Wie schwer bist du blamiert!
- Sie schloß in Wut die Schalen,
Da war er guillotiniert.
 
Jetzt schwamm sein toter Leichnam
Wehmütig im grünen Meer
Und dacht: "In meinem Leben
Lieb' ich keine Auster mehr!"

Frankenlied

Wohl auf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt, muss rosten.
Den allersonnigsten Sonnenschein
Lässt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
Der fahrenden Scholaren,
Ich will zu guter Sommerszeit
Ins Land der Franken fahren!
Valleri, vallera, valleri, vallera,
Ins Land der Franken fahren!

Der Wald steht grün, die Jagd geht gut,
Schwer ist das Korn geraten;
Sie können auf des Maines Flut
Die Schiffe kaum verladen.
Bald hebt sich auch das Herbsten an,
Die Kelter harrt des Weines;
Der Winzer Schutzherr Kilian
Beschert uns etwas Feines.
Valleri, vallera, valleri, vallera,
Beschert uns etwas Feines.

Wallfahrer ziehen durch das Tal
Mit fliegenden Standarten,
Hell grüßt ihr doppelter Choral
Den weiten Sonnengarten.
Wie gerne wär ich mitgewallt,
Ihr Pfarr' wollt mich nicht haben.
So muss ich seitwärts durch den Wald
Als räudig Schäflein traben.
Valleri, vallera, valleri, vallera,
Als räudig Schäflein traben.

Zum heil'gen Veit vom Staffelstein
Komm ich emporgestiegen
Und seh die Lande um den Main
Zu meinen Füßen liegen:
Von Bamberg bis zum Grabfeldgau
Umrahmen Berg und Hügel
Die breite, stromdurchglänzte Au.
Ich wollt, mir wüchsen Flügel!
Valleri, vallera, valleri, vallera,
Ich wollt, mir wüchsen Flügel!

 Einsiedelmann ist nicht zu Haus,
Dieweil es Zeit zu mähen;
Ich seh ihn an der Halde drauß'
Bei einer Schnitt'rin stehen.
Verfahrener Schüler Stoßgebet
Heißt: Herr, gib uns zu trinken!
Doch wer bei schöner Schnitt'rin steht,
Dem mag man lange winken
Valleri, vallera, valleri, vallera,
Dem mag man lange winken.

Einsiedel, das war missgetan,
Dass du dich hubst von hinnen!
Es liegt, ich seh's dem Keller an,
Ein guter Jahrgang drinnen.
Hoiho! die Pforten brech ich ein
Und trinke, was ich finde.
Du heilger Veit vom Staffelstein
Verzeih mir Durst und Sünde!
Valleri, vallera, valleri, vallera,
Verzeih mir Durst und Sünde!

 

 

Mir ist´s zu wohl ergangen

Mir ist´s zu wohl ergangen
drum ging´s auch bald zu End
jetzt bleichen meine Wangen
das Blatt hat sich gewendt!

 

Die Blumen sind erfroren
erfroren Veil‘ und Klee;
ich hab‘ mein Lieb verloren
muss wandern tief im Schnee.

 

Das Glück lässt sich nicht jagen
von jedem Jägerlein
mit Wagen und Entsagen
muss drum gestritten sein.