Reutter, Otto (1870-1931)

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Der Überzieher

Kennen Sie denn die Geschichte
von dem Überzieher schon,
den sich kaufte der Herr Fichte
bei der Firma Stern und Sohn?
Dieser Paletot war`n Prachtstück,
und der Preis war garnicht stark:
Neunundvierzig Mark und achtzig -
nicht mal ganze fünfzig Mark.
Der Herr Stern sprach:
"Sei`n Se froh!
`s ist mein schönster Paletot.
Geb`n Sie acht - auf die Pracht;
`s wird gestohln - bei Tag und Nacht.
Sind Se mal - im Lokal,
häng`n Se`n vor sich auf im Saal.
Schau`n Se `n dann - immer an,
bleibt der Überzieher dran.
Seh`n Se weg - von dem Fleck,
ist der Überzieher weg!"

Fichte ging ins Wirtshaus leider.
Dort war`n Zettel angebracht:
"`s gibt kein Raum für Überkleider,
jeder Gast geb selber acht!" -
Einen Haken fand Herr Fichte
hinten nur - `s war ärgerlich.
Darum dreht er sein Gesichte,
hängt den Mantel hinter sich -
Und nun saß er wie gebannt,
schaute immer nach der Wand.
"Ist er weg - ist er hier?
Ja, da hängt der Überzieh`r.
Ist er hier? Ist er weg?
Nein, er hängt noch auf dem Fleck.
Schau` ich stier - hinter mir,
hab` ich meinen Überzieh`r.
Seh ich weg von dem Fleck,
ist der Überzieher weg."

Fichte rief nun: "Kellner! Essen!"
Der bracht`s Essen ihm und ging.
Nun hat Fichte nicht vergessen,
dass der Mantel hinten hing.
Denn ihm schien - das war gefährlich -
als ob alle Gäste hier
schauten gierig und begehrlich
nur nach seinem Überzieh`r.
Darum kam es, als er aß,
er den Mantel nicht vergaß.
Essen hier - da das Bier
und da hängt der Überzieh`r.
Oben kaun - hier verdaun -
und dabei nach hinten schaun.
Schau ich stier - hinter mir,
schmeckt kein Essen und kein Bier.
Seh ich weg - von dem Fleck,
ist der Überzieher weg.

Nun mag sein, durch die Bewegung,
durch das Drehen beim Souper
kam sein Korpus in Erregung,
und er kriegte Magenweh.
"Gut" sagt er, "das geht vorüber,"
Wollt` zu der bewussten Tür,
die ihm grade gegenüber -
"Halt!" denkt er: "der Überzieh`r!"
Setzt sich wieder hin ganz sacht
Und hat kummervoll gedacht:
"Wenn zur Tür - ich marschier,
nimmt man mir den Überzieh`r.
In der Eck - im Versteck -
gehn die Magenschmerzen weg.
Bleib ich hier - im Revier,
bleib`n de Magenschmerzen mir.
Geh ich weg von dem Fleck,
ist der Überzieher weg."

Ja, was gibt es da zu lachen,
gab es sowas wohl schon früher?
Musst man sich da Sorgen machen
wegen einem Überziehr?
Stundenlang konnt` man da sitzen
hinter der bewussten Tür
und braucht` keine Angst zu schwitzen
wegen seinem Überziehr.
Man ging raus, das ist doch klar,
wenn Gefahr im Anzug war.
Man saß froh - anderswo
und da hing der Paletot.
Kam zur Tür - man herfür,
sah man seinen Überziehr.
Spürt man heut innres Leid,
denkt man erst ans Überkleid.
Geht man weg - von dem Fleck,
ist der Überzieher weg.

So dacht Fichte - und blieb sitzen.
Aber schließlich musst er raus.
Plötzlich sprach er: Das wird nützen -
trittst jetzt mit dem Mantel aus!
Brauchst ihn ja nicht anzuziehen,
das erschüttert dich zu sehr.
Nimmst ihn übern Arm beim Fliehen
und kommst nachher wieder her."
Er stand auf und - setzt sich hin;
Alles fuhr ihm durch den Sinn:
"Essen, Bier - kriegt ich hier,
hab noch nicht bezahlt dafür.
Magenschmerz drückt mein Herz
und der Kellner anderwärts.
Wart ich prompt - bis er kommt,
Weiß ich nicht ob mir`s bekommt.
Geh ich weg von dem Fleck,
ist der Überzieher weg.

Nehm ich mir - `n Überziehr
übern Arm, schaut man nach mir.
Denn der Raum, der mein Traum,
ist zwei Schritt vom Ausgang kaum.
Steh ich auf - und ich lauf
mit dem Rock - hält man mich auf!
"Nicht vom Fleck! - Der will keck
mit `nem Überzieher weg."
Alles schwirrt und kracht und klirrt,
bis der Wirt gerufen wird.
Schließlich irrt - auch der Wirt,
Schimpft mit mir und wird verwirrt.
`s kommt ein Gast - und der fasst
meinen Mantel voller Hast.
Mit Gespür hin zur Tür
rennt durch den Gang herfür
und ruft keck: Dieser Geck
nahm mir `n Überzieher weg!

Will ich dann - zu dem ran,
kommt der Kellner hinten an:
"Bleibn Se hier! - Nicht zur Tür!
Zahln Se erst die Zeche mir!"
Bis ich zahl - voller Qual,
ist der raus aus dem Lokal.
Ich am Fleck - ohne Zweck
und der Überzieher weg.
Was ich tu: es ist verkehrt,
alles bleibt mir so verwehrt!
Bis ich näher - das erklär,
dazu drängt die Zeit zu sehr.
Das Malheur - kommt vorher:
Hab` den Gang nicht nötig mehr.
Wie ich`s mach - `s gibt `n Krach,
ja da hilft kein Weh und Ach!
Hab` den Schreck - und den Dreck
und den Überzieher weg!

Lebenskunst

Ach, was sind wir dumme Leute -
wir genießen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben
ist ein Hasten, ist ein Streben
ist ein Bangen, ist ein Sorgen -
Heute denkt man schon an Morgen.
Morgen an die spätere Zeit -
und kein Mensch genießt das Heut.
Auf des Lebens Stufenleiter
eilt man weiter, immer weiter.

Nutz den Frühling Deines Lebens
Leb im Sommer nicht vergebens
denn gar bald stehst Du im Herbste
bis der Winter naht, dann sterbste.
Und die Welt geht trotzdem heiter
immer weiter,immer weiter.