Reinick, Robert (1805-1852)

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Abendlied

Gottes Sternlein glänzen wieder
still und schön in ihrer Pracht!
Lieber Gott im Himmel oben
gib mir eine gute Nacht!

Wachet, Sternlein, ich will schlafen
bis die schöne Sonne lacht.
Lieber Gott, dein Kindlein hüte,
gib mir eine gute Nacht!
 
Schicke mir ein Englein nieder,
dass es mir am Bette wacht.
Gib auch meinen lieben Eltern
eine sanfte, gute Nacht!
 
Hüte auch die müden Kinder
nimm sie väterlich in Acht.
Lieber Herrgott, gib uns allen
eine sanfte, gute Nacht!
 
Glänzet hell, ihr lieben Sternlein,
haltet alle gute Wacht!
Ich will schlummern, ich will schlafen.
Sternlein, Sternlein, gute Nacht!
 

Das Christkind

Die Nacht vor dem heiligen Abend,
da liegen die Kinder im Traum.
Sie träumen von schönen Sachen
und von dem Weihnachtsbaum.

Und während sie schlafen und träumen,
wird es am Himmel klar,
und durch den Himmel fliegen
drei Engel wunderbar.

Sie tragen ein holdes Kindlein,
das ist der heilige Christ.
Er ist so fromm und freundlich,
wie keins auf Erden ist.

Und wie es durch den Himmel
still über die Häuser fliegt,
schaut es in jedes Bettchen,
wo nur ein Kindlein liegt.

Es freut sich über alle,
die fromm und freundlich sind,
denn solche liebt von Herzen
das liebe Himmelskind.

Heut schlafen noch die Kinder
und sehen es nur im Traum.
Doch morgen tanzen und springen
sie um den Weihnachtsbaum.

Der Faule

„Heute nach der Schule gehen,
Da so schönes Wetter ist?
Nein! Wozu denn immer lernen,
Was man später doch vergisst!

Doch die Zeit wird lang mir werden,
Und wie bring' ich sie herum?
Spitz! komm her! dich will ich lehren
Hund, du bist mir viel zu dumm!

Ja, du denkst, es geht so weiter,
Wie du's sonst getrieben hast?
Nein, mein Spitz, jetzt heißt es lernen.
Hier! Komm her! Und aufgepasst!

So - nun stell dich in die Ecke -
Horch! den Kopf zu mir gericht't -
Pfötchen geben! - So! - noch einmal!
Sonst gibt's Schläge! - Willst du nicht?

Andre Hund' in deinem Alter
Können dienen, Schildwach stehn,
Können tanzen, apportieren,
Auf Befehl ins Wasser gehn.

Was? du knurrst? du willst nicht lernen?
Seht mir doch den faulen Wicht!
Wer nichts lernt, verdienet Strafe,
Kennst du diese Regel nicht?" -

Horch! - Wer kommt? - Es ist der Vater,
Streng ruft er dem Knaben zu:
„Wer nichts lernt, verdienet Strafe!
Sprich! und was verdienest du?"

Der Herbst als Färber

Da steigt der Herbst frisch von den Bergen nieder,
und wie er wandert durch den grünen Wald,
gefällt ihm nicht, dass überall das Laub dieselbe Farbe hat.
Er sagt: "Viel hübscher ist`s rot und gelb, das sieht sich lustig an."

So spricht er, und gleich färbt der Wald sich bunt. -
Und wie der Herbst drauf durch den Garten geht
und durch den Weinberg, spricht er:
"Was ist das? Der Sommer tat so groß mit seiner Hitze,
und Wein und Obst hat er nicht reif gemacht?

Schon gut, so zeig ich, daß ich`s auch versteh!"
Und kaum gesagt, so haucht er Wein und Obst
mit seinem Atem an, und siehe da:
die Äpfel und die Pflaumen und die Trauben,
zusehends reifen sie voll Duft und Saft.

Drauf kommt der Herbst zur Stadt und sieht die Knaben
in ihrer Schule sitzen voller Fleiß.
Da ruft er ihnen zu, "Grüß Gott ihr Buben!
Heut ist Sankt-Michaelis-Tag, da gibt es
lange Ferien. Kommt zu mir auf`s Land!

Ich hab den Wald sein Laub schön bunt geblasen;
ich hab den Apfel rot gefärbt die Backen;
ich will euch klar und blank die Augen wehen,
und Eure Backen will ich tüchtig bräunen,
wie sich`s für Buben schickt. Versteht ihr mich?"

So spricht der Herbst und jubelnd ziehn die Knaben
auf seinem Ruf durch Berg und Wald und Feld
und kehren heim mit neuer Lust zur Arbeit.

Der Strom

Tief in waldgrüner Nacht
ist ein Bächlein erwacht,
kommt von Halde zu Halde gesprungen,
und die Blumen, sie stehn
ganz verwundert und sehn
in die Augen dem lustigen Jungen.

Und sie bitten: "Bleib hier
in dem stillen Revier!"
Wie sie drängen, den Weg ihm zu hindern!
Doch er küsst sie im Flug,
und mit neckischem Zug
ist entschlüpft er den lieblichen Kindern.

Und nun springt er hinaus
aus dem stillgrünen Haus:
"O du weite, du strahlende Ferne!
Dir gehör' ich, o Welt!"
Und er dünkt sich ein Held,
und ihm leuchten die Augen wie Sterne.

"Gebt mir Taten zu tun!
Darf nicht rasten, nicht ruhn,
soll der Vater, der Alte, mich loben!"
Hoch zum Flusse geschwellt,
von dem Fels in die Welt
braust er nieder mit freudigem Toben.

"Gebt mir Taten zu tun,
kann nicht rasten, nicht ruhn!"
Und schon hört man die Hämmer ihn schmettern;
und vorbei an dem Riff
trägt er sicher das Schiff
in dem Kampfe mit Sturm und mit Wettern.

Immer voller die Lust,
immer weiter die Brust!
Und er wächst zum gewaltigen Strome.
Zwischen rankendem Wein
schauen Dörfer darein
und die Städt' und die Burgen und Dome.

Und er kommt an das Meer;
hell leuchtet es her,
wie verklärt von göttlichem Walten.
Welch ein Rauschen im Wind?
"Du mein Vater!" — "Mein Kind!"
Und er ruht in den Armen des Alten

Der Weihnachtsaufzug

Bald kommt die liebe Weihnachtszeit,
vorauf die ganze Welt sich freut;
das Land, so weit man sehen kann,
sein Winterkleid hat angetan.
Schlaf überall; es hat die Nacht
die laute Welt zur Ruh gebracht -
kein Sternenlicht, kein grünes Reis,
der Himmel schwarz, die Erde weiß.

Da blinkt von fern ein heller Schein -
was mag das für ein Schimmer sein?
Weit übers Feld zieht es daher,
als ob's ein Kranz von Lichtern wär',
und näher rückt es hin zur Stadt,
obgleich verschneit ist jeder Pfad.

Ei seht, ei seht! Es kommt heran!
Oh, schauet doch den Aufzug an!
zu Ross ein wunderlicher Mann
mit langem Bart und spitzem Hute,
in seinen Händen Sack und Rute.
Sein Gaul hat gar ein bunt Geschirr,
von Schellen dran ein blank Gewirr;
am Kopf des Gauls, statt Federzier,
ein Tannenbaum voll Lichter hier;
der Schnee erglänzt in ihrem Schein,
als wär's ein Meer von Edelstein. -

Wer aber hält den Tannenzweig?
Ein Knabe, schön und wonnereich;
's ist nicht ein Kind von unsrer Art,
hat Flügel an dem Rücken zart. -
Das kann fürwahr nichts andres sein,
als wie vom Himmel ein Engelein!
Nun sagt mir, Kinder, was bedeut't
ein solcher Zug in solcher Zeit? -


Was das bedeut't? Ei, seht doch an,
da frag ich grad beim Rechten an!
Ihr schelmischen Gesichterchen,
ich merk's ihr kennt die Lichterchen,
kennt schon den Mann mit spitzem Hute,
kennt auch den Baum, den Sack, die Rute.

Der alte bärt'ge Ruprecht hier,
er pocht' schon oft an eure Tür;
droht' mit der Rute bösen Buben;
warf Nüss' und Äpfel in die Stuben
für Kinder, die da gut gesinnt. -
Doch kennt ihr auch das Himmelskind?
Oft bracht' es ohne euer Wissen,
wenn ihr noch schlieft in weichen Kissen,
den Weihnachtsbaum zu euch ins Haus,
putzt' wunderherrlich ihn heraus;
Geschenke hing es bunt daran
und steckt' die vielen Lichter an;
flog himmelwärts und schaute wieder
von dort auf euren Jubel nieder.

O Weihnachtszeit, du schöne Zeit,
so überreich an Lust und Freud'!
Hör doch der Kinder Wünsche an
und komme bald, recht bald heran,
und schick uns doch, wir bitten sehr,
mit vollem Sack den Ruprecht her.
Wir fürchten seine Rute nicht,
wir taten allzeit unsre Pflicht.
Drum schick uns auch den Engel gleich
mit seinem Baum, an Gaben reich.
O Weihnachtszeit, du schöne Zeit,
worauf die ganze Welt sich freut!

Die Sonne ist schon müd

Sonne hat sich müd' gelaufen,
spricht: "Nun lass ich's sein!"
Geht zu Bett und schließt die Augen
und schläft ruhig ein!
Sum, sum, sum,
mein Kindchen macht es ebenso,
mein Kindchen ist nicht dumm!

Bäumchen, das noch eben rauschte,
spricht: " Was soll das sein?
Will die Sonne nicht mehr scheinen,
schlaf ich ruhig ein!"
Sum, sum, sum,
mein Kindchen macht es ebenso,
mein Kindchen ist nicht dumm!

Vogel, der im Baum gesungen,
spricht: " Was soll das sein?
Will das Bäumchen nicht mehr rauschen,
schlaf ich ruhig ein!"
Sum, sum, sum,
mein Kindchen macht es ebenso,
mein Kindchen ist nicht dumm!

Häschen spitzt die langen Ohren,
spricht: " Was soll das sein?
Hör ich keinen Vogel singen,
schlaf ich ruhig ein!"
Sum, sum, sum,
mein Kindchen macht es ebenso,
mein Kindchen ist nicht dumm!

Jäger höret auf zu blasen,
spricht: " Was soll das sein?
Seh ich keinen Hasen laufen,
schlaf ich ruhig ein!"
Sum, sum, sum,
mein Kindchen macht es ebenso,
mein Kindchen ist nicht dumm!

Kommt der Mond und guckt herunter,
spricht: " Was soll das sein?
Kein Jäger lauscht?
Kein Häschen springt?
Kein Vogel singt?

Kein Bäumchen rauscht?
Kein Sonnenschein?
Und's Kind allein sollt wach noch sein?"
Nein, nein, nein!
Lieb Kindchen macht die Augen zu,
lieb Kindchen schläft schon ein.

Im Winter

Schlaf ein, mein liebes Kind,
da draußen singt der Wind.
Er singt die ganze Welt in Ruh,
Deckt die weißen Betten zu.
Und bläst er ihr auch ins Gesicht,
Sie rührt sich nicht und regt sich nicht.
Tut auch kein Händlein strecken
Aus ihren weißen Decken.

Schlaf ein, mein süßes Kind,
Da draußen geht der Wind.
Pocht an die Fenster und schaut hinein,
Und hört er wo ein Kind noch schrein'n,
Da schilt und brummt und summt er sehr,
Holt gleich sein Bett voll Schnee daher
Und deckt es auf die Wiegen,
Wenn's Kind nicht still will liegen.

Schlaf ein, mein süßes Kind,
Da draußen weht der Wind,
Er rüttelt an dem Tannenbaum,
Da fliegt heraus ein schöner Traum,
Der fliegt durch Schnee und Nacht und Wind,
Geschwind, geschwind zum lieben Kind
Und singt von lustigen Dingen,
Die's Christkind ihm wird bringen.

Schlaf ein, mein süßes Kind,
Da draußen bläst der Wind,
Doch ruft die Sonne: „Grüß Euch Gott!
Bläst er dem Kind die Backen rot.
Und sagt der Frühling; „Guten Tag!"
Bläst er die ganze Erde wach,
Und was fein still gelegen,
Das freut sich allerwegen.

Drum schlaf, mein süßes Kind,
Bläst draußen auch der Wind.

Sonntagsfrühe

Aus den Tälern hör' ich schallen
Glockentöne, Festgesänge,
Helle Sonnenblicke fallen
Durch die dunklen Buchengänge;
Himmel ist von Glanz umflossen,
Heil'ger Friede rings ergossen.

Durch die Felder still beglücket
Wallen Menschen allerwegen;
Frohen Kindern gleich geschmücket,
Gehn dem Vater sie entgegen,
Der auf goldner Saaten Wogen
Segnend kommt durch's Land gezogen.

Wie so still die Bäche gleiten,
Wie so hell die Blumen blinken!
Und aus fernen lichten Zeiten
Weht ein Grüßen her, ein Winken.
Ist's entschwundner Kindheit Mahnung?
Ist es schönrer Zukunft Ahnung?

Vom schlafenden Apfel

Im Baum im grünen Bettchen
hoch oben sich ein Apfel wiegt;
der hat so rote Bäckchen,
man sieht's, dass er im Schlafe liegt.

Ein Kind steht unterm Baume
das schaut und schaut und ruft hinauf:
"Ach Apfel, komm herunter!
Hör endlich mit dem Schlafen auf!"

Es hat ihn so gebeten;
glaubt ihr, er wäre aufgewacht?
Er rührt sich nicht im Bette,
sieht aus, als ob im Schlaf er lacht.

Da kommt die liebe Sonne
am Himmel hoch daherspaziert.
"Ach Sonne, liebe Sonne,
mach du, dass sich der Apfel rührt!"

Die Sonne spricht: "Warum nicht?"
Und wirft ihm Strahlen ins Gesicht,
küsst ihn dazu so freundlich;
der Apfel aber rührt sich nicht.

Nun schau, da kommt ein Vogel
und setzt sich auf den Baum hinauf.
"Ei, Vogel du musst singen;
gewiss, gewiss, das weckt ihn auf!"

Der Vogel wetzt den Schnabel
und singt ein Lied so wundernett
und singt aus voller Kehle;
der Apfel rührt sich aber nicht im Bett.

Und wer kam nun gegangen?
Es war der Wind; den kenn ich schon:
der küsst nicht und der singt nicht;
der pfeift aus einem andern Ton.

Er stemmt in beide Seiten
die Arme, bläst die Backen auf
und bläst und bläst und richtig,
der Apfel wacht erschrocken auf.

Und springt vom Baum herunter
grad in die Schürze von dem Kind;
das hebt ihn auf und freut sich
und ruft: "Ich danke schön, Herr Wind!"