Rückert, Friedrich (1788-1866)

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Barbarossa

Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterird'schen Schlosse
Hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt;
Er hat, im Schloss verborgen,
Zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen
Des Reiches Herrlichkeit
Und wird einst wiederkommen
Mit ihr zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt;
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug' halb offen zwinkt,
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben:
"Geh hin vors Schloss, o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg!

Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muss ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr."

Chidher, der ewig junge

Chidher, der ewig junge, sprach:
Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
"Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
Und wird so stehen ewig fort. "
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: "Wie lang' ist die Stadt vorbei?"
Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
"Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei:
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt' ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach, und lachte meinem Wort:
"So lang' als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port. "
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum,
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum;
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
Er sprach:" Der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn' ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäum' hier fort.
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: Seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?
Sie schrien, und hörten nicht mein Wort:
"So ging es ewig an diesem Ort,
Und wird so gehen ewig fort."
Und aber nach fünfhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.

Der Jasminstrauch

Grün ist der Jasminenstrauch
abends eingeschlafen.
Als ihn, mit des Morgens Hauch,
Sonnenlichter trafen,
ist er schneeweiß aufgewacht,
"Wie geschah mir in der Nacht?"
Seht, so geht es Bäumen,
die im Frühling träumen!

Die Schwalbe kam geflogen

Die Schwalbe kam geflogen;
Kaum hatt' ich sie gesehn,
So ist sie weggezogen
In rauher Lüfte Weh'n.

Sie grüßte mich verstohlen,
Wie soll ich es verstehn?
Es klang wie »Gott befohlen«,
Nicht wie »auf Wiedersehn!«

Du meine Seele, du mein Herz

Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn, 0 du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!
Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist der Himmel mir beschieden.
Dass du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bessres Ich!

Frühling Liebster

Mein Liebster geht mit fliegenden Haaren,
Mit blauem Barett und grünem Gewand;
Die Blumen gehn um ihn in Scharen,
Und die Rose an seiner Hand.

Anheben zu schlagen die Nachtigallen,
Wo sonnigen Blickes er tritt heran,
Und hoch beginnet mein Herz zu wallen,
Wenn ich ihn sehe so lieblich nahn.

Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

Ich bin dein Baum

Ich bin dein Baum: o Gärtner, dessen Treue
Mich hält in Liebespfleg' und süßer Zucht,
Komm, dass ich in den Schoß dir dankbar streue
Die reife dir allein gewachs'ne Frucht.

Ich bin dein Gärtner, o du Baum der Treue!
Auf andres Glück fühl' ich nicht Eifersucht:
Die holden Äste find' ich stets aufs neue
Geschmückt mit Frucht, wo ich gepflückt die Frucht.

Kehr ein bei mir

Du bist die Ruh,
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug und Herz.

Kehr ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust!
Voll sei dies Herz
Von deiner Lust.

Dies Augenzelt
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
O füll es ganz!

 

Licht

Nun ist das Licht im Steigen,
Es geht ins neue Jahr.
Lass deinen Mut nicht neigen,
Es bleibt nicht wie es war.
So schwer zu sein, ist eigen
Dem Anfang immerdar,
Am Ende wird sichs zeigen,
Wozu das Ganze war.
Nicht zage gleich den Feigen
Und klag' in der Gefahr!
Schwing auf zum Sonnenreigen
Dich schweigend wie der Aar!
Und wenn du kannst nicht schweigen,
So klage schön und klar!

Vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen

Denk an! Das Büblein ist einmal
Spazieren gegangen im Wiesental;
Da wurd's müd' gar sehr
Und sagt': „Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist das Bächlein geflossen kommen
Und hat's Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf's Bächlein gesetzt
Und hat gesagt. „So gefällt mir's jetzt."

Aber was meinst du? das Bächlein war kalt,
Das hat das Büblein gespürt gar bald;
Es hat's gefroren gar sehr,
Es sagt': „Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist das Schifflein geschwommen kommen
Und hat's Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf's Schifflein gesetzt
Und hat gesagt: „Da gefällt mir's jetzt."

Aber sieh'st du? das Schifflein war schmal,
Das Büblein denkt: „Da fall' ich einmal“;
Da fürcht't es sich gar sehr
Und sagt': „Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist die Schnecke gekrochen gekommen
Und hat's Büblein mitgenommen:
Das Büblein hat sich in's Schneckenhäuslein gesetzt
Und hat gesagt: „Da gefällt mir's jetzt."

Aber denk! die Schnecke war kein Gaul,
Sie war im Kriechen gar zu faul;
Dem Büblein ging's langsam zu sehr;
Es sagt': „Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist der Reiter geritten gekommen,
Der hat's Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich hinten auf's Pferd gesetzt
Und hat gesagt: „So gefällt mir's jetzt!"

Aber gib acht! das ging wie der Wind!
Es ging dem Büblein gar zu geschwind;
Es hopft darauf hin und her
Und schreit: „Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist ein Baum ihm ins Haar gekommen;
Und hat das Büblein mitgenommen;
Er hat's gehängt an einem Ast gar hoch,
Dort hängt das Büblein und zappelt noch.

Das Kind fragt:
„Ist denn das Büblein gestorben?“

Antwort
„Nein! Es zappelt ja noch!
Morgen gehen wir ’naus und tun’s runter.“

Vorüber, hinüber

Vorüber ist das alte Jahr,
Ob's fröhlich dir, ob's traurig war,
Ob du geweint, ob du gelacht,
Ob du geschlummert, ob gewacht,
Ob du die Zeit genützet hast,
Ob Müßiggang sie hat verpasst.
Das Jahr, das einst so lang dir schien,
Vorüber rauscht es, hin ist hin.
Vorüber, vorüber.

Und doch, das Jahr, das du erlebt,
Und was du drin gewirkt, erstrebt,
Der Schweiß von deinem Angesicht,
Die heil'ge Arbeit deiner Pflicht.
Dein Ringen mit des Lebens Not,
Dein Stilles ein in deinem Gott.
Was dein an Schmerz und Freude war,
Du nimmst es mit ins neue Jahr.
Hinüber, hinüber.

Die Stunde kommt, vielleicht schon bald,
Ob jugendfrisch du bist, ob alt,
Wo mehr noch wird vorüber sein,
Als dieses flüchtige Jahr allein.
Wo dir im Tod das Auge bricht
Dein Mund den letzten Seufzer spricht,
Wo einmal noch, eh du gehst fort,
Durch deine Seele tönt das Wort:
Vorüber, vorüber!

Und dann auch gibt, wie du gelebt,
Was du getan, was du erstrebt,
Was du geglaubt, was du gesollt,
Was du gekämpft, was du gewollt,
Dir unabweislich das Geleit
Hinüber in die Ewigkeit.
O denke dran bei jedem Schritt,
Was hier du lebst, es gehet mit.
Hinüber, hinüber!