Neukirch, Benjamin (1665-1729)

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Über ihre Unempfindlichkeit

Sylvia ist wohl gemacht.
Ihre Glieder sind wie Ketten
Und ich wollte sicher wetten,
Dass von hundert Amouretten
Drey nicht ihre Schönheit hätten
Noch ihr holdes Angesicht;
Nur ihr Herze tauget nicht.

Sylvia ist angenehm.
Ihre Lippen sind Corallen,
Ihrer Brüste Zucker-Ballen
Und ihr honigsüsses Lallen
Gleicht den jungen Nachtigallen,
Die die Mutter abgericht;
Nur ihr Herze tauget nicht.

Sylvia ist voller Lust.
Sie verbirget, was sie schmertzet.
Sie ergetzet, wann sie schertzet.
Sie bezaubert, wann sie hertzet,
Lachet, wenn man sie verschwärtzet
Und hört alles, was man spricht;
Nur ihr Hertze tauget nicht.

Ach du ungezognes Hertz!
Wann du denn allein mißfällest,
Wann du ihren Geist verstellest,
Wann du ihren Mund vergällest,
Und mit Trotze von dir prellest,
Was sich dir und ihr verpflicht;
Warum ändert sie sich nicht?