Morgenstern, Christian (1871-1914)

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Anto-logie

Am Anfang lebte, wie bekannt,
als größter Säuger der Gig-ant

Wobei gig eine Zahl ist, die
es nicht mehr gibt, - so groß war sie!

Doch jene Größe schwand wie Rauch.
Zeit gabs genug - und Zahlen auch.

Bis eines Tags, ein winzig Ding,
der Zwölef-ant das Reich empfing.

Wo blieb das Reich, wo blieb er selb? -  
Sein Bein wird im Museum gelb.

Zwar gab die gütige Natur
den Elef-anten uns dafur

Doch ach, der Pulverpavian,
der Mensch, voll Gier nach seinem Zahn,

erschießt ihn, statt ihm Zeit zu lassen,
zum Zehen-anten zu verblassen.

O >Klub zum Schutz der wilden Tiere<,
hilf, dass der Mensch nicht ruiniere

die Sprossen dieser Riesenleiter,
die stets nicht weiter führt und weiter!

Wie dankbar wird der Ant dir sein,
lässt du ihn wachsen und gedeihn, -  

bis er dereinst im Nebel hinten
als Nulel-ant wird stumm verschwinden.

Bim, Bam, Bum

Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,
als hätt' er Vogelflügel;
er fliegt in römischer Kirchentracht
wohl über Tal und Hügel.
 
Er sucht die Glockentönin BIM,
die ihm vorausgeflogen;
d.h. die Sache ist sehr schlimm,
sie hat ihn nämlich betrogen.
 
"O komm" so ruft er, "komm, dein BAM
erwartet dich voll Schmerzen.
Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm,
dein BAM liebt dich von Herzen!"
 
Doch BIM, dass ihr's nur alle wisst,
hat sich dem BUM ergeben;
der ist zwar auch ein guter Christ,
allein das ist es eben.
 
Der BAM fliegt weiter durch die Nacht
wohl über Wald und Lichtung.
Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,
er fliegt in falscher Richtung.

Blätterfall

Der Herbstwald raschelt um mich her.
Ein unabsehbar Blättermeer
Entperlt dem Netz der Zweige.
Du aber, dessen schweres Herz
Mitklagen will den großen Schmerz:
Sei stark, sei stark und schweige!
 
Du lerne lächeln, wenn das Laub
Dem leichteren Wind ein leichter Raub
Hinabschwankt und verschwindet.
Du weißt, dass just Vergänglichkeit
Das Schwert, womit der Geist der Zeit
Sich selber überwindet.

Butterblumengelbe Wiesen

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt, -
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug dich nie gewöhnt!

Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift -
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem
Kiesel
inmitten
Bachgeriesel.

Wisst Ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:
Das raffinierte
Tier
Tat's um des Reimes
willen.

Das Häslein

Unterm Schirme, tief im Tann,
hab ich heut gelegen,
durch die schweren Zweige rann
reicher Sommerregen.
 
Plötzlich rauscht das nasse Gras -
stille! nicht gemuckt! - :
Mir zur Seite duckt
sich ein junger Has ...
 
Dummes Häschen,
bist du blind?
Hat dein Näschen
keinen Wind?
 
Doch das Häschen, unbewegt,
nutzt, was ihm beschieden,
Ohren, weit zurückgelegt,
Miene, schlau zufrieden.
 
Ohne Atem lieg ich fast,
lass die Mücken sitzen;
still besieht mein kleiner Gast
meine Stiefelspitzen ...
 
Um uns beide - tropf - tropf - tropf -
traut eintönig Rauschen ...
Auf dem Schirmdach - klopf - klopf - klopf.
Und wir lauschen ... lauschen ...
 
Wunderwürzig kommt ein Duft
durch den Wald geflogen;
Häschen schnuppert in die Luft,
fühlt sich fortgezogen;
 
schiebt gemächlich seitwärts, macht
Männchen aller Ecken ...
Herzlich hab ich aufgelacht -:
Ei! der wilde Schrecken!

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt --
als wär's ein Heiligtum.

Seitdem geht's einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
Und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«
Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn' ist rot.
Das Mondschaf.

Das Möwenlied

Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Sofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

Das Weihnachtsbäumlein

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.
 
Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war'n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.
 
Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm -
Hei! Tats da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

Der Abend

Auf braunen Sammetschuhen geht
der Abend durch das müde Land,
sein weiter Mantel wallt und weht,
und Schlummer fällt von seiner Hand.
 
Mit stiller Fackel steckt er nun
der Sterne treue Kerzen an.
Sei ruhig, Herz! Das Dunkel kann
dir nun kein Leid mehr tun.

Der Frühling kommt bald

Herr Winter,  
geh hinter  
der Frühling kommt bald!  
Das Eis ist geschwommen,  
die Blümlein sind kommen  
und grün wird der Wald  

Herr Winter,  
geh hinter,  
dein Reich ist vorbei.  
Die Vögelein alle,  
mit jubelndem Schalle,  
verkünden den Mai!

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun
mit Zwischenraum hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da -  

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick grässlich und gemein
drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od Ameriko.

Der Papagei

Es war einmal ein Papagei,
der war beim Schöpfungsakt dabei
und lernte gleich am rechten Ort
des ersten Menschen erstes Wort.

Des Menschen erstes Wort war A
und hieß fast alles, was er sah,
z. B. Fisch, z. B. Brot,
z. B. Leben oder Tod.

Erst nach Jahrhunderten voll Schnee
erfand der Mensch zum A das B
und dann das L und dann das Q
und schließlich noch das Z dazu.

Gedachter Papagei indem
ward älter als Methusalem,
bewahrend treu in Brust und Schnabel
die erste menschliche Vokabel.

Zum Schlusse starb auch er am Zips.
Doch heut noch steht sein Bild in Gips,
geschmückt mit einem grünen A,
im Staatsschatz zu Ekbatana.

 

Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse
– und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: »Pitschü!«
und hat ihn drauf bis Montag früh.
 

Der Sperling und das Känguru

In seinem Zaun das Känguru
es hockt und guckt dem Sperling zu.

Der Sperling sitzt auf dem Gebäude
doch ohne sonderliche Freude.

Vielmehr, er fühlt, den Kopf geduckt,
wie ihn das Känguru beguckt.

Der Sperling sträubt den Federflaus
die Sache ist auch gar zu kraus.

Ihm ist, als ob er kaum noch säße
Wenn nun das Känguru ihn fräße?!

Doch dieses dreht nach einer Stunde
den Kopf aus irgend einem Grunde,

vielleicht auch ohne tiefern Sinn,
nach einer andern Richtung hin.

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!  

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:  

"Der Werwolf", - sprach der gute Mann,
"des Weswolfs" Genitiv sodann,
"dem Wemwolf" Dativ, wie man's nennt,
"den Wenwolf" - damit hat's ein End.'  

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!  

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.  

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Die Beichte des Wurms

Es lebt in einer Muschel
ein Wurm gar seltner Art;
der hat mir mit Getuschel
sein Herze offenbart.

Sein armes kleines Herze,
hei, wie das flog und schlug!
Ihr denket wohl, ich scherze?
Ach, denket nicht so klug.

Es lebt in einer Muschel
ein Wurm gar seltner Art;
der hat mir mit Getuschel
sein Herze offenbart.

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.
 
Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber, da schneit es, hu!
 
Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hat's niemand nicht.

Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Die Trichter

Zwei Trichter wandeln
durch die Nacht
durch ihres Rumpfs
verengten Schacht
fließt weißes
Mondlicht
still und
heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,  
wird an einer Straßenbeuge  
und von einem Kraftfahrzeuge  
überfahren.  

"Wie war" (spricht er, sich erhebend  
und entschlossen weiterlebend)  
"möglich, wie dies Unglück, ja-:  
dass es überhaupt geschah?  

Ist die Staatskunst anzuklagen  
in Bezug auf Kraftfahrwagen?  
Gab die Polizeivorschrift  
hier dem Fahrer freie Trift?  

Oder war vielmehr verboten,  
hier Lebendige zu Toten  
umzuwandeln, -kurz und schlicht:  
Durfte hier der Kutscher nicht-?  

Eingehüllt in feuchte Tücher,  
prüft er die Gesetzesbücher  
und ist alsobald im klaren:  
Wagen durften dort nicht fahren!  

Und er kommt zu dem Ergebnis:  
Nur ein Traum war das Erlebnis.  
Weil, so schließt er messerscharf,  
nicht sein kann, was nicht sein darf.

Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.


Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.


Die eine sagt: knig. Die andere sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

Ein kleiner Hund mit Namen Fips

Ein kleiner Hund mit Namen Fips
erhielt vom Onkel einen Schlips
aus gelb und roter Seide.  

Die Tante aber hat, o denkt,
 ihm noch ein Glöcklein drangehängt
zur Aug- und Ohrenweide.  

Hei, war der kleine Hund da stolz.
Das merkt sogar der Kaufmann Scholz
im Hause gegenüber.  

Den grüßte Fips sonst mit dem Schwanz;
jetzt ging er voller Hoffart ganz
an seiner Tür vorüber.

Es ist Nacht

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält's nicht aus,
hält's nicht aus mehr bei mir.
 
Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.
 
Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

Frühlingssonne

Die Sonne geht im Osten auf,
der Osterhas' beginnt den Lauf.
Um seinen Korb voll Eier sitzen
drei Häslein, die die Ohren spitzen.
Der Osterhas' bringt just ein Ei -
da fliegt ein Schmetterling herbei
. Dahinter strahlt das blaue Meer
mit Sandstrand vorne und umher.
Der Osterhas' ist eben fertig -
das Kurtchen auch schon gegenwärtig!
Nesthäkchen findet eins, zwei, drei,
ein rot, ein blau, ein lila Ei.
Ein Ei in jedem Blumenkelche!
Seht, seht, selbst hier, selbst dort sind welche!
Ermüdet leicht, im Morgenschein
schlief Kurtchen auf der Wiese ein.
Die Glocken läuten bim, bam, baum,
und Kurtchen lächelt zart im Traum.
Di di didl dum dei, wir tanzen mit unser'n Hasen,
umgefasst, zwei und zwei,
auf schönem, grünen, Rasen.

Ich bin mir selbst

Ich bin mir selbst
ein unbekanntes Land
und jedes Jahr entdeck´
ich neue Stege.

Bald wandre ich hin
durch meilenweiten Sand
und bald durch
blütenquellende Gehege.

So oft mein Ziel im
Dunkeln mir entschwand
verriet ein neuer Stern
mir neue Wege.

Lied der Sonne

Ich bin die Mutter Sonne und trage
die Erde bei Nacht, die Erde bei Tage.
Ich halte sie fest und strahle sie an,
dass alles auf ihr wachsen kann.
Stein und Blume, Mensch und Tier,
alles empfängt sein Licht von mir.
Tu auf dein Herz wie ein Becherlein,
denn ich will leuchten auch dort hinein!
Tu auf dein Herzlein, liebes Kind,
dass wir  e i n Licht zusammen sind!

Nächtliche Schlittenfahrt

Die Uhr schlägt zwölfe.
Im Walde stehn zwei Wölfe.

Zwei Wölfe stehn im Wald.
Eine Schlittenpeitsche knallt.

Ein Schlitten kommt gefahren.
Die zwei Wölfe sträuben die Haare.

Fahr zu, Fuhrmann, fahr zu!
Sonst werden dir die Wölfe was tun!

Der Fuhrmann lässt die Zügel.
Das Pferd rast über den Hügel.

Den Hügel hinauf, den Hügel hinunter -
Dahinter die Wölfe mit roten Zungen -

Jetzt fährt er über den See:
Das Eis liegt tief im Schnee.

Das Eis kracht unter den Kufen.
Jetzt sind sie am andern Ufer.

Schon kann man das Forsthaus sehn.
Die zwei Wölfe bleiben stehn.

Der Förster winkt mit der Laterne.
Überm Wald stehn hunderttausend Sterne.

Der Förster klopft den Rappen -:
Nun kriegst du auch noch ein Schaff Hafer!

Ein Schaff gelben Hafer, und Dir,
Herr Fuhrmann, einen Krug Bier!

Der Fuhrmann sitzt in der Halle.
Das Rösslein stampft im Stalle.

Dort steht eine Kuh mit ihrem Kalb.
Die Uhr schlägt zweieinhalb.

Nachts

Des Nachts im Traum
auf grünem Rasen
beschenken Paul
die Osterhasen.

Zwei Eier legen sie gewandt
ihm auf den Arm und unter die Hand.
Am Himmel steht der Mond und denkt:
Ich werde nicht so schön beschenkt.

Neuschnee

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen 
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur, 
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen 
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur.
 

Kindisch ist und köstlich solch Beginnen 
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht 
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen 
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in  Sinnen.

Leiser wird die Hand,  der Mund,
stiller die Gebärde.  
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

Schauder

Jetzt bist du da, dann bist du dort.
Jetzt bist du nah, dann bist du fort.
Kannst du's fassen? Und über eine Zeit

gehen wir beide die Ewigkeit
dahin - dorthin. Und was blieb? ...
Komm, schließ die Augen, und hab mich lieb!

Schicksalsspruch

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.
Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut;
ein Blinzeln - der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick - des Erdballs Werden und Verglut.

Sommernacht im Hochwald

Im Hochwald sonngesegnet
hat's lange nicht geregnet.

Doch schaffen sich die Bäume
dort ihre Regenträume.

Die Espen und die Erlen -
sie prickeln und sie perlen.

Das ist ein Sprühn und Klopfen
als wie von tausend Tropfen.

Die Lärchen und die Birken -
sie fühlen flugs es wirken.

Die Fichten und die Föhren -
sie lassen sich betören!

Der Wind weht kühl und leise.
Die Sterne stehn im Kreise.

Die Espen und die Erlen:
sie schaudern tausend Perlen...

Stilles Reifen

Alles fügt sich und erfüllt sich,
musst es nur erwarten können
und dem Werden deines Glückes
Jahr' und Felder reichlich gönnen.
 
Bis du eines Tages jenen
reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst und die Ernte
in die tiefen Speicher führest.

Venus Aschthoreth

Du jagtest durch den Saal auf leichten Knien
und warfst das Haar mit fordernder Gebärde,
du wolltest mich zu dir hinunter ziehn,
mich saugen, wie den Tropfen trockne Erde.
 
In deines stumpfen Tänzers Arme sankst
du weit rücküber und, nach mir gedreht,
verschlangst du mich mit jedem Blick und trankst
mein fliegend Herzblut, Venus Aschthoreth!

Von dem großen Elefanten

Kennst du den großen Elefanten,
du weißt, den Onkel von den Tanten,
den ganz ganz großen, weißt du, der -
der immer so macht, hin und her.

Der lässt dich nämlich vielmals grüßen,
er hat mit seinen eignen Füßen
hineingeschrieben in den Sand:
Grüß mir Sophiechen Windelband!

Du darfst mir ja nicht drüber lachen.
Wenn Elefanten so was machen,
so ist dies selten, meiner Seel!
Weit seltner als bei dem Kamel.

Vorfrühling

Die blätterlosen Pappeln stehn so fein,
so schlank, so herb am abendfahlen Zelt.
Die Amseln jubeln wild und bergquellrein,
und wunderlich in Ahnung ruht die Welt.

Gespenstische Gewölke, schwer und feucht,
zerschatten den noch ungesternten Raum
und Übergraun, im sinkenden Geleucht.
Gebirg und Grund, ein krauser, trunkner Traum.

Warte, warte tiefgeduldig,

Warte, warte tiefgeduldig,
bis dir mehr Gewalt gegeben,
bist von früher her noch schuldig,
darfst noch nicht das Haupt erheben
als ein Schöpfer über vielen
und Gestalter ihrer Bahnen,
darfst nur erst noch Harfe spielen
und ein Reich der Zukunft ahnen.

Was wärst du, Wind

Was wärst du, Wind , 
wenn du nicht Bäume hättest 
zu durchbrausen; 
was wärst du, Geist, 
wenn du nicht Leiber hättest, 
drin zu hausen! 
All Leben will Widerstand. 
All Licht will Trübe. 
All Wehen will Stamm und Wand, 
dass es sich dran übe. 


Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.
Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr . . .
Heißa, du lustiger Kieselstein!
Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.
Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.
Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wiederholen.

Wir Menschen sind

Wir Menschen sind wie Blätter eines Baumes,
die irgendwann in grauer Vorzeit Tagen
vom väterlichen Stamm sich selbst gerissen.
 
Und nun, Geschöpfe unsres eigenen Traumes,
hinwandeln wir in ungeheurem Wagen
den labyrinthnen Weg vom Wahn zum Wissen.

Wohl kreist verdunkelt oft der Ball

Wohl kreist verdunkelt oft der Ball;
doch über den paar Wolken droben,
da blaut das sterndurchtanzte All
und lässt sich von den Göttern loben.

Die liegen auf den Wolkenbergen,
wie Hirten einer Fabelwelt,
und wissen kaum von all den Zwergen,
die das Gebirg im Schoße hält.

Sie lachen mit den weißen Zähnen
den Göttern andrer Sterne zu -.
Komm, Bruder, lass die leeren Tränen,
wir sind auch Götter, ich und du!

Zäzilie

Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

„Durch meine Fenster muss man“, spricht die Frau,
„so durchsehn können, dass man nicht genau,
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das."
Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen ...
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei -
und schlägt die Fenster allesamt entzwei!
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt:
"So hat Zäzilie ja noch nie geputzt"
 
Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und sagt einstimmig: "Diese Magd muss gehn!"