Münchhausen, Börries von (1874-1945)

Zurück

Bauernaufstand

Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm,
der Regen durchrauschte die Straßen,
und durch die Glocken und durch den Sturm
gellte des Urhorns Blasen.

Das Büffelhorn, das lange geruht,
Veit Stoßperg nahm's aus der Lade,
das alte Horn, es brüllte nach Blut
und wimmerte: "Gott genade!"

Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft!
Der Bauer stund auf im Lande,
und tausendjährige Bauernkraft
macht Schild und Schärpe zu Schande!

Die Klingsburg hoch am Berge lag,
sie zogen hinauf in Waffen,
auframmte der Schmied mit einem Schlag
das Tor, das er fronend geschaffen.

Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht
und ein Spaten zwischen die Rippen -
er brachte das Schwert aus der Scheide nicht,
und nicht den Fluch von den Lippen.

Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft,
brach Balken, Bogen und Bande -
ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft:
Der Bauer stund auf im Lande!

Das alizarinblaue Zwergenkind

Nein, was hab ich gelacht!
 
Da kommt doch diese Nacht
Ein kleinwinzig Zwergenkind
Aus dem Bücherspind
Hinter Kopischs Gedichten hervor
Und krebselt an meinem Schreibtisch empor.
 
Trippelt ans Tintenfaß:
»Was ist denn das?«
Stippt den schneckenhorndünnen Finger hinein,
Leckt,–
 
»Ui, fein!«
Macht halslang, guckt dumm
Nochmal in der ganzen Stube rum,
Gottseidank, allein!
 
Zwergenvater begegnet sich selber im Mondenschein,
Mutti, um was Gescheiteres anzufangen,
Is e bissel spuken gegangen.
 
Da knöpft es sein Wämschen ab,
Hemd runter, – schwapp!
Spritzt's ins Tintenbad hinein,
Taucht, plantscht, wischt die Augen rein,
Pudelt
Und sprudelt,
Nimmt's Mäulchen voll,
Prustet ein Springbrunn hoch zwei Zoll,
Streckt's Füßchen raus, schnalzt mit den Zeh'n,
Taucht, um mal auf'n Kopf zu stehn,
 
Endlich Schluss der Bade-Saison!
Klettert raus, trippelt über meinen Löschkarton,
Schuppert sich, über und über pitsche-patsche-naß,
»Brr, wie kalt war das!«
Ist selig, wie es sie zugesaut,
Und kriegt eine alizarinblaue Gänsehaut.
 
Nun trocknet sich's auf dem Löschpapier,
Probiert dort und hier,
Was da für'n feines Muster bleibt,
Als ob einer, der schreiben kann, schreibt!
Ein Fußtapf, – wie 'ne Bohne beinah!
Ein Handklitsch, – alle fünf Finger da!
 
Nun die Nase aufgetunkt,
Lacht schrecklich: Ein richtiger Punkt,
Ein Punkt!
 
Wo's aber gesessen hat
Auf dem roten Blatt,–
Wie's da hinguckt,
Da hat's ein Dreierbrötchen gedruckt,
Ein kleinwinziges zweihälftiges Dreierbrot,
Blau auf rot!
 
Erst lacht's. Dann schämt sich's. Und dann
So schnell es kann
Am Tischbein runter,
Durch den Mondenschein
In Schrank hinein!
 
Ein Weilchen noch hinter den Büchern her
Hörte ich's piepsen und heulen sehr,
Hat so arg geschnieft und geschluckt,
Weil es das– Dreierbrötchen da hingedruckt!

 

Der goldene Ball

Was auch an Liebe mir vom Vater ward,
Ich hab‘s ihm nicht vergolten, denn ich habe
Als Kind noch nicht gekannt den Wert der Gabe
Und ward als Mann dem Manne gleich und hart.
 
Nun wächst ein Sohn mir auf, so heiß geliebt
Wie keiner, dran ein Vaterherz gehangen,
Und ich vergelte, was ich einst empfangen,
An dem, der mir‘s nicht gab - noch wiedergibt.
 
Denn wenn er Mann ist und wie Männer denkt,
Wird er, wie ich, die eignen Wege gehen,
Sehnsüchtig werde ich, doch neidlos sehen,
Wenn er, was mir gebührt, dem Enkel schenkt.
 
Weithin im Saal der Zeiten sieht mein Blick
Dem Spiel des Lebens zu, gefasst und heiter,
Den goldnen Ball wirft jeder lächelnd weiter,
Und keiner gab den goldnen Ball zurück!

Die Lederhosensaga

Es war ein alter schwarzbrauner Hirsch,
Großvater schoss ihn auf der Pirsch;
und weil seine Decke so derb und dick,
stiftete er ein Familienstück.
Nachdem er lange nachgedacht,
ward eine Hose daraus gemacht;
denn: Geschlechter kommen, Geschlechter vergehen,
hirschlederne Reithosenbleiben bestehen.
 
Er trug sie dreiundzwanzig Jahr‘,
eine wundervolle Hose es war!
Und als mein Vater sie kriegte zu Lehen,
da hatte die Hose gelernt zu stehen,
steif und mit durchgebeulten Knien
stand sie abends vor dem Kamin -
Schweiß, Regen, Schnee - ja, mein Bester:
Eine lederne Hose wird immer fester!
 
Und als mein Vater an die sechzig kam,
einen Umbau der Hose er vor sich nahm;
das Leder freilich war unerschöpft,
doch die Büffelhornknöpfe waren dünngeknöpft,
wie alte Groschen, wie Scheibchen nur -
er erwarb eine neue Garnitur.
 
Und dann allmählich machte das Reiten
ihm nicht mehr den Spaß wie in früheren Zeiten.
Besonders der Trab in den hohen Kadenzen
ist kein Vergnügen für Exzellenzen,
So fiel die Hose durch Dotation
an mich in der dritten Generation.
 
Ein Reiterleben in Niedersachsen -
die Gaben der Hose war‘n wieder gewachsen!
Sie saß jetzt zu Pferde, wie aus Guss
und hatte wunderbaren Schluss,
und abends stand sie mit krummen Knien
wie immer zum Trocknen am Kamin.
 
Aus Großvaters Tagen herüber klingt
eine ferne Sage, die sagt und singt,
die Hose hätte in jungen Tagen
eine prachtvolle grüne Farbe getragen.
Mein Vater dagegen – ich weiß es genau -
nannte die Hose immer grau.
 
Seit Neunzehnhundert ist sie zu schaun
etwa wie guter Tabak: braun!
So entwickelte sie, fern jedem engen Geize,
immer neue ästhetische Reize,
und wenn mein Ältester einst sie trägt,
wer weiß, ob sie nicht ins Blaue schlägt!
 
Denn fern im Nebel der Zukunft schon
Seh‘ ich die Hose an meinem Sohn.
Er wohnt in ihr, wie wir drin gewohnt,
und es ist nicht nötig, dass er sie schont,
ihr Leder ist ganz unerschöpft -
die Knöpfe nur sind wieder durchgeknöpft,
und er stiftet, folgend der Väter Spur,
eine neue Steingussgarnitur.
Ja - Geschlechter kommen, Geschlechter gehen,
hirschlederne Reithosen bleiben bestehen.

Dunkeler Falter

Wenn zwei Eheleute zum Sternenhimmel starrn,
Oder ein Bruder hält seiner lieben Schwester das Garn,
Oder ein Freund schenkt bedachtsam dem Freunde ein -
Schwebt ein dunkeler Falter über den zwein:

Einer von uns muss hinter dem Sarge gehn,
Dran im Straßenwinde die Schleifen wehn,
Einer von uns muss streun mit kalter Hand 
Erde hernieder vom bretternen Grabesrand,
Einer von uns muss gehn nach Haus allein, -

Lieber Gott, lass mich der andere sein!

Heller Morgen

Als ich schläfrig heut erwachte,
- und es war die Kirchenzeit –
hörte ich’s am Glockenklange,
dass es über Nacht geschneit.
 
Denn in meinem hellen Zimmer
klang so hell der Glockenschlag,
dass ich schon im Traume wusste:
heute wird ein heller Tag.

Als ich durch die Scheiben staunte,
wie die Welt so froh beschneit,
wurde mir die ganze Seele
glänzend weiß und hell und weit.

Hunnenzug

Finsterer Himmel, pfeifender Wind,
wildöde Heide, der Regen rinnt,
von fern ein Schein, wie ein brennendes Dorf,
mattdüstrer Glanz auf den Lachen im Torf.
 
Da plötzlich ein stampfendes, dumpfes Geroll,
wie drohenden Wetters steigender Groll,
und lauter und lauter erdröhnt die Erde
vom stürmischen Nahn einer wilden Herde,

  

Ein Hunnenschwarm mit laut jauchzendem Ruf!
Dumpf donnert und poltert der Rosse Huf,
es erbebt die Heide, der Schlamm spritzt auf
an den dolchbangenen Sattelknauf.

  

Ein köcherumrauschter, gewaltiger Schwarm,
hell klirren die Spangen an Sattel und Arm.
Das Haupt geneigt auf die struppige Mähne,
die braune Faust an gespannter Sehne. -

  

Durch den rauschenden Regen wild geht ihr Schrei,
immer mehr, immer neue jagen herbei
von der heimatlosen unzählbaren Schar,
der der Sattel Wiege und Sterbebett war.

  

Da endlich die letzten vom Völkerheer, -
zerstampft und zertreten die Heide umher,
ein letztes Wiehern im Winde, - als Spur
auf dem schwarzen Schlamme ein Riemen nur. -

  

Finsterer Himmel, pfeifender Wind,
wildöde Heide, der Regen rinnt,
von fern ein Schein, wie ein brennendes Dorf,
und düsterer Glanz auf den Lachen im Torf.
 

Weißer Flieder

Nass war der Tag -
Die schwarzen Schnecken krochen - ,
Doch als die Nacht schlich durch die Gärten her,
Da war der weiße Flieder aufgebrochen,
Und über alle Mauern hing er schwer.

Und über alle Mauern tropften leise
Von bleichen Trauben Tropfen groß und klar,
Und war ein Duften rings, durch das die Weise
Der Nachtigall wie Gold geflochten war.