Lingg, Hermann von (1830-1905)

Zurück

Kalt und schneidend

Kalt und schneidend
Weht der Wind, 
Und mein Herz ist bang und leidend
Deinetwegen süßes Kind!
 
Deinetwegen, 
Süße Macht, 
Ist mein Tagwerk ohne Segen
Und ist schaflos meine Nacht. 
 
Stürme tosen 
Winterlich, 
Aber blühten auch schon Rosen,
Was sind Rosen ohne dich?
 

 

Kleines Glück

Sie geht in aller Frühe,  
noch eh die Dämmrung schwand,  
den Weg zur Tagesmühe  
im ärmlichen Gewand;  

die dunklen Nebel feuchten  
noch in der Straße dicht,  
sonst sähe man beleuchten  
ein Lächeln ihr Gesicht;  

die Götter mögen wissen,  
warum sie heimlich lacht -  
es weiß es nur das Kissen,  
was ihr geträumt heut Nacht.

Nebeltag

Nun weicht er nicht mehr von der Erde,
Der graue Nebel, unbewegt;
Er deckt das Feld und deckt die Herde,
Den Wald und was im Wald sich regt.

Er fällt des Nachts in schweren Tropfen
Durchs welke Laub von Baum zu Baum,
Als wollten Elfengeister klopfen
Den Sommer wach aus seinem Traum.

Der aber schläft, von kühlen Schauern
Tief eingehüllt, im Totenkleid.
O welch ein stilles, sanftes Trauern
Beschleicht das Herz in dieser Zeit!

Im Grund der Seele winkt es leise,
Und vom dahingeschwundnen Glück
Beschwört in ihrem Zauberkreise
Erinnrung uns den Traum zurück.