Liliencron, Detlev von (1844-1909)

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Abschied und Rückkehr I

Vorbei, vorbei, auf feuchter Spur
irrt trostlos nun mein Blick ins Weite.
Vorbei, vorbei, die Möwe nur
gibt mir ein trauriges Geleite.
 
Nun kehrt auch sie; fernab, fernab
ist längst mein Vaterland geblieben.
Aus meiner Heimat, wo mein Grab
ich schon gewählt, bin ich vertrieben.
 
Als gestern ich im Abschiedszorn
voll Schmerz den Lindenzweig gerüttelt,
als ich den Rebhahn hört' im Korn,
es hat ein Fieber mich geschüttelt.
 
Es wogt mein Schiff, es sinkt und hebt,
ein Sturmlied singen die Matrosen.
Es wogt mein Herz, es ringt und bebt,
es schlägt der Sturm den Heimatlosen.

Abschied und Rückkehr II

Aus Wogen taucht ein blasser Strand,
es schimmert fern durch meine Tränen
des Vaterlandes Küstenrand,
erschöpft muss ich am Maste lehnen.

Der Flieder blüht, die Schwalbe zieht,
und auf den Dächern schwatzen Stare,
der Orgeldreher dreht sein Lied,
ein linder Wind küsst mir die Haare.

Die Mädchen lachen Arm in Arm,
Soldaten stehen vor der Wache,
und aus der Schule bricht ein Schwarm,
der lustig lärmt in meiner Sprache.

Es schreit mein Herz, es jauchzt und bebt
der alten Heimat heiß entgegen.
Und was als Kind ich je durchlebt,
klingt wieder mir auf allen Wegen.

Auf dem Kirchhofe

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
Ich war an manch vergessenem Grab gewesen.
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
Die Namen überwachsen, kaum zu lesen.

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Wie sturmestot die Särge schlummerten,
Auf allen Gräbern taute still: Genesen.

Aus der Kinderzeit

In alten Briefen saß ich heut vergraben,
Als einer plötzlich in die Hand mir fiel,
Auf dem die Jahresziffer mich erschreckte,
So lange war es her, so lange schon.
Die Schrift stand groß und klein und glatt und kraus
Und reichlich untermischt mit Tintenflecken:
„Mein lieber Fritz, die Bäume sind nun kahl,
Wir spielen nicht mehr Räuber und Soldat,
Türk hat das rechte Vorderbein gebrochen,
Und Tante Hannchen hat noch immer Zahnweh,
Papa ist auf die Hühnerjagd gegangen.
Ich weiß nichts mehr. Mir geht es gut.
Schreib bald und bleibe recht gesund.
Dein Freund und Vetter Siegesmund.“

„Die Bäume sind nun kahl,“ das herbe Wort
Ließ mich die Briefe still zusammenlegen,
Gab Hut und Handschuh mir und Rock und Stock
Und drängte mich hinaus in meine Heide.

Das alte Steinkreuz am Neuen Markt

Und Purzel-Purzel-Purzelbaum,
Kopf, Arm, Bein, ohne Pause,
Wie Ikaros, durch Wind und Raum,
Geht's abwärts mit Gesause.
Und schwapp, daliegt der Fiedelhans,
Ist nüchtern wie'ne Stoppelgans,
Steht auf und – geht nach Hause.

Das Volk schreit: Ein Miraculum!
Und tut den Platz anstieren,
Und dreht sich rechts und links herum
Und kann es nicht kapieren.
Und stiftet, während Domgeläuts,
Da wo er fiel, ein steinern Kreuz,
Den Teufel zu vexieren.

Der Musikant hat niemals nie
Den Weinkrug mehr gehoben,
Probierte täglich sein Genie,
Um Gott den Herrn zu loben.
Ob er zuweilen doch einmal,
Wer kann das wissen, den Pokal
Ansetzte? Nur zum Proben?

Das taubstumme Kind

Von dichter Kinderschar umgeben,
pausbäckig alle und gesund,
schien wolkenlos der Mutter Leben
und alles stand auf sich´rem Grund.

Doch eins von all den Glücksgewinnen,
ein Mädchen, Mädelchen vom besten Schwarm,
war taubstumm und von blöden Sinnen,
lag täglich fast dem Tod im Arm.

Der Mutter heißeste der Bitten,
der Wünsche heißester ist nur,
bevor ihr Liebling ausgelitten,
eh abgelaufen ihre Uhr, 


dass sie ihr ein einzig Mal nur sage,
ein einzigmal das eine Wort: "Mutter",
und weggefegt ist alle Klage
und alle Trübsal ist verdorrt.

Das Mädchen starb mit reinem Herzen,
sank oben sie an Gottesbrust.
Die Mutter blieb im Land der Schmerzen
 und gab sich schwer in den Verlust.

Dann starb auch sie nach vielen Jahren,
nach Plag und Arbeit wie's so geht,
wir alle müssen ja erfahren,
wie scharf der Wind auf Erden weht.

Als sie nun schritt auf Himmelswegen,
nach Gottes Thron am heil´gen Ort,
jauchzt ihr das Töchterchen entgegen
und "Mutter" war ihr erstes Wort.

Der Blitzzug

Quer durch Europa von Westen nach Osten
rüttert und rattert die Bahnmelodie.
Gilt es die Seligkeit schneller zu kosten?
Kommt er zu spät an im Himmelslogis?

Fortfortfort, Fortfortfort drehen sich die Räder
rasend dahin auf dem Schienengeäder;
Rauch ist der Bestie verschwindender Schweif,
Schaffnerpfiff, Lokomotivengepfeif.

Länder verfliegen, und Städte versinken,
Stunden und Tage verflattern im Flug,
Täler und Berge, vorbei, wenn sie winken,
Traumbilder, Sehnsucht und Sinnenbetrug.

Mondschein und Sonne, noch einmal die Sterne,
bald ist erreicht die beglückende Ferne,
Dämmerung, Abend und Nebel und Nacht,
stürmisch erwartet, was glühend gedacht.

Dämmerung senkt sich allmählich wie Gaze,
schon hat die Venus die Wache gestellt.
Nur noch ein Stündchen! Dann nimmt sich die Strasse,
trennt, was sich hier aneinander gesellt:

Reiche Familien, Bankiers, Kavaliere,
Landrat, Gelehrter, ein Prinz, Offiziere,
"Damen und Herren", ein Dichter im Schwarm,
liebliche Kinder mit Spielzeug im Arm.

Nun ist das Dunkel dämonisch gewachsen,
in den Kupees brennt die Gasflamme schon.
Fortfortfort, Fortfortfort, glühende Achsen,
schrillt ein Signal, klingt ein wimmernder Ton?

Fortfortfortfortfortfort - steht an der Kurve,
steht da der Tod mit der Bombe zum Wurfe?
Halthalthalthalthalthalthalthalthaltein -
Ein anderer Zug fährt schräg hinein.

Folgenden Tages, unter Trümmern verloren,
finden sich zwischen verkohltem Gebein,
finden sich schuttüberschüttet zwei Sporen,
Brennscheren, Uhren, ein Aktienschein,

Geld, ein Gedichtbuch: "Seraphische Töne",
Ringe, ein Notenblatt: "Meiner Camöne",
endlich ein Püppchen im Bettchen verbrannt,
dem war ein Eselchen vorgespannt.


Der Loreleyfels

Da wo der Mondschein blitzet
Ums höchste Felsgestein,
Das Zauberfräulein sitzet,
Und schauet auf den Rhein.

Es schauet herüber, hinüber,
Es schauet hinab, hinauf,
Die Schifflein ziehn vorüber,
Lieb Knabe, sieh nicht auf!

So blickt sie wohl nach allen
Mit ihrer Äuglein Glanz,
Lässt her die Locken wallen
unter dem Perlenkranz.

Sie singt dir hold zu Ohre,
Sie blickt dich töricht an,
Sie ist die schöne Lore,
Sie hat dir' s angetan.

Sie schaut wohl nach dem Rheine,
Als schaute sie nach dir,
Glaub nicht, dass sie dich meine,
Sieh nicht, horch nicht nach ihr!

Doch wogt in ihrem Blicke
Nur blauer Wellen Spiel,
Drum scheu die Wassertücke,
Denn Flut bleibt falsch und kühl.

Dorfkirche im Sommer

Schläfrig singt der Küster vor,
Schläfrig singt auch die Gemeinde,
Auf der Kanzel der Pastor
Betet still für seine Feinde.
 
Dann die Predigt, wunderbar,
Eine Predigt ohne Gleichen.
Die Baronin weint sogar
Im Gestühl, dem wappenreichen.
 
Amen, Segen, Thüren weit,
Orgelton und letzter Psalter.
Durch die Sommerherrlichkeit
Schwirren Schwalben, flattern Falter.

Früh am Tage

Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt
Bald Der, bald Jener, Einer nach dem Andern.
Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.
 
Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts
Bald Der, bald Jener, Einer nach dem Andern.
Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.
 
Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt,
Querweg die Menschen, Einer nach dem Andern.
Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Hans der Schwärmer

Hans Töffel liebt Schön Doris sehr,
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr.
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie,
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie.
Im Kreise liest er Gedichte vor,
Schön Doris steht unten am Gartentor:
Ach, käm er doch frisch zu mir hergesprungen,
Wie wollt ich ihn herzen, den lieben Jungen.
Hans Töffel liest oben Gedichte.
 
Am andern Abend, der blöde Tor,
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor,
Was Schön Doris wirklich sehr verdrießt,
Da er immer weiter und weiter liest.
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht;
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht.
Schön Doris steht unten in Rosendüften
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften.
Hans Töffel liest oben Gedichte.
 
Am andern Abend ist großes Fest,
Viel Menschen sind eng aneinandergepresst.
Heut muss ers doch endlich sehn, der Poet,
Wenn Schön Doris sacht aus der Türe geht.
Der Junker Hans Jürgen, der merkt es gleich;
Die Linden duften, die Nacht ist so weich.
Und unten im stillen, dunkeln Garten
Braucht heute Schön Doris nicht lange zu warten.  
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Herbst

Astern blühen schon im Garten;
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

In einer großen Stadt

Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt
Bald Der, bald Jener, Einer nach dem Andern.
Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.
 
Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts
Bald Der, bald Jener, Einer nach dem Andern.
Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.
 
Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt,
Querweg die Menschen, Einer nach dem Andern.
Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

In Herbstestagen

In Herbstestagen bricht mit starkem Flügel
Der Reiher durch den Nebelduft.
Wie still es ist, kaum hör’ ich um den Hügel
Noch einen Laut in weiter Luft.

Auf eines Birkenstämmchens schwanker Krone
Ruht sich ein Wanderfalke aus.
Doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne
Äugt er durchdringend scharf hinaus.

 Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte
Schleicht neben seinem Wagen Torf.
Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte
Der alte Schimmel ihn ins Dorf.

In jungen Jahren

Schönes Kind von achtzehn Jahren,
Ein Weilchen sind wir zusammengefahren
Durch diese verdammt langweilige Welt;
Und schon sind uns die Rosen vergällt?
Schon lauern Gähnen und lästiger Trug;
Um des Himmels willen, genug, genug,
Ein toter Docht kann nicht mehr glimmen,
Ein lässiger Arm kein Meer durchschwimmen.
So geh deinen Weg du, ich gehe den meinen,
Wolln uns nicht grämen, wollen nicht greinen;
Und sollten wir später uns treffen einmal,
Wirds keinem von uns zu Kummer und Qual.
Hast schnell einen Schatz, ich find ein Schätzchen,
Du einen Kater, ich ein Kätzchen;
Streichelst dann, eia, ein andres Hänschen,
Und mir schläft im Arm ein andres Gänschen.
Nur immer frisch das Leben genossen,
Bald hält uns höhnisch der Sarg umschlossen.
Und nun Lebwohl; Dank sei dir gebracht
Für manche sturmherrliche Liebesnacht.
Noch einmal komm ich morgen früh,
Und dann ist die Sache perdauz und perdü.

Liebesnacht

Nun lös' ich sanft die lieben Hände,
Die du mir um den Hals gelegt.
Dass ich in deinen Augen finde,
Was dir das kleine Herz bewegt.
 
O sieh die Nacht, die wundervolle,
In ferne Länder zog der Tag.
Der Birke Zischellaub verstummte,
Hörst du den Nachtigallenschlag?
 
Der weiße Schlehdorn uns zu Häupten,
Es ist die liebste Blüte mir.
Trenn' ab ein Zweiglein eh' wir scheiden,
Zu dein' und meines Hutes Zier.
 
Lass, Mädchen, uns die Nacht genießen,
Allein gehört sie mir und dir.
Die Blüte will ich aufbewahren
An diese Frühlingsstunde hier.

Märztag

Wolkenschatten fliehen über Felder,
Blau umdunstet stehen ferne Wälder.

Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
Kommen schreiend an in Wanderzügen.

Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen,
Überall ein erstes Frühlingslärmen.

Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.

Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
Wollt es halten, musst es schwimmen lassen.

Meiner Mutter

Wie oft sah ich die blassen Hände nähen,
ein Stück für mich - wie liebevoll du sorgtest!
 
Ich sah zum Himmel deine Augen flehen,
ein Wunsch für mich - wie liebevoll du sorgtest!
 
Und an mein Bett kamst du mit leisen Zehen,
ein Schutz für mich - wie sorgenvoll du horchtest!
 
Längst schon dein Grab die Winde überwehen,
ein Gruß für mich - wie liebevoll du sorgtest!

Pidder Lüng

»Frii es de Feskfang,
frii es de Jaght,
frii es de Strönthgang,
frii es de Naght,
frii es de See, de wilde See
en de Hörnemmer Rhee.«

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
»Heut fahr' ich selbst hinüber nach Sylt
und hol' mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
sollen sie Nasen und Ohren lassen,
und ich höhn' ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav.«

Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
stützt finster sich auf sein langes Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
Jürgen, der Priester, beflissen, bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
»Die Obrigkeit helf' ich die Frevler zu packen,
in den Pfuhl das Wort:  
Lewwer duad üs Slaav.«

Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt.
Und es knirschen die Kiele auf den Sand,
und der Ritter, der Priester springen ans Land,
und waffenrasselnd hinter den beiden
entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
Nun gilt es, Friesen:
Lewwer duad üs Slaav!

Die Knechte umzingeln das erste Haus,
Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
Der Ritter, der Priester treten allein
über die ärmliche Schwelle hinein.
Des langen Peters starkzählige Sippe
sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
Jetzt zeige dich, Pidder:
Lewwer duad üs Slaav!

Der Ritter verneigt sich mit hämischem Hohn,
der Priester will anheben seinen Sermon.
Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
und verbeugt sich noch einmal:»Ihr erlaubt,
dass wir Euch stören bei Euerm Essen,
bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen,
und Euer Spruch ist ein Dreck:
Lewwer duad üs Slaav!«

Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
»Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum!
Wir waren der Steuern von jeher frei,
und ob du sie wünscht, ist uns einerlei!
Zieh ab mit deinen Hungergesellen!
Hörst du meine Hunde bellen?
Und das Wort bleibt stehn:
Lewwer duad üs Slaav!«

»Bettelpack,« fährt ihn der Amtmann an,
und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann,
»du frisst deinen Grünkohl nicht eher auf,
als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.«
Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken
und verkriecht sich hinter des Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
Lewwer duad üs Slaav!

Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an,
immer heftiger in Wut gerät der Tyrann,
und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
»Nun geh an deinen Trog, du Schwein!«
Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
 dröhnt's von drinnen:
»Lewwer duad üs Slaav!«

Einen einzigen Sprung hat Pidder getan,
er schleppt an den Napf den Amtmann heran
und taucht ihm den Kopf ein und läßt ihn nicht frei,
bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei.
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
brüllt er, die Türen und Wände zittern,
das stolzeste Wort:
»Lewwer duad üs Slaav!«

Der Priester liegt ohnmächtig ihm am Fuß,
die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
durchbohren den Fischer und zerren ihn fort;
in den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn verderben,
ruft noch einmal im Leben, im Sterben
sein Herrenwort:
»Lewwer duad üs Slaav!« 

Sommer

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen,
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
Unschuldig geschmückt,
Sich den Hut verlegen nieder
In die Stirn gedrückt.

Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn;
Doch ich bin ein feiner Späher,
Kenn die Schelmin schon.

Noch ein Blick in Weg und Weite,
Ruhig liegt die Welt,
Und es hat an ihre Seite
Mich der Sturm gestellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Vorfrühling am Waldrand

In nackten Bäumen um mich her der Häher,
Der ewig kreischende, der Eichelspalter,
Und über Farnkraut gaukelt nah und näher
Und wieder weiter ein Citronenfalter,
Ein Hühnerhabicht schießt als Mäusespäher,
Pfeilschnell, knicklängs vorbei dem Pflugsterzhalter,
Der Himmel lacht, der große Knospensäer
Und auf den Feldern klingen Osterpsalter.