Lessing, Gotthold Ephraim (1729-1781)

Zurück

Das Paradies

Sein Glück für einen Apfel geben,
O Adam, welche Lüsternheit !
Statt deiner hätte ich sollen leben,
So wär das Paradies noch heut.-
 
Wie aber, wenn alsdann die Traube
Die Probefrucht gewesen wär?
Wie da, mein Freund ? - Ei nun, ich glaube -
Das Paradies wär auch nicht mehr.

Der über uns

Hans Steffen stieg bei Dämmerung (und kaum
konnt er vor Näschigkeit die Dämmerung erwarten)
in seines Edelmannes Garten
und plünderte den besten Apfelbaum.

Johann und Hanne konnten kaum
vor Liebesglut die Dämmerung erwarten
und schlichen sich in ebendiesen Garten
von ungefähr an ebendiesen Apfelbaum.

Hans Steffen, der im Winkel oben saß
und fleißig brach und aß,
ward mäuschenstill vor Wartung böser Dinge,
dass seine Näscherei ihm diesmal schlecht gelinge.
Doch bald vernahm er unten Dinge,
worüber er der Furcht vergaß
und immer sachter weiteraß.

Johann warf Hannen in das Gras.
"O pfui!“, rief Hanne, „welcher Spaß!
Nicht doch, Johann!“ – „Ei was?“
“O schäme dich!” – “Ein andermal” – “O lass -
O schäme dich! Hier ist es nass."
“Nass oder nicht; was schadet das?
Es ist ja reines Gras.“
 
Wie dies Gespräche weiterlief,
das weiß ich nicht. Wer braucht's zu wissen?
Sie stunden wieder auf, und Hanne seufzte tief:
"So, schöner Herr, heißt das bloß küssen?
Das Männerherz! Kein einzger hat Gewissen.
Sie könnten es uns so versüßen.
Wie grausam aber müssen
wir armen Mädchen öfters dafür büßen!

Wenn nun auch mir ein Unglück widerfährt! -
Ein Kind - ich zittre. - Wer ernährt
mir denn das Kind? Kannst Du es mir ernähren?"
“Ich?“, sprach Johann, die Zeit mag's lehren.
Doch wird's auch nicht von mir ernährt:
Der über uns wird schon ernähren;
dem über uns vertrau."

'Dem über uns.' Dies hörte Steffen.
'Was', dachte er, 'will das Pack mich äffen?
Der über Ihnen? Ei, wie schlau!'
"Nein“, schrie er, „lasst euch andere Hoffnung laben!
Der über euch ist nicht so toll.
Wenn ich ein Bankbein nähren soll,
so will ich es auch selbst gedrechselt haben."

Wer hier erschrak und aus dem Garten rann,
das waren Hanne und Johann.
Doch gaben bei dem Edelmann
sie auch den Apfeldieb wohl an?
Ich glaube nicht, dass sie's getan.

Die eheliche Liebe

Klorinde starb; sechs Wochen drauf
Gab auch ihr Mann das Leben auf,
Und seine Seele nahm aus diesem Weltgetümmel
Den pfeilgeraden Weg zum Himmel.
»Herr Petrus«, rief er, »aufgemacht!« -
»Wer da?« – »Ein wackrer Christ.« –
»Was für ein wack’rer Christ?« –
»Der manche Nacht,
Seitdem die Schwindsucht ihn aufs Krankenbette brachte,
In Furcht, Gebet und Zittern wachte.
Macht bald!« – – Das Tor wird aufgetan.
»Ha! ha! Klorindens Mann!
Mein Freund«, spricht Petrus, »nur herein;
Noch wird bei Eurer Frau ein Plätzchen ledig sein.«
»Was? meine Frau im Himmel? Wie?
Klorinden habt Ihr eingenommen?
Lebt wohl! Habt Dank für Eure Müh!
Ich will schon sonst wo unterkommen.«

Hänschen Schlau

„Es ist doch sonderbar bestellt“,
Sprach Hänschen Schlau zu Vetter Fritzen,
“Dass nur die Reichen in der Welt
Das meiste Geld besitzen."