Kerner, Justinus (1786-1862)

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Der Geiger zu Gmünd

Einst ein Kirchlein sondergleichen,  
Noch ein Stein von ihm steht da,  
Baute Gmünd der sangesreichen  
Heiligen Cäcilia.

Lilien von Silber glänzten  
Ob der Heil'gen mondenklar,  
Hell wie Morgenrot bekränzten  
Goldne Rosen den Altar.

Schuh', aus reinem Gold geschlagen,  
Und, von Silber hell, ein Kleid  
Hat die Heilige getragen:  
Denn da war's noch gute Zeit,

Zeit, wo überm fernen Meere,  
Nicht nur in der Heimat Land,  
Man der Gmündschen Künstler Ehre  
Hell in Gold und Silber fand.

Und der fremden Pilger wallten  
Zu Cäcilias Kirchlein viel;  
Ungesehn woher, erschallten  
Drin Gesang und Orgelspiel.

Einst ein Geiger kam gegangen,  
Ach, den drückte große Not,  
Matte Beine, bleiche Wangen,  
Und im Sack kein Geld, kein Brot.
 
Vor dem Bild hat er gesungen  
Und gespielet all sein Leid,  
Hat der Heil'gen Herz durchdrungen:  
Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

Lächelnd bückt das Bild sich nieder  
Aus der lebenlosen Ruh',  
Wirft dem armen Sohn der Lieder  
Hin den rechten goldnen Schuh.

Nach des nächsten Goldschmieds Hause  
Eilt er, ganz vom Glück berauscht,  
Singt und träumt vom besten Schmause,  
Wenn der Schuh um Geld vertauscht.

Aber kaum den Schuh ersehen,  
Führt der Goldschmied rauhen Ton,  
Und zum Richter wird mit Schmähen  
Wild geschleppt des Liedes Sohn.

Bald ist der Prozess geschlichtet,  
Allen ist es offenbar,  
Dass das Wunder nur erdichtet,  
Er der frechste Räuber war.

Weh! du armer Sohn der Lieder  
Sangest wohl den letzten Sang!  
An dem Galgen auf und nieder  
Sollst, ein Vogel, fliegen bang.

Hell ein Glöcklein hört man schallen,  
Und man sieht den schwarzen Zug  
Mit dir zu der Stätte wallen,  
Wo beginnen soll dein Flug.

Bußgesänge hört man singen  
Nonnen und der Mönche Chor,  
Aber hell auch hört man dringen  
Geigentöne draus hervor.

Seine Geige mitzuführen,  
War des Geigers letzte Bitt'.  
"Wo so viele musizieren,  
Musizier ich Geiger mit!"

An Cäcilias Kapelle  
Jetzt der Zug vorüberkam,  
Nach des offnen Kirchleins Schwelle  
Geigt er recht in tiefem Gram.
 
Und wer kurz ihn noch gehasset,  
Seufzt: "Das arme Geigerlein!"  
"Eins noch bitt ich", singt er, "lasset  
Mich zur Heil'gen noch hinein!"

Man gewährt ihm; vor dem Bilde  
Geigt er abermals sein Leid,  
Und er rührt die Himmlischmilde:  
Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!
 
Lächelnd bückt das Bild sich nieder  
Aus der lebenlosen Ruh',  
Wirft dem armen Sohn der Lieder  
Hin den zweiten goldnen Schuh.
 
Voll Erstaunen steht die Menge,  
Und es sieht nun jeder Christ,  
Wie der Mann der Volksgesänge  
Selbst der Heil’gen teuer ist.
 
Schön geschmückt mit Bändern, Kränzen,  
Wohl gestärkt mit Geld und Wein,  
Führen sie zu Sang und Tänzen  
In das Rathaus ihn hinein.
 
Alle Unbill wird vergessen,  
Schön zum Fest erhellt das Haus,  
Und der Geiger ist gesessen  
Obenan beim lust’gen Schmaus.
 
Aber als sie voll vom Weine,  
Nimmt er seine Schuh' zur Hand,  
Wandert so im Mondenscheine  
Lustig in ein andres Land.
 
Seitdem wird zu Gmünd empfangen  
Liebreich jedes Geigerlein,  
Kommt es noch so arm gegangen -  
Und es muss getanzet sein.

Drum auch hört man geigen, singen,  
Tanzen dort ohn' Unterlass,  
Und wenn alle Saiten springen,  
Klingt noch mit dem leeren Glas.
 
Und wenn bald ringsum verhallen  
Becherklingeln, Tanz und Sang,  
Wird zu Gmünd noch immer schallen  
Selbst aus Trümmern lust’ger Klang.

Der reichste Fürst

Preisend mit viel schönen Reden
Ihrer Länder Wert und Zahl,
Saßen viele deutsche Fürsten
Einst zu Worms im Kaisersaal.

„Herrlich“, sprach der Fürst von Sachsen,
„Ist mein Land und seine Macht;
Silber hegen seine Berge
Wohl in manchem tiefen Schacht.“

„Seht mein Land in üpp'ger Fülle,“
Sprach der Kurfürst von dem Rhein,
„Goldne Saaten in den Tälern,
Auf den Bergen edlen Wein!“

„Große Städte, reiche Klöster“,
Ludwig, Herr zu Bayern sprach,
„Schaffen, daß mein Land den euren
wohl nicht steht an Schätzen nach.“

Eberhard, der mit dem Barte,
Württembergs geliebter Herr,
Sprach: „Mein Land hat kleine Städte,
Trägt nicht Berge silberschwer;

Doch ein Kleinod hält's verborgen:
Daß in Wäldern, noch so groß,
Ich mein Haupt kann kühnlich legen
Jedem Untertan in Schoß.“

Und es rief der Herr von Sachsen,
Der von Bayern, der vom Rhein:
„Graf im Bart! Ihr seid der Reichste!
Euer Land trägt Edelstein!“