Heym, Georg (1887-1912)

Zurück

Bist du nun tot ...

Bist du nun tot? Da hebt die Brust sich noch,
Es war ein Schatten, der darüber fegt,
Der in der ungewissen Dämmrung kroch
Vom Vorhang, der im Nachtwind Falten schlägt. 

Wie ist dein Kehlkopf blau, draus ächzend fuhr
Dein leises Stöhnen von der Hände Druck.
Das ist der Würgemale tiefe Spur,
Du nimmst ins Grab sie nun als letzten Schmuck. 

Die weißen Brüste schimmern hoch empor,
Indes dein stummes Haupt nach hinten sank,
Das aus dem Haar den Silberkamm verlor.
Bist du das, die ich einst so heiß umschlang? 

Bin ich denn der, der einst bei dir geruht
Vor Liebe toll und bittrer Leidenschaft,
Der in dich sank wie in ein Meer von Glut
Und deine Brüste trank wie Traubensaft?

Bin ich denn der, der so voll Zorn gebrannt
Wie einer Höllenfackel Göttlichkeit,
Und deine Kehle wie im Rausch umspannt,
In Hasses ungeheurer Freudigkeit?

Ist das nicht alles nur ein wüster Traum?
Ich bin so ruhig und so fern der Gier.
Die fernen Glocken zittern in dem Raum,
Es ist so still wie in den Kirchen hier.

Columbus

Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,
drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.
Nicht mehr der großen Horizonte Leere,
draus langsam kroch des runden Mondes Ball.

Schon fliegen große Vögel auf den Wassern
mit wunderbarem Fittich blau beschwingt.
Und weiße Riesenschwäne mit dem blassem
Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.

Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,
die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.
Die müden Schiffer schlafen, die betören
die Winde, schwer von brennendem Jasmin.

Am Bugspriet vorne träumt der Genueser
in Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn
im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,
und tief im Grund die weißen Orchideen.

Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,
fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,
und wie ein Traum versunkner Abendröte
die goldnen Tempeldächer Mexikos.

Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne
zittert ein Licht im Wasser weiß empor.
Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.
Dort schlummert noch in Frieden Salvador.

Die Stadt

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein 
Zerreißet vor des Mondes Untergang. 
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang 
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein. 
Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt, 
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein. 
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein 
Eintönig kommt heraus in Stille matt. 
Gebären, Tod, gewirktes Einerlei, 
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei, 
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei. 
Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand, 
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand 
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

Im kurzen Abend

Im kurzen Abend. Voll Wind ist die Stunde,
Und die Röte so tief und so winterlich klein.
Unsere Hand, die sich zagend gefunden,
Bald wird sie frieren und einsam sein.

Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten
Wenige erst, auseinander gerückt.
Unsere Pfade sind dunkel, und Weiden breiten
Ihre Schatten darauf, in Trauer gebückt.

Schilf rauschet uns. Und die Irrwische scheinen,
Die wir ein dunkeles Schicksal erlost.
Behüte dein Herz, dann wird es nicht weinen
Unter dem fallenden Jahr ohne Trost.

Was dich schmerzet, ich sag es im Bösen.
Und uns quälet ein fremdes Wort.
Unsere Hände werden im Dunkel sich lösen,
Und mein Herz wird sein wie ein kahler Ort.

Ophelia

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.