Herder, Johann Gottfried (1744 - 1803)

Zurück

Der Herzenswechsel

Du gibst mir also nicht dein Herz,
so gib das meine mir.
Denn, Liebste, hab ich deines nicht,
was soll das meine dir?

Gib es mir wieder, doch lass sein. B
ekäm’ ich’s auch zurück.
Du stiehlst es mir doch tausendmal
mit jedem neuen Blick.

Behalt es, wahr in deiner Brust
fortan der Herzen zwei.
Wohl schauet eins das andre an
in zarter Lieb und Treu.

Oh, weg ihr Zweifel, weg du Schmerz,
ihr findet keine Statt.
Ich glaub es fest, ich hab ihr Herz
weil sie das meine hat.

Der Mond

Und grämt dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort,
Und lässt die Hunde bellen
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.

Ein Traum, ein Traum

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
und schwinden wir,
und messen unsre trägen Tritte
nach Raum und Zeit;
und sind (und wissen's nicht) in Mitte
der Ewigkeit.


Lied des Lebens

Flüchtiger als Wind und Welle 
Flieht die Zeit; was hält sie auf? 
Sie genießen auf der Stelle, 
Sie ergreifen schnell im Lauf; 
Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben, 
Hält die Flucht der Tage ein. 
Schneller Gang ist unser Leben, 
Laßt uns Rosen auf ihn streun. 


Rosen; denn die Tage sinken 
In des Winters Nebelmeer. 
Rosen; denn sie blühn und blinken 
Links und rechts noch um uns her. 
Rosen stehn auf jedem Zweige 
Jeder schönen Jugendtat. 
Wohl ihm, der bis auf die Neige 
Rein gelebt sein Leben hat. 


Tage, werdet uns zum Kranze 
Der des Greises Schläf' umzieht 
Und um sie in frischem Glanze 
Wie ein Traum der Jugend blüht. 
Auch die dunkeln Blumen kühlen 
Uns mit Ruhe, doppelt-süß; 
Und die lauen Lüfte spielen 
Freundlich uns ins Paradies.