Hensel, Luise (1798-1876)

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Die Krippe

Was ist das doch ein holdes Kind,
Das man hier in der Krippe find’t?
Ach, solch ein süßes Kindelein,
Das muss gewiss vom Himmel sein.

Die Frau, die bei der Krippe kniet
Und selig auf das Kindlein sieht,
Das ist Maria, fromm und rein,
Ihr mag recht froh im Herze sein.

Der Mann, der zu der Seite steht
Und still hinauf zum Himmel fleht,
Das muss der fromme Joseph sein,
Der tut sich auch des Kindleins freu’n.

Und was dort in der Ecke liegt
Und nach dem Kindlein schaut vergnügt,
Ein Öchslein und ein Eselein,
Das mögen gute Tierlein sein!

Und dort kommen, fromm und gut,
Mit langem Stab und rundem Hut,
Das ist der Hirten fromme Schar,
Die bringen ihre Gaben dar.

Und was den Stall so helle macht,
Und was so lieblich singt und lacht,
Das sind die lieben Engelein,
Die schau’n zu Tür und Fenster ein.

Und die dort kommen ganz von fern
Und gläubig schauen nach dem Stern,
Das sind der Weisen Kön’ge drei
Mit Weihrauch, Gold und Spezerei.

Und ob dem Hüttlein flammt der Stern,
Der leuchtet nah und leuchtet fern;
Er leuchtet auch durch unsre Zeit
Und leuchtet bis in Ewigkeit.

Sei hochgelobt, du dunkle Zell’!
Durch die die ganze Welt wird hell.
Klein Kindlein in Mariens Schoß,
Wie bist du so unendlich groß!

Die Wahl des Liebsten

Es warten dein zwei Freier;
Schau her und wähle, Kind!
Nimm, den dein Herz getreuer
Und schöner, reicher find’t.

Der erste ist ein König,
Ein Fürst von dieser Welt.
„Er bietet mir zu wenig,
Nur eitel Pracht und Geld.“

Der andre hat dort drüben
Sein ewig Königreich.
„Ja, diesen will ich lieben
Und mit ihm ziehen gleich.“

Der erste will dir schenken
Viel Ehre, Schmuck und Reiz;
Noch kannst du dich bedenken;
Der andre trägt ein Kreuz.

„Den ersten lass’ ich stehen,
Er sucht und liebt nur sich;
Ich will zum andern gehen,
Er trägt das Kreuz um mich.“

Halt! sieh erst noch die Krone,
Die dir der erste reicht;
Dann sieh, was dir zum Lohne
Der andre gibt vielleicht.

„Die Krone seh’ich prangen,
Doch ist es Feuerglanz.“
Der andre kommt gegangen
Mit einem Dornenkranz.

„Zum Kranz die Hand ich neige,
Er soll mein Haupt umziehn:
Ich seh’ aus jedem Zweige
Die schönste Ros’ erblühn.“

Noch sieh, was in den Kelchen,
Die lockend vor dir stehn,
Und sage mir dann, welchen
Du dir hast ausersehn.

„Hier funkeln bunte Lügen,
Trüb schäumt der Lüste Flut!
Im andern ruht verschwiegen
Das allerhöchste Gut.

Der erste mag wohl blinken,
Mir ist er nicht gesund;
Den andern will ich trinken
Bis auf den tiefsten Grund.“

Zuvor schau auf die Wege,
Noch winket dir das Glück;
Bedenke, überlege:
Du kannst nicht mehr zurück.

Der erste breit und linde,
Der andre rauh und steil.
„Ade denn, Welt, geschwinde!
Nun hab’ ich freilich Eil’.

Ich seh’am Kreuz Ihn hangen,
Er streckt die Arme sein;
Ich eil’, ihn zu umfangen,
Mit Schmerzen harrt Er mein.

Willkomm, mühselig Ringen!
Du Pfad, so steil und schmal,
Willst du zu Ihm mich bringen,
Dann Amen! tausendmal!“