Henckell, Karl (1864-1929)

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Ein weißes Blatt

Ein weißes Blatt – mit Versen noch zu füllen!
Ein weißes Blatt, dem wilden Fluch bereit.
Die Qual rückt an, mich finster zu verhüllen
Und Blut zu sprühn aufs schwarze Blatt der Zeit.

 

Doch du reichst, ernste Freude, mir die Feder,
Mir auf die Schulter senkst du mild die Hand:
Dem Feinde fluchen, mein Poet, kann jeder,
Ihn zu besiegen, Freund, bist du gesandt.

 

Sieg dir, Sieg dir, wenn du den Zorn bezwungen,
Der keuchend dir den freien Atem schnürt!
Sieg dir, Sieg dir, wenn deines Liedes Lungen
Der freie Flügelschlag der Freude rührt!

 

Durch Qual zur Kunst! Allfrei vom Haß der Masse
Ruf deine Rhythmen, ruf zum kühnen Chor!
Die Kunst ist frei. Der Freiheit eine Gasse!
Mit hellem Spiel durchs dunkle Zukunftstor!

Mein Neujahrswunsch

Was ich erwarte vom neuen Jahre? 
Daß ich die Wurzel der Kraft mir wahre, 
Festzustehen im Grund der Erden, 
Nicht zu lockern und morsch zu werden, 
Mit den frisch ergrünenden Blättern 
Wieder zu trotzen Wind und Wettern, 
Mag es ächzen und mag es krachen, 
Dunkel zu rauschen, hell zu lachen 
Und im flutenden Sonnenschein 
Freunden ein Baum des Lebens zu sein.