Hacks, Peter (1928-2003)

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Der Herbst steht auf der Leiter

Der Herbst steht auf der Leiter
und malt die Blätter an,
ein lustiger Waldarbeiter,
ein froher Malersmann.

Er kleckst und pinselt fleißig
auf jedes Blattgewächs,
und kommt ein frecher Zeisig,
schwupp, kriegt der auch ¹nen Klecks.

Die Tanne spricht zum Herbste:
Das ist ja fürchterlich,
die andern Bäume färbste,
was färbste nicht mal mich?

Die Blätter flattern munter
und finden sich so schön.
Sie werden immer bunter.
Am Ende falln sie runter.

mit freundlicher Genehmigung aus:Peter Hacks "Der Flohmarkt"
Nachdruck/Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers. © Eulenspiegel Verlag Berlin

Die Blätter an meinem Kalender

Die Blätter an meinem Kalender,
die sind im Frühling klein
und kriegen goldne Ränder
vom Märzensonnenschein.

Im Sommer sind sie grüner,
im Sommer sind sie fest,
die braunen Haselhühner
erbaun sich drin ihr Nest.

Im Herbst ist Wolkenwetter,
und Sonnenschein wird knapp,
da falln die Kalenderblätter,
bums, ab.

Im Winter, wenn die Zeiten hart,
hat es sich auskalendert.
Ich sitze vor der Wand und wart,
dass sich das Wetter ändert.

mit freundlicher Genehmigung aus:Peter Hacks "Der Flohmarkt"
Nachdruck/Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers. © Eulenspiegel Verlag Berlin

Es war ein kleiner Junge

Es war ein kleiner Junge,
der war ein nettes Kind,
der war mal brav, mal böse,
so wie halt Jungen sind.

Der hatte blonde Haare,
die waren nie gekämmt,
und eine rote Hose
und ein gestreiftes Hemd.

Und eine kleine Nase
und einen großen Mund,
und manchmal fuhr er Roller
und hatte einen Hund.

Er war mal brav, mal böse,
so wie halt Jungen sind.
Und seine Mama sagte,
auch wenn sie niemand fragte:
Er ist ein nettes Kind.

mit freundlicher Genehmigung aus:Peter Hacks "Der Flohmarkt"
Nachdruck/Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers. © Eulenspiegel Verlag Berlin

Ladislaus und Komkarlinchen

Es war einmal ein Landsknecht,
Der hatte eine Maus,
Die Maus hieß Komkarlinchen,
Der Landsknecht Ladislaus.

Der Landsknecht liebt das Kämpfen,
Die Beute und die Ehr,
Aber sein Komkarlinchen,
Das liebt er noch viel mehr.

Sie aß von seinem Brote,
Sie schlief in seinem Bart,
Sie wohnt in seiner Tasche
Auf weiter Kriegesfahrt.

Nur wenn in eine Schlacht ging
Der Landsknecht mit der Maus,
Sprang sie ihm auf den Rock und
Nahm wie der Wind Reißaus.

Da wurd er sehr bekümmert
Und lief ihr hinterher
Die Kreuz und auch die Quere
Durchs ganze römische Heer.

Und weil sie lief nach hinten
Und niemals lief nach vorn,
Ging ohne ihn die Schlacht halt
Gewonnen und verlorn.

Der Krieg wurd immer älter,
Der Krieg wurd dreißig jahr,
Älter als mancher Landsknecht
Alt geworden war.

Und die das Kämpfen liebten,
Die Beute und die Ehr,
Die lagen schon begraben
In Sachsen und am Meer.

Jedoch aus allen Wettern
Kam heilen Leibs heraus
Dank seinem Komkarlinchen
Der Landsknecht Ladislaus.

mit freundlicher Genehmigung aus:Peter Hacks "Der Flohmarkt"
Nachdruck/Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers. © Eulenspiegel Verlag Berlin

Vom Leben der Spazoren

Bei Asien gleich querfeldein,
da leben die Spazoren.
Die haben Rüssel wie ein Schwein
und tellergroße Ohren.

Von Tokio bis nach Athen
gibts keine mehr wie diese.
Man sieht sie bloß spazierengehn
auf einer gelben Wiese.

Sie haben Rosen angebaut
wohl auf dem gelben Rasen.
Sie schnobern am Lavendelkraut
und pflückens mit den Nasen.

Nie gibt es eine Hungersnot,
und kein Spazor kann kochen:
sie brauchen gar kein Abendbrot,
wenn sie sich satt gerochen.

Kommt dort einmal ein Regen vor,
vielleicht auf einer Kirmes,
dann heben sie das linke Ohr
statt eines Regenschirmes.

Und kommt ein harter Winter mal,
und friert das Eis und prickelt,
dann gehn sie , statt in einen Schal,
ins rechte Ohr gewickelt.

So brauchen sie zu darben nicht
und brauchen nicht zu frieren
und gehen ledig jeder Pflicht
spazoren, nein: spazieren.

Einst kam ein Doktor hochgelahrt
zum Lande der Spazoren.
Sie wünschten ihm vergnügte Fahrt
und winkten mit den Ohren.

mit freundlicher Genehmigung aus:Peter Hacks "Der Flohmarkt"
Nachdruck/Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers. © Eulenspiegel Verlag Berlin