Hölty, Ludwig (1748-1776)

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Die Mainacht

Wenn der silberne Mond durch die Gesträuche blickt,  
Und sein schlummerndes Licht über den Rasen streut,  
Und die Nachtigall flötet,  
Wandl' ich traurig von Busch zu Busch.  

Selig preis' ich dich dann, flötende Nachtigall,  
Weil dein Weibchen mit dir wohnet in einem Nest,  
Ihrem singenden Gatten  
Tausend trauliche Küsse gibt.  

Überschattet von Laub, girret ein Taubenpaar  
Sein Entzücken mir vor; aber ich wende mich,  
Suche dunkle Gesträuche,  
Und die einsame Träne rinnt.  

Wann, o lächelndes Bild, welches wie Morgenrot
Durch die Seele mir strahlt, find' ich auf Erden dich?  
Und die einsame Träne  
Bebt mir heißer die Wang herab.

Frühlingslied

Die Luft ist blau, das Tal ist grün,
Die kleinen Maienglocken blühn,
Und Schlüsselblumen drunter;
Der Wiesengrund
Ist schon so bunt,
Und malt sich täglich bunter.

Drum komme, wem der Mai gefällt,
Und schaue froh die schöne Welt
Und Gottes Vatergüte,
Die solche Pracht
Hervorgebracht,
Den Baum und seine Blüte!

Mailied

Willkommen liebe Sommerzeit,
Willkommen schöner Mai,
Der Blumen auf den Anger streut,
Und alles machet neu.
 
Die Vögel höhen ihren Sang,
Der ganze Buchenhain
Wird süßer, süßer Silberklang,
Und Bäche murmeln drein.
 
Roth stehn die Blumen, weiß und blau,
Und Mädchen pflücken sie,
Bald auf der Flur, bald auf der Au,
Ahi, Herr Mai, Ahi!
 
Ihr Busen ist von Blümchen bunt,
Ich sah ihn schöner nie,
Es lacht ihr rosenroter Mund,
Ahi, Herr Mai, Ahi!