Gryphius, Andreas (1616-1664)

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Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht,
Die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht,
Die etwa möchten kommen;

Der Augenblick ist mein,
Und nehm ich den in acht
So ist der mein,
Der Jahr und Ewigkeit gemacht

Des Herren Geburt

Der Mensch war Gottes Bild.
Weil dieses Bild verloren,
wird Gott, ein Menschenbild,
in dieser Nacht geboren.

Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden,
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zutreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfindt!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.

Morgen Sonet

Die ewig helle Schar will nun ihr Licht verschlissen
Diane steht erblasst; die Morgenröte lacht
Den grauen Himmel an, der sanfte Wind erwacht
Und reizt das Federvolk den neuen Tag zu grüßen.

Das Leben dieser Welt eilt schon die Welt zu küssen
Und steckt sein Haupt empor man sieht der Strahlen Pracht
Nun blinkern auf der See: O dreimal höchste Macht
Erleuchte den der sich itzt beugt vor deinen Füßen.

Vertreib die dicke Nacht die meine Seel umgibt
Die Schmerzen Finsternis die Herz und Geist betrübt
Erquicke mein Gemüt und stärke mein Vertrauen.

Gib dass ich diesen Tag in Deinem Dienst allein
Zubring; und wenn mein End´ und jener Tag bricht ein
Dass ich dich meine Sonn mein Licht mög ewig schauen.

Tränen in schwerer Krankheit

Anno 1640

Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.
Ich weine Tag und Nacht; ich sitz’ in tausend Schmerzen;
Und tausend fürcht’ ich noch; die Kraft in meinem Herzen
Verschwindt, der Geist verschmacht’, die Hände sinken mir.

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier
Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.
Die Seele wird bestürmt gleich wie die See im Märzen.
Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

Was bilden wir uns ein, was wünschen wir zu haben?
Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben;
Itzt Blumen, morgen Kot. Wir sind ein Wind, ein Schaum,

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;
Itzt was und morgen nichts. Und was sind unsre Taten
Als ein mit herber Angst durchaus vermischter Traum.