Gotter, Friedrich Wilhelm (1746-1797)

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Schlafe, mein Prinzchen

Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein,
es ruh'n Schäfchen und Vögelein.
Garten und Wiese verstummt,
auch nicht ein Bienchen mehr summt.
Luna mit silbernem Schein
gucket zum Fenster hinein.
Schlafe beim silbernen Schein.
Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein.

Auch in dem Schlosse schon liegt
alles in Schlummer gewiegt,
reget kein Mäuschen sich mehr,
Keller und Küche sind leer.
Nur in der Zofe Gemach
tönet ein schmelzendes »Ach«.
Was für ein »Ach« mag dies sein?
Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein.

Wer ist beglückter als du? 
Nichts als Vergnügen und Ruh!
Spielwerk und Zucker vollauf
und auch Karossen im Lauf.
Alles besorgt und bereit,
dass nur mein Prinzchen nicht schreit.
Was wird das künftig erst sein?
Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein!


Selbst die glücklichste der Ehen

Selbst die glücklichste der Ehen, 
Tochter, hat ihr Ungemach; 
selbst die besten Männer geben 
öfters ihren Launen nach. 
Wer sich von dem goldnen Ringe 
goldne Tage nur verspricht, 
o, der kennt den Lauf der Dinge 
und das Herz des Menschen nicht. 

Manche wirft sich ohne Sorgen 
in des Gatten Arm wie du 
und beweint am nächsten Morgen 
ihre Freiheit, ihre Ruh. 
Aus dem Sklaven ihrer Blicke 
wird ein mürrischer Tyrann; 
banger Kummer folgt dem Glücke, 
das mit ihrem Traum zerrann. 

Doch dein Glück dir selbst zu schaffen, 
Tochter steht in deiner Hand: 
die Natur gab dir die Waffen, 
gab dir Sanftmut und Verstand. 
Lerne deines Gatten Herzen 
liebevoll entgegengehen, 
leichte Kränkungen verschmerzen, 
kleine Fehler übersehn.


Unbefangen

Ich bin ein Mädchen, fein und jung,
Und bin gottlob noch frei;
Ich weiß nichts von Romanenschwung
Und hass’ Empfindelei.

Leicht fließt mein Blut. Ich liebe Scherz,
Ich liebe Sang und Tanz.
Mein Reichtum ist ein frohes Herz,
Mein Schmuck ein Blumenkranz.

Ich schlage nicht aus Evens Art,
Leichtgläubig, eitel, schwach;
Und Neugier, liehe Neugier, ward
Mein Erbteil siebenfach.

Auch flieh' ich nicht der Männer Spur;
Mir sagte die Mama:
Wir armen Mädchen wären nur
Um ihretwillen da.

Drum schleicht in meinen schlichten Sinn
Kein blöder Stolz sich ein.
Wohl mir, dass ich ein Mädchen bin!
Lasst andre: Engel sein!