Gerok, Karl (1815 -1890)

Zurück

Das Kind des Steuermannes

"Die Segel eingezogen,
und alle Mann aufs Deck!"
Der Sturm kommt angeflogen
aus finsterem Versteck;
die Wogen wälzen rollend
sich schon heran mit Macht;
der Donner regt sich grollend,
und Mittag wird zur Nacht.
Doch hinten steht im Schiffe
der Steuermann am Rad
und lenkt mit Blick und Griffe
des schwanken Kieles Pfad,
weiß klug vorbeizuhalten
am mörderischen Riff,
die Wellen kühn zu spalten;
denn ihm gehorcht sein Schiff.

O braver Seemann, zwinge
des Elementes Wut,
o wackres Schifflein, dringe
voran durch Sturm und Flut;
viel bange Herzen zagen,
und mit des Sturms Geräusch
mischt sich der Kinder Klagen,
der Frauen Angstgekreisch.

Doch still und unerschrocken
sitzt dort abseits ein Kind,
lässt ruhig sich die Locken
zerwühlen von dem Wind,
blickt stolz ins Meer vom Decke
als wie von einem Thron,
weiß nichts von Angst und Schrecke:
des Steuermannes Sohn.

Ihn fragt der Männer einer:
"Dir macht der Sturm nicht angst?
Sag an, wie kommt es, Kleiner,
dass du allein nicht bangst?"
Da wird von stolzem Feuer
des Knaben Wange rot:
"Mein Vater sitzt am Steuer,
drum hat es keine Not."

O starker Kinderglaube! —
Verstehst du's, Gotteskind?
Ob um dein Schifflein schnaube
der ungestüme Wind,
der Himmel steht im Feuer,
die finstre Tiefe droht:
Dein Vater sitzt am Steuer,
drum hat es keine Not!

Erwartung

Die Kindlein sitzen im Zimmer
- Weihnachten ist nicht mehr weit -
bei traulichem Lampenschimmer
und jubeln: "Es schneit, es schneit!"

Das leichte Flockengewimmel,
es schwebt durch die dämmernde Nacht
herunter vom hohen Himmel
vorüber am Fenster so sacht.

Und wo ein Flöckchen im Tanze
den Scheiben vorüberschweift,
da flimmert's in silbernem Glanze,
vom Lichte der Lampe bestreift.

Die Kindlein sehn's mit Frohlocken,
sie drängen ans Fenster sich dicht,
sie verfolgen die silbernen Flocken,
die Mutter lächelt und spricht:

"Wisst, Kinder, die Engelein schneidern
im Himmel jetzt früh und spät;
an Puppenbettchen und Kleidern
wird auf Weihnachten genäht.

Da fällt von Säckchen und Röckchen
manch silberner Flitter beiseit,
von Bettchen manch Federflöckchen;
auf Erden sagt man: es schneit.

Und seid ihr lieb und vernünftig,
ist manches für euch auch bestellt;
wer weiß, was Schönes euch künftig
vom Tische der Engelein fällt!"

Die Mutter spricht's; - vor Entzücken
den Kleinen das Herz da lacht;
sie träumen mit seligen Blicken
hinaus in die zaubrische Nacht.

Herbstgefühl

Müder Glanz der Sonne!
Blasses Himmelblau!
Von verklungner Wonne
Träumet still die Au.
An der letzten Rose
Löset lebenssatt
Sich der letzte lose,
Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben
Schleicht sich durch den Hain!
Auch Vergehn'n und Sterben
Deucht mir süß zu sein.

Junisonne

Junisonne,
Sommersonne
Stehn auf ihrer Höhe schon;
Deiner Fahnen
Leises Mahnen
Wohl vernehm ich’s, bunter Mohn.

Sinnend steh’ ich,
Träumend seh’ ich
Weit ins Land vom Wiesensaum;
Winde weben,
Blüten beben –
Und das Leben ist ein Traum.

Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt

Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren,
da prüft er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren,
ihr Vaterunser, Einmaleins und was man lernte mehr;
zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her.
Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen;
zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißgen und die Braven.
Da stand im groben Linnenkeid manch schlichtes Bürgerkind,
manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind.
Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke,
und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke.
Da stand in pelzverbrämtem Rock manch feiner Herrensohn,
manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron.
Da sprach nach rechts der Kaiser mild: »Habt Dank, ihr frommen
Knaben!
Ihr sollt an mir den gnädgen Herrn, den gütgen Vater haben;
und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid -
in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.«
Dann blitzt sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel:
»Ihr Taugenichtse, bessert euch! Ihr schändet euern Adel.
Ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht!
Ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht.«
Da sah man manches Kinderaug ihn frohem Glanze leuchten
und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten.
Und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt,
wenn heute Karl Kaiser Karl gelobet und wen er ausgeschmält.
Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten,
im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten:
den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, dem Stand nach dem Verstand!
So steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.