Freiligrath, Ferdinand (1810-1876)

Zurück

Aus dem schlesischen Gebirge

Nun werden grün die Brombeerhecken;
Hier schon ein Veilchen - welch ein Fest!
Die Amsel sucht sich dürre Stecken,
Und auch der Buchfink baut sein Nest.
Der Schnee ist überall gewichen,
Die Koppe nur sieht weiß ins Tal;
Ich habe mich von Haus geschlichen,
Hier ist der Ort - ich wag’s einmal:
Rübezahl!

Hört er’s? Ich seh ihm dreist entgegen!
Er ist nicht bös! Auf diesen Block
Will ich mein Leinwandpäckchen legen -
Es ist ein richt’ges volles Schock!
Und fein! Ja, dafür kann ich stehen!
Kein bessres wird gewebt im Tal -
Er lässt sich immer noch nicht sehen!
Drum frischen Mutes noch einmal:
Rübezahl!

Kein Laut! - Ich bin ins Holz gegangen,
Dass er uns hilft in unsrer Not!
Oh, meiner Mutter blasse Wangen -
Im ganzen Haus kein Stückchen Brot!
Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen
Fänd er auch Käufer nur einmal!
Ich will’s mit Rübezahl versuchen -
Wo bleibt er nur? Zum drittenmal:
Rübezahl!

Er half so vielen schon vor Zeiten
Großmutter hat mir’s oft erzählt!
Ja, er ist gut den armen Leuten,
Die unverschuldet Elend quält!
So bin ich froh denn hergelaufen
Mit meiner richt’gen Ellenzahl!
Ich will nicht betteln, will verkaufen
Oh, dass er käme! Rübezahl!
Rübezahl!

Wenn dieses Päckchen ihm gefiele,
Vielleicht gar bät er mehr sich aus!
Das wär mir recht! Ach, gar zu viel
Gleich schöne liegen noch zu Haus!
Die nähm er alle bis zum letzten!
Ach, fiel auf dies doch seine Wahl!
Da löst ich ein selbst die versetzten
Das wär ein Jubel! Rübezahl!
Rübezahl!

Dann trät ich froh ins kleine Zimmer,
Und riefe: Vater, Geld genug!
Dann flucht’ er nicht, dann sagt’ er nimmer:
Ich web euch nur ein Hungertuch!
Dann lächelte die Mutter wieder,
Und tischt’ uns auf ein reichlich Mahl;
Dann jauchzten meine kleinen Brüder -
O käm, o käm er! Rübezahl!
Rübezahl!

So rief der dreizehnjähr’ge Knabe;
So stand und rief er, matt und bleich.
Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe
Flog durch des Gnomen altes Reich.
So stand und passt’ er Stund auf Stunde,
Bis dass es dunkel ward im Tal,
Und er halblaut mit zuckendem Munde
Ausrief durch Tränen noch einmal
Rübezahl!

Dann ließ er still das buschige Fleckchen,
und zitterte, und sagte: "Hu"
Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen
Dem Jammer seiner Heimat zu.
Oft ruht’ er aus auf moos’gen Steinen,
Matt von der Bürde, die er trug.
Ich glaub, sein Vater webt dem Kleinen
Zum Hunger- bald das Leichentuch!
- Rübezahl?!

Der Blumen Rache

Auf des Lagers weichem Kissen
Ruht die Jungfrau, schlafbefangen,
Tiefgesenkt die braune Wimper,
Purpur auf den heißen Wangen,

Schimmernd auf dem Binsenstuhle
Steht der Kelch, der reichgeschmückte,
Und im Kelche prangen Blumen,
Duft'ge, bunte, frischgepflückte.

Brütend hat sich dumpfe Schwüle
Durch das Kämmerlein ergossen,
Denn der Sommer scheucht die Kühle,
Und die Fenster sind verschlossen.

Stille rings und tiefes Schweigen!
Plötzlich, horch! ein leises Flüstern!
In den Blumen, in den Zweigen
Lispelt es und rauscht es lüstern.

Aus den Blüthenkelchen schweben
Geistergleiche Duftgebilde;
Ihre Kleider zarte Nebel,
Kronen tragen sie und Schilde.

Aus dem Purpurschoß der Rose
Hebt sich eine schlanke Frau;
Ihre Locken flattern lose,
Perlen blitzen drin, wie Tau.

Aus dem Helm des Eisenhutes
Mit dem dunkelgrünen Laube
Tritt ein Ritter kecken Mutes;
Schwert erglänzt und Pickelhaube.

Auf der Haube nickt die Feder
Von dem silbergrauen Reiher.
Aus der Lilie schwankt ein Mädchen;
Dünn, wie Spinnweb, ist ihr Schleier.

Aus dem Kelch des Türkenbundes
Kommt ein Neger stolz gezogen;
Licht auf seinem grünen Turban
Glüht des Halbmonds goldner Bogen.

Prangend aus der Kaiserkrone
Schreitet kühn ein Scepterträger;
Aus der blauen Iris folgen
Schwerbewaffnet seine Jäger.

Aus den Blättern der Narcisse
Schwebt ein Knab' mit düstern Blicken,
Tritt ans Bett, um heiße Küsse
Auf des Mädchens Mund zu drücken.

Doch ums Lager drehn und schwingen
Sich die andern wild im Kreise;
Drehn und schwingen sich, und singen
Der Entschlafnen diese Weise:

"Mädchen, Mädchen! von der Erde
Hast du grausam uns gerissen,
Daß wir in der bunten Scherbe
Schmachten, welken, sterben müssen!

O, wie ruhten wir so selig
An der Erde Mutterbrüsten,
Wo, durch grüne Wipfel brechend,
Sonnenstrahlen heiß uns küßten;

Wo uns Lenzeslüfte kühlten,
Unsre schwanken Stengel beugend;
Wo wir Nachts als Elfen spielten,
Unserm Blätterhaus entsteigend.

Hell umfloß uns Tau und Regen;
Jetzt umfließt uns trübe Lache;
Wir verblühn, doch eh' wir sterben,
Mädchen! trifft dich unsre Rache!"

Der Gesang verstummt; sie neigen
Sich zu der Entschlafnen nieder.
Mit dem alten dumpfen Schweigen
Kehrt das leise Flüstern wieder.

Welch ein Rauschen, welch ein Raunen!
Wie des Mädchens Wangen glühen!
Wie die Geister es anhauchen!
Wie die Düfte wallend ziehen!

Da begrüßt der Sonne Funkeln
Das Gemach; die Schemen weichen.
Auf des Lagers Kissen schlummert
Kalt die Lieblichste der Leichen.

Eine welke Blume selber,
Noch die Wange sanft geröthet,
Ruht sie bei den welken Schwestern, -
Blumenduft hat sie getötet!

Der Liebe Dauer

O lieb, so lang du lieben kannst!
O lieb, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, dass dein Herze glüht
Und Liebe hegt und Liebe trägt,
So lang ihm noch ein ander Herz
In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt,
O tu ihm, was du kannst, zulieb!
Und mach ihm jede Stunde froh,
Und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint -
Der Andre aber geht und klagt.

O lieb, so lang du lieben kannst!
O lieb, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Dann kniest du nieder an der Gruft,
Und birgst die Augen, trüb und nass
- sie sehn den Andern nimmermehr -
Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.

Und sprichst: O schau auf mich herab
Der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, dass ich gekränkt dich hab!
O Gott, es war nicht bös gemeint!

Er aber sieht und hört dich nicht,
Kommt nicht, dass du ihn froh umfängst;
Der Mund, der oft dich küsste, spricht
Nie wieder: ich vergab dir längst!

Er tat’s, vergab dir lange schon,
Doch manche heiße Träne fiel
Um dich und um dein herbes Wort -
Doch still - er ruht, er ist am Ziel!

O lieb, so lang du lieben kannst!
O lieb, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst!

Die Auswanderer

Ich kann den Blick nicht von euch wenden;
Ich muss euch anschaun immerdar:
Wie reicht ihr mit geschäft'gen Händen
Dem Schiffer eure Habe dar!

Ihr Männer, die ihr von dem Nacken
Die Körbe langt, mit Brot beschwert,
Das ihr aus deutschem Korn gebacken,
Geröstet habt auf deutschem Herd;

Und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe,
Ihr Schwarzwaldmädchen, braun und schlank,
Wie sorgsam stellt ihr Krüg' und Töpfe
Auf der Schaluppe grüne Bank!

Das sind dieselben Töpf' und Krüge,
Oft an der Heimat Born gefüllt!
Wenn am Missouri alles schwiege,
Sie malten euch der Heimat Bild:

Des Dorfes steingefasste Quelle,
Zu der ihr schöpfend euch gebückt,
Des Herdes traute Feuerstelle,
Das Wandgesims, das sie geschmückt

Bald zieren sie im fernen Westen
Des leichten Bretterhauses Wand;
Bald reicht sie müden braunen Gästen,
Voll frischen Trunkes, eure Hand.

Es trinkt daraus der Tscherokese,
Ermattet, von der Jagd bestaubt;
Nicht mehr von deutscher Rebenlese
Tragt ihr sie heim, mit Grün belaubt.

O sprecht! warum zogt ihr von dannen?
Das Neckartal hat Wein und Korn;
Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen,
Im Spessart klingt des Älplers Horn.

Wie wird es in den fremden Wäldern
Euch nach der Heimatberge Grün,
Nach Deutschlands gelben Weizenfeldern,
Nach seinen Rebenhügeln ziehn!

Wie wird das Bild der alten Tage
Durch eure Träume glänzend wehn!
Gleich einer stillen, frommen Sage
Wird es euch vor der Seele stehn.

Der Bootsmann winkt! - Zieht hin in Frieden:
Gott schütz' euch, Mann und Weib und Greis!
Sei Freude eurer Brust beschieden,
Und euren Feldern Reis und Mais!

Weihnachtslied

Wenn traulich mit schimmernden Flocken
Der Winter die Erde bestreut,
Und rings die metallenen Glocken
Sich regen zum Weihnachtsgeläut'

Dann senkt sich auf goldigem Wagen
Das Christkind zur Erde herab.
Von rosigen Wolken getragen.
Im Händchen den silbernen Stab.

Von purpurnem Samt ist sein Röckchen,
Das Krönlein von edlem Gestein,
Und über den wallenden Löckchen
Glänzt blendend ein Heiligenschein.

Und Engel mit farbigen Schwingen
Umringen das liebliche Kind,
Und zitternde Glöckchen erklingen,
Und huldigend flüstert der Wind.

So naht es der Erde Revieren
Mit strahlendem, bunten Gespann
Es öffnen von selbst sich die Türen,
Pocht leise sein Fingerchen an.

Und springen die Pforten, die Riegel,
Bewältigt vom himmlischen Schein,
Dann schwebt es mit leuchtendem Flügel
In Häuser und Hütten hinein.

Es sieht nach den schlafenden Kindern,
Und küßt sie voll Inbrunst und spricht
Schlaft ruhig, ihr möchtet mich hindern.
Schlaft ruhig und störet mich nicht.

Drauf trägt es in jegliches Zimmer
Den prangenden, duftenden Baum.
Wie schmücken mit leuchtendem Schimmer
Die Kerzen der Zweigelein Saum.

Wie funkeln die herrlichen Gaben.
Wer hat sich wohl Schön'res gedacht.
Es weiß, was die Kinder gern haben,
Das hat es denn alles gebracht.

O freut euch. Zu uns auch die Räder
Des Wägeleins hat es gelenkt.
O juble und freue sich jeder.
Wie reich find auch wir heut' beschenkt.

Ertöne melodisch, in leisen
Akkorden, o Weihnachtsgesang.
Christkindchen, empfange der Waisen,
Der Glücklichen, innigen Dank.