Christen, Ada (1839-1901)

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Abendbild

Grau der Himmel, grau die Erde,
Grau das weite dürre Land,
Sonn'verbrannte nied're Sträucher,
Schwarzer Sumpf und heißer Sand;

Doch schon weben in der Ferne
Abendnebel, dünn' und leicht,
Ihre grauen feuchten Schleier
Und die träge Stille weicht.

Denn ein mildes kühles Lüftchen,
Wie der reine Athemzug
Eines schlafumfang'nen Kindes,
Hemmt der Vögel matten Flug.

Aus den Büschen, still sich regend,
Ein geheimes Flüstern bricht,
Leise klagt's im Sumpf und silbern
Spiegelt sich das Mondenlicht. -

Am Teich

Ich kenne dich, du schwarzer Teich,
Genau weiß ich den Tag,
Als eine Tote still und bleich
An deinem Rande lag;
Und als der Pöbel scheu und stumm
Sich langsam nahte dir
Und abergläubig, feig und dumm
Bekreuzte sich vor ihr;
Als eine Hand den schönen Leib
Mit Haken an sich riss -
Der rohe Hauf' das tote Weib
Ein gottverdammtes hieß. -
Das starre Antlitz hold und bleich,
Schaut' ich so manche Nacht,
In schwarzen Stunden, schwarzer Teich,
Hab' oft ich dein gedacht.

Christbaum

Hörst auch du die leisen Stimmen
aus den bunten Kerzlein dringen?
Die vergessenen Gebete
aus den Tannenzweiglein singen?
Hörst auch du das schüchtern-frohe,
helle Kinderlachen klingen?
Schaust auch du den stillen Engel
mit den reinen, weißen Schwingen? -
Schaust auch du dich selber wieder
fern und fremd nur wie im Traume?
Grüßt auch dich mit Märchenaugen
deine Kindheit aus dem Baume?

Ein Aufatmen 1

Grüne Tannen, bunte Blumen,
Blauer Himmel, Luft und Duft,
Silberhelle Wasser rieseln
Aus der grauen Felsenkluft.

Helle Sonnenlichter zittern
Spielend auf dem feuchten Grund,
Und der Vögel heimlich Zwitschern
Gleicht dem Wort aus liebem Mund.

Grüne Tannen – kleine Vögel,
Ach, – ihr kennt ein Zauberwort – –
Euer Rauschen, euer Zwitschern
Scheucht die alten Schmerzen fort!

Ein Aufatmen 2

Wie in süßen Morgenträumen
Liegt vor mir ein kleines Haus,
Blütenweiße Bäume strecken
Winkend ihre Äste aus.

Liebes, lang' entbehrtes Grüßen
Ist der Lerche jubelnd Lied,
Das wie klingend helles Strömen
Ob dem Haupte wirbelnd zieht.

Kleines Haus und Blütenbäume,
Ich versteh' den Zauber nicht;
Doch er spricht zum dunklen Herzen,
Und es wird d'rin wieder Licht!

In der Kunstausstellung

Was drängt sich die bunte Menge
Sich gaffend um dies Bild?
Es ist ein junges Mädchen
Mit Zügen krampfhaft wild.

Ihr alten eitlen Gecken
Dränget euch nicht so nahe hin,
Reizt nicht an den zarten Formen
Den abgestumpften Sinn.

Seht hinter euch - o sehet!
Dort an der dunkelsten Stell'
Lehnt ohnmächtig von Hunger,
Des schönen Bildes Modell.

Nach dem Regen

Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein, 
Tiefgrüne feuchte Reben
gucken ins Fenster herein.

Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
im Garten jagen spielend
die Buben den Mädchen nach.

Es knistert in den Büschen,
es zieht durch die helle Luft
das Klingen fallender Tropfen
Der Sommerregenduft.