Brentano, Clemens (1778-1842)

Zurück

Der Spinnerin Lied

Aus der Chronik eines fahrenden Schülers

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.

Ich sing‘ und kann nicht weinen,
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein
So lang der Mond wird scheinen.

Da wir zusammen waren
Da sang die Nachtigall
Nun mahnet mich ihr Schall
Dass du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen,
Denk ich wohl dein allein,
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen!

Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall,
Ich denk‘ bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen
Hier spinn‘ ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing‘ und möchte weinen!

Die Gottesmauer


Drauß bei Schleswig vor der Pforte 
Wohnen armer Leute viel. 
Ach, des Feindes wilder Horde 
Werden sie das erste Ziel. 
Waffenstillstand ist gekündet, 
Dänen ziehen ab zur Nacht. 
Russen, Schweden sind verbündet, 
Brechen her mit wilder Macht. 
Drauß bei Schleswig, weit vor allen, 
Steht ein Häuslein ausgesetzt. 

Drauß bei Schleswig in der Hütte 
Singt ein frommes Mütterlein: 
"Herr, in Deinen Schoß ich schütte 
alle meine Angst und Pein." 
Doch ihr Enkel, ohn' Vertrauen, 
Zwanzigjährig, neuster Zeit, 
Will nicht auf den Herren bauen, 
Meint, der liebe Gott wohnt weit. 
Drauß bei Schleswig in der Hütte 
Singt ein frommes Mütterlein. 

"Eine Mauer um uns baue", 
Singt das fromme Mütterlein, 
"Daß dem Feinde vor uns graue, 
Hüll' in deine Burg uns ein." - 
"Mutter", spricht der Weltgesinnte, 
"Eine Mauer uns ums Haus 
Kriegt unmöglich so geschwinde 
Euer lieber Gott heraus." - 
"Eine Mauer um uns baue", 
Singt das fromme Mütterlein. 

"Enkel, fest ist mein Vertrauen, 
Wenn's dem lieben Gott gefällt, 
Kann er uns die Mauer bauen, 
Was er will, ist wohl bestellt." 
Trommeln rumdidum rings prasseln; 
Die Trompeten schmettern drein; 
Rosse wiehern, Wagen rasseln; 
Ach, nun bricht der Feind herein! 
"Eine Mauer um uns baue", 
Singt das fromme Mütterlein. 

Rings in alle Hütten brechen 
Schwed und Russe mit Geschrei, 
Lärmen, fluchen, drängen, zechen, 
Doch dies Haus ziehn sie vorbei. 
Und der Enkel spricht in Sorgen: 
"Mutter, uns verrät das Lied", 
Aber sieh, das Heer von Morgen 
Bis zur Nacht vorüberzieht. 
"Eine Mauer um uns baue", 
Singt das fromme Mütterlein. 

Und am Abend tobt der Winter, 
An das Fenster stürmt der Nord, 
"Schließt den Laden, liebe Kinder," 
Spricht die Alte und singt fort. 
Aber mit den Flocken fliegen 
Vier Kosakenpulke an, 
Rings in allen Hütten liegen 
Sechzig, auch wohl achtzig Mann. 
"Eine Mauer um uns baue", 
Singt das fromme Mütterlein. 

Bange Nacht voll Kriegsgetöse; 
Wie es wiehert, brüllet, schwirrt, 
Kantschuhiebe, Kolbenstöße, 
Weh! des Nachbarn Fenster klirrt. 
Hurra, Stupai, Boschka, Kurwa, 
Schnaps und Branntwein, Rum und Rack, 
Schreit und flucht und plackt die Turba, 
Erst am Morgen zieht der Pack. 
"Eine Mauer um uns baue", 
Singt das fromme Mütterlein. 

"Eine Mauer um uns baue", 
Singt sie fort die ganze Nacht; 
Morgens wird es still: "O schaue, 
Enkel, was der Nachbar macht." 
Auf nach innen geht die Türe, 
Nimmer käM' er sonst hinaus; 
Daß er Gottes Allmacht spüre, 
Lag der Schnee wohl mannshoch drauß. 
"Eine Mauer um uns baue", 
Sang das fromme Mütterlein. 

"Ja, der Herr kann Mauern bauen, 
Liebe, fromme Mutter, komm, 
Gottes Mauer anzuschauen!" 
Rief der Enkel und ward fromm. 
Achtzehnhundertvierzehn war es, 
Als der Herr die Mauer baut', 
In der fünften Nacht des Jahres. 
Selig, wer dem Herrn vertraut! 
"Eine Mauer um uns baue", 
Sang das fromme Mütterlein. 

Die Liebe fing mich ein

Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,
Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;
Ich binde mich den heiligen Gesetzen,
Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.
Es stürzen bald des alten Glaubens Götzen,
Zieht die Natur mich so mit Liebe an.
O süßer Tod, in Liebe neu geboren,
Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.

Hör, es klagt die Flöte wieder

Hör, es klagt die Flöte wieder,
und die kühlen Brunnen rauschen,

Golden wehn die Töne nieder,
Stille, stille, lass uns lauschen!

Holdes Bitten, mild Verlangen,
Wie es süß zum Herzen spricht!

Durch die Nacht, die mich umfangen,
Blickt zu mir der Töne Licht.

Hörst du wie die Brunnen rauschen

Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, lass uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Dass an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg', ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt

Kein Sternchen mehr funkelt

Kein Sternchen mehr funkelt,
Tief nächlich umdunkelt
Lag Erde so bang;
Rang seufzend mit Klagen
Nach leuchtenden Tagen,
Ach, harren ist lang.

Als plötzlich erschlossen,
Vom Glanze durchgossen,
Der Himmel erglüht,
Es sangen die Chöre:
Gott preis und Gott Ehre!
Erlösung erblüht.

Es sangen die Chöre:
Den Höhen sei Ehre,
Dem Vater sei Preis.
Und Frieden hienieden,
Ja Frieden, ja Frieden
Dem ganzen Erdkreis!

Lureley

Zu Bacharach am Rheine,
Wohnt eine Zauberin,
Die war so schön und feine
Und riss viel Herzen hin.

Und machte viel zuschanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.

Der Bischof ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt,
Und musste sie begnaden,
So schön war ihr‘ Gestalt.

Er sprach zu ihr gerühret,
„Du arme Lore Lay.
Wer hat dich dann verführet
Zu böser Zauberei."

„Herr Bischof lasst mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muss verderben,
Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab,
O schickt mich in die Flammen,
brechet mir den Stab.“

„Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay,
Ich müsste dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei!

Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in deinen Flammen
Mein eignes Herz schon brennt.“

„Herr Bischof mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott
Und bittet um Erbarmen
Für mich den lieben Gott.

Ich darf nicht länger leben,
Ich lieb‘ kein Leben mehr,
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her.

Ein Mann hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von mir gezogen
Fort in ein andres Land.

Die Blicke sanft und wilde,
Die Wangen rot und weiß,
Die Worte still und milde,
Die sind mein Zauberkreis.

Ich selbst muss drin verderben,
Das Herz tut mir so weh,
Vor Jammer möcht‘ ich sterben,
Wenn ich zum Spiegel seh‘.

Drum lasst mein Recht mich finden,
Mich sterben, wie ein Christ,
Denn alles muss verschwinden,
Weil er mir treulos ist!"

Drei Ritter lässt er holen:
„Bringt sie ins Kloster hin,
Geh, Lore! Gott befohlen
Sei dein berückter Sinn.

Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiß.
Bereite dich auf Erden
Zum Todes mit Gottes Preis."

Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.

„O Ritter lasst mich gehen
Auf diesen Felsen groß,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Buhlen Schloss,

Ich will noch einmal sehen
Wohl in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen,
Und Gottes Jungfrau sein!"

Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Sie klimmen in die Höhe,
Da tritt sie an den Rand,

Und sprach: „Willkomm, da wehet
Ein Segel auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein!

Mein Herz wird mir so munter,
Er muß der Liebste sein,"
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.

Es fuhr mit Kreuz und Fahne
Das Schifflein an das Land,
Der Bischof saß im Kahne,
Sie hat ihn wohl erkannt.

Dass er das Schwert gelassen,
Dem Zauber zu entgehn,
Dass er zum Kreuz tät fassen,
Das konnt‘ sie nicht verstehn.

Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Priester auf dem Rhein,
Und immer hat‘s geklungen
Vom hohen Felsenstein

Lureley
Lureley
Lureley

Als wären es meiner drei!

Lureley Singet leise

Singet leise, leise, leise,
Singt ein flüsternd Wiegenlied,
Von dem Monde lernt die Weise,
Der so still am Himmel zieht.

Denn es schlummern in dem Rheine
Jetzt die lieben Kindlein klein,
Amelya wacht alleine
Weinend in dem Mondenschein.

Singt ein Lied so süß gelinde,
Wie die Quellen auf den Kieseln,
Wie die Bienen um die Linde
Summen, murmeln, flüstern, rieseln.

Verzweiflung an der Liebe in der Liebe

In Liebeskampf? In Todes Kampf gesunken?
Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?
Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt?
Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?

Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken?
Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt?
Was ist's, das der gefallne Becher gießt?
Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken.

Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden –
Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten.
Um sie strahlt Heilgen Schein – zerraufte Haare.
Strahl' Himmels Licht, flamm' Hölle zu dIer Erde

Brich der Verzweiflung rasende Gewalten,
Enthüll' – Verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.

Wiegenlied

Hier unterm Turme
hier wehet kein Wind,
hier betet die Mutter
und wieget ihr Kind,
und hat von der Wiege
zur Krippe ein Band
von Glaube und Hoffnung
und Liebe gespannt.

Weit über die Meere
die Sehnsucht sie spinnt,
dort sitzet Maria
und wieget ihr Kind,
die Engel, die Hirten,
drei König und Stern
und Öchslein und Eslein
erkennen den Herrn.

Wohl über dem Monde
und Wolken und Wind
mit Zepter und Krone
steht Jungfrau und Kind.
Hier unten ward's Kindlein
am Kreuz ausgespannt,
dort oben wiegt's Himmel
und Erd auf der Hand.

Komm mit, lass uns fliegen
zu Maria geschwind,
kommt mit! und lern biegen
dein Knie vor dem Kind,
komm mit! schnür dein Bündlein,
schon führet die Hand
Maria dem Kindlein,
es segnet das Land.