Borchert, Wolfgang (1921-1947)

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Abendlich tönet Gesang

Abendlich tönet Gesang ferner Glocken,
lächelnd versinkt voll Frühling ein Tag.
Über das eigene Lied scheu erschrocken,
verstummte die Amsel mitten im Schlag.
Und in dem Regen, der nun begann,
fing leise die Erde zu atmen an.

Abschied

Laß mir deinen Rosenmund
noch für einen Kuß.
Draußen weiß ein ferner Hund,
daß ich weiter muß.

Laß mir deinen hellen Schoß
noch für ein Gebet.
Mach mich aller Schmerzen los!
- horch, der Seewind weht.

Laß mir noch dein weiches Haar
schnell für diesen Traum:
Daß dein Lieben Liebe war -
laß mir diesen Traum!

 
 

Aranka

Ich fühle deine Knie an meinen,
und deine krause Nase
muß irgendwo in meinem Haare weinen.
Du bist wie eine blaue Vase,
und deine Hände blühn wie Astern,
die schon vom Geben zittern.
Wir lächeln beide unter den Gewittern
von Liebe, Leid - und Lastern.


Der Kuss

Es regnet - doch sie merkt es kaum,
weil noch ihr Herz vor Glück erzittert:
Im Kuß versank die Welt im Traum.
Ihr Kleid ist naß und ganz zerknittert

und so verächtlich hochgeschoben,
als wären ihre Knie für alle da.
Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben,
der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.

So tief hat sie noch nie gefühlt -
so sinnlos selig müssen Tiere sein!
Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt -
Laternen spinnen sich drin ein.


Regen

Der Regen geht als eine alte Frau  
mit stiller Trauer durch das Land.  
Ihr Haar ist feucht, ihr Mantel grau,  
und manchmal hebt sie ihre Hand  

und klopft verzagt an Fensterscheiben,  
wo die Gardinen heimlich flüstern.  
Das Mädchen muß im Hause bleiben  
und ist doch gerade heut so lebenslüstern!  

Da packt der Wind die Alte bei den Haaren,  
und ihre Tränen werden wilde Kleckse.  
Verwegen läßt sie ihre Röcke fahren  
und tanzt gespensterhaft wie eine Hexe!