Blüthgen, Viktor (1844 - 1920)

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Ach wer das doch könnte

Gemäht sind die Felder,
Der Stoppelwind weht.
Hoch droben in Lüften
Mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze,
Der Leib von Papier,
Zwei Ohren, ein Schwänzlein
Sind all seine Zier.
Und ich denk: so drauf liegen
Im sonnigen Strahl,
Ach, wer das doch könnte
Nur ein einziges Mal!

Da guckt ich dem Storch
In das Sommernest dort:
Guten Morgen, Frau Störchin,
Geht die Reise bald fort?
Ich blickt in die Häuser
Zum Schornstein hinein:
O Vater und Mutter,
Wie seid ihr so klein.
Tief unter mir säh ich
Fluss, Hügel und Tal,
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

Und droben, gehoben
Auf schwindelnder Bahn,
Da fasst ich die Wolken,
Die segelnden an;
Ich ließ mich besuchen
Von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen,
Die singenden sehn;
Die Englein belauscht ich
Im himmlischen Saal;
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

Charlotte

Charlotte Kompotte Naschmajor,
hat 'nen Bart bis an das Ohr,
leckt die Schüsseln und Teller,
nascht in Küche und Keller -
Holt ein Schloss vom Schlosser Paul!
Für wen denn?
Fürs Leckermaul.

Märzbeginn

Ich lieb im Lenz die grauen, kühlen Tage:
Stillfröstelnd ruht die Welt, die wintersatte;
ein grüner Hauch verklärt die kahle Matte,
ein Glanz den dürren Knospenbaum im Hage. 

Als müsse jegliches Geräusch sich dämpfen!
Blanksaub're Wege, und spielfrohe Kinder,
und Veilchensucher...Sommer nicht, noch Winter;
Rasttage vor den harten Frühlingskämpfen.

In diese Stimmung passen Sonntagsklänge,
wie sie den Knaben feierlich umklungen:
Ich seh'noch drüben die Kurrendejungen,'
hör' vor der Schmiede die Choralgesänge.

Auf weißen Sand, den bis zur Tür man streute,
Großvater stand und ich; er summte leise:
"Komm, heil'ger Geist" - das Haupt gebückt, das greise;
aus off'nen Fenstern lauschten Nachbarsleute.

Die schwarze Schar zog weiter. Kinder kamen,
in jeder Faust ein Schlüsselblumen-Sträußchen;
und Bratenduft quoll rückwärts aus dem Häuschen.
Großvater stand und nickte: Amen! Amen! 

 

 

Vetter Starmatz

Wenn der Starmatz wieder heimkommt und der Frost nicht mehr dräut,
ach, was sind da die Kinder für glückliche Leut'!
Denn da schwirrt's bald und da schwebt's bald in Lüften zuhauf,
und da tun bald alle Blümlein ihre Äugelchen auf.

»Vetter Starmatz, Vetter Jakob, was bringst du uns mit? «
» Ein bissel Knarren, ein bissel Flöten, ein bissel Zwitschern, ich bitt'.
Keine Taschen im Rocke, kein Ränzchen ist mein,
wo tät' ich in der Fremde für euch was hinein? «

» Vetter Starmatz, Vetter Jakob, dein Häuschen steht leer.
Unser Sperling wollt' mieten, es gefiel ihm so sehr.
Was willst du uns zahlen, vermiet' ich dir das! «
» Ei da sing' ich, ei da spring ich, ei da spaß' ich euch was. «

»Vetter Starmatz, Vetter Jakob, wo hast du deine Frau?«
»Wenn die Stube wird blank sein, dann kommt sie zum Bau,
und da gibt's art'ge Kinder, nicht eins wird gewiegt;
denn ein richtiger Starmatz ist allzeit vergnügt. «