Bierbaum, Otto Julius (1865-1910)

Zurück

Glaube nur

Wenn im Sommer der rote Mohn
Wieder glüht im gelben Korn,
Wenn des Finken süßer Ton
Wieder lockt im Hagedorn,
Wenn es wieder weit und breit
Feierklar und fruchtstill ist,
Dann erfüllt sich uns die Zeit,
Die mit vollen Maßen misst,
Dann verebbt, was uns bedroht,
Dann verweht, was uns bedrückt,
Über dem Schlangenkopf der Not
Ist das Sonnenschwert gezückt.
Glaube nur! Es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
Werden wir in Rosen gehn,
Und die Sonne lacht uns Glück.

Vorfrühling

Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,
Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,
In einem Lichte, das wie Frühling ist.
Der graue Himmel zeigt türkisenblau
Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist
Des jungen Jahres erster Farbenklang,
Die ferne Flöte der Beruhigung:
Die Liebe hat die Flügel schon gespannt,
Sie naht gelassenen Flügels himmelher,
Bald wird die Erde bräutlich heiter sein.

Nun, Herz, sei wach und halte dich bereit
Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt
Und Liebe atmet, wie die Blume Duft.
Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir,
Wenn du nur recht ergeben und getrost
Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch.

Winter

Weg und Wiese zugedeckt, 
Und der Himmel selbst verhangen, 
Alle Berge sind versteckt, 
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht, 
Die sich vor den Tag geschoben, 
Die der Sonne glühe Pracht 
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot: 
Sonne, Mond und lichte Sterne? 
Ruht das wirkende Gebot, 
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum? 
Sind verschüttet alle Wege? 
Grau und eng die Welt und stumm. 
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.