Gedichte für Kinder: Natur

Einkehr

Uhland, Ludwig

Bei einem Wirte wundermild,
Da war ich jüngst zu Gaste;
Ein goldner Apfel war sein Schild
An einem langen Aste.

Es war der gute Apfelbaum,
Bei dem ich eingekehret,
Mit süßer Kost und frischem Schaum
Hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus
Viel leicht beschwingte Gäste;
Sie sprangen frei und hielten Schmaus
Und sangen auf das Beste.

Ich fand ein Bett in süßer Ruh
Auf weichen, grünen Matten;
Der Wirt, er deckte selbst mich zu
Mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt' ich nach der Schuldigkeit.
Da schüttelt' er den Wipfel.
Gesegnet sei er allezeit
von der Wurzel bis zum Gipfel!

Vom schlafenden Apfel

Reinick, Robert

Im Baum im grünen Bettchen
hoch oben sich ein Apfel wiegt;
der hat so rote Bäckchen,
man sieht's, dass er im Schlafe liegt.

Ein Kind steht unterm Baume
das schaut und schaut und ruft hinauf:
"Ach Apfel, komm herunter!
Hör endlich mit dem Schlafen auf!"

Es hat ihn so gebeten;
glaubt ihr, er wäre aufgewacht?
Er rührt sich nicht im Bette,
sieht aus, als ob im Schlaf er lacht.

Da kommt die liebe Sonne
am Himmel hoch daherspaziert.
"Ach Sonne, liebe Sonne,
mach du, dass sich der Apfel rührt!"

Die Sonne spricht: "Warum nicht?"
Und wirft ihm Strahlen ins Gesicht,
küsst ihn dazu so freundlich;
der Apfel aber rührt sich nicht.

Nun schau, da kommt ein Vogel
und setzt sich auf den Baum hinauf.
"Ei, Vogel du musst singen;
gewiss, gewiss, das weckt ihn auf!"

Der Vogel wetzt den Schnabel
und singt ein Lied so wundernett
und singt aus voller Kehle;
der Apfel rührt sich aber nicht im Bett.

Und wer kam nun gegangen?
Es war der Wind; den kenn ich schon:
der küsst nicht und der singt nicht;
der pfeift aus einem andern Ton.

Er stemmt in beide Seiten
die Arme, bläst die Backen auf
und bläst und bläst und richtig,
der Apfel wacht erschrocken auf.

Und springt vom Baum herunter
grad in die Schürze von dem Kind;
das hebt ihn auf und freut sich
und ruft: "Ich danke schön, Herr Wind!"

Apfellied

Volksgut,
In einem kleinen Apfel,
da sieht es lustig aus:
Es sind darin fünf Stübchen,
grad wie in einem Haus.
 
In jedem Stübchen wohnen
zwei Kernchen schwarz und fein;
die liegen drin und träumen
vom lieben Sonnenschein.
 
Sie träumen auch noch weiter
gar einen schönen Traum,
wie sie einst werden hängen
am lieben Weihnachtsbaum.

Die Gäste der Buche

Baumbach, Rudolf

Mietegäste vier im Haus
Hat die alte Buche.
Tief im Keller wohnt die Maus,
Nagt am Hungertuche.

Stolz auf seinen roten Rock
Und gesparten Samen
sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.

Weiter oben hat der Specht
Seine Werkstatt liegen,
Hackt und zimmert kunstgerecht,
Daß die Späne fliegen.

Auf dem Wipfel im Geäst
Pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest.
Miete zahlt nicht einer.

Ich schenke dir diesen Baum

Braem, Harald

Ich schenke dir diesen Baum.
Aber nur,
wenn du ihn wachsen lässt,
da wo er steht;
denn Bäume sind keine Ware,
die man einfach mitnehmen kann.
Sie keimen und wurzeln
in unserer alten Erde,
werden hoch wie ein Haus
und vielleicht sogar älter als du.
Ich schenke dir diesen Baum,
das Grün seiner Blätter,
den Wind in den Zweigen,
die Stimme der Vögel dazu
und den Schatten,
den der Sommer gibt.
Ich schenke dir diesen Baum,
nimm ihn wie einen Freund,
besuche ihn oft,
aber versuche nicht, ihn zu ändern.
So wirst du sehen,
dass du viel von ihm lernen kannst.
Eines Tages sogar
seine Weisheit und Ruhe.
Auch wir sind nämlich Bäume,
die in Bewegung geraten sind.

Mit frdl. Genehmigung des Verfassers

Regenwetter

Halm, Friedrich

Was ist das für ein Wetter heut!
Es regnet ja wie toll!
Die Straße ist ein großer See,
Die Gosse übervoll.

Der Sperling duckt sich unters Dach,
So gut er eben kann,
Und Nero liegt im Hundehaus
Und knurrt das Wetter an.

Wir aber haben frohen Mut
Und sehn dem Regen zu,
Erzählen uns gar mancherlei
Daheim in guter Ruh.

Lass regnen, was es regnen will!
Lass allem seinen Lauf!
Und wenn's genug geregnet hat,
So hörts auch wieder auf.

Der Strom

Reinick, Robert

Tief in waldgrüner Nacht
ist ein Bächlein erwacht,
kommt von Halde zu Halde gesprungen,
und die Blumen, sie stehn
ganz verwundert und sehn
in die Augen dem lustigen Jungen.

Und sie bitten: "Bleib hier
in dem stillen Revier!"
Wie sie drängen, den Weg ihm zu hindern!
Doch er küsst sie im Flug,
und mit neckischem Zug
ist entschlüpft er den lieblichen Kindern.

Und nun springt er hinaus
aus dem stillgrünen Haus:
"O du weite, du strahlende Ferne!
Dir gehör' ich, o Welt!"
Und er dünkt sich ein Held,
und ihm leuchten die Augen wie Sterne.

"Gebt mir Taten zu tun!
Darf nicht rasten, nicht ruhn,
soll der Vater, der Alte, mich loben!"
Hoch zum Flusse geschwellt,
von dem Fels in die Welt
braust er nieder mit freudigem Toben.

"Gebt mir Taten zu tun,
kann nicht rasten, nicht ruhn!"
Und schon hört man die Hämmer ihn schmettern;
und vorbei an dem Riff
trägt er sicher das Schiff
in dem Kampfe mit Sturm und mit Wettern.

Immer voller die Lust,
immer weiter die Brust!
Und er wächst zum gewaltigen Strome.
Zwischen rankendem Wein
schauen Dörfer darein
und die Städt' und die Burgen und Dome.

Und er kommt an das Meer;
hell leuchtet es her,
wie verklärt von göttlichem Walten.
Welch ein Rauschen im Wind?
"Du mein Vater!" — "Mein Kind!"
Und er ruht in den Armen des Alten

Lenz

Trojan, Johannes

Brichst du Blumen, sei bescheiden,
Nimm nicht gar so viele fort.
Sieh die Blumen müssen leiden,
Zieren sie auch ihren Ort.

Nimm ein paar und lass’ die andern
in dem Grase, an dem Strauch,
andre, die vorüberwandern,
freun sich an den Blumen auch

Nach dir kommt vielleicht ein müder
Wandrer, der des Weges zieht,
trüben Sinns – der freut sich wieder,
wenn er auch ein Blümchen sieht.

Garten

Bydlinski, Georg

Ich sitze im Gras und schweige.
Der Himmel ist blau wie das Meer.
Der Wind bewegt die Zweige,
sie schwingen leicht, hin und her.

Ich bin nicht allein, denn ich sehe
den Wind, der im Kirschgeäst schaukelt,
den Schmetterling, der in der Nähe
ganz langsam vorübergaukelt.

Ich höre die Amseln und Stare.
Ich sehe die Käfer im Kraut.
Der Wind bewegt meine Haare,
die Sonne berührt meine Haut.

aus: Georg Bydlinski, Wasserhahn und Wasserhenne
© 2002 Dachs Verlag GmbH, Wien
http://www.patmos.de/
http://www.patmos.de/author/2284/singleAuthor.htm 
http://www.georg-bydlinski.at

Lichtlein auf der Wiese

Vogel, E.

Lichtlein auf der Wiese
blas' ich alle aus,
und es fliegen Sternchen
in die Welt hinaus,
schweben in der Sonne,
schweben auf und nieder.
Nächstes Jahr zur Frühlingszeit
gibt's neue Lichtlein
wieder. _
Doch zuerst, du wirst es sehn,
wird die Wiese, wird die Wiese
ganz in Gold, in Golde stehn.

Über die Erde

Auer, Martin

Über die Erde
sollst du barfuß gehen.
Zieh die Schuhe aus,
Schuhe machen dich blind.
Du kannst doch den Weg
mit deinen Zehen sehen.
Auch das Wasser
und den Wind.

Sollst mit deinen Sohlen
die Steine berühren,
mit ganz nackter Haut.
Dann wirst du bald spüren,
dass dir die Erde vertraut.

Spür das nasse Gras
unter deinen Füßen
und den trockenen Staub.
Lass dir vom Moos
die Sohlen streicheln und küssen
und fühl
das Knistern im Laub.

Steig hinein,
steig hinein in den Bach
und lauf aufwärts
dem Wasser entgegen.
Halt dein Gesicht
unter den Wasserfall.
Und dann sollst du dich
in die Sonne legen.

Leg deine Wange an die Erde,
riech ihren Duft und spür,
wie aufsteigt aus ihr
eine ganz große Ruh’.
Und dann ist die Erde ganz nah bei dir,
und du weißt:
Du bist ein Teil von Allem
und gehörst dazu.

Mit frdl. Genehmigung des Verfassers

Das Lied vom Kirschbaum

Hebel, Johann Peter

Zum Frühling sagt der liebe Gott-
"Geh, deck dem Wurm auch seinen Tisch!"
Gleich treibt der Kirschbaum Laub um Laub,
viel tausend Blätter, grün und frisch.

Das Würmchen ist im Ei erwacht,
es schlief in seinem Winterhaus;
es streckt sich, sperrt sein Mäulchen auf
und reibt die blöden Augen aus.

Und darauf hat's mit stillem Zahn
an seinen Blätterchen genagt;
es sagt: "Man kann nicht weg davon!
Was solch Gemüs' mir doch behagt!" -

Und wieder sagt der liebe Gott:
"Deck jetzt dem Bienchen seinen Tisch!"
Da treibt der Kirschbaum Blüt' an Blüt',
viel tausend Blüten, weiß und frisch.

Und's Bienchen sieht es in der Früh
im Morgenschein und fliegt heran
und denkt: Das wird mein Kaffee sein;
was ist das kostbar Porzellan!

Wie sind die Tässchen rein gespült!"
Es steckt sein Züngelchen hinein,
es trinkt und sagt: Wie schmeckt das süß!
Da muss der Zucker wohlfeil sein!"

Zum Sommer sagt der liebe Gott:
"Geh, deck dem Spatzen seinen Tisch!"
Da treibt der Kirschbaum Frucht an Frucht,
viel tausend Kirschen, rot und frisch.

Und Spätzchen sagt: "Ist's so gemeint?
ich setz' mich hin, ich hab' App'tit,
das gibt mir Kraft in Mark und Bein,
stärkt mir die Stimm' zu neuem Lied." -

Da sagt zum Herbst der liebe Gott:
"Räum fort, sie haben abgespeist!"
Drauf hat die Bergluft kühl geweht,
und 's hat ein bissel Reif geeist.

Die Blätter werden gelb und rot,
eins nach dem andern fällt schon ab,
und was vom Boden stieg herauf,
zum Boden muss es auch hinab.

Zum Winter sagt der liebe Gott:
"Jetzt deck, was übrig ist, mir zu!"
Da streut der Winter Flocken drauf;
nun danket Gott und geht zur Ruh'!

Der Stein

Bydlinski, Georg

In meiner Hand
liegt ein kühler Stein.

Meine Hand
wärmt den Stein.

Meine Finger
schließen Freundschaft
mit dem Stein.

aus: Georg Bydlinski, Wasserhahn und Wasserhenne
© 2002 Dachs Verlag GmbH, Wien
http://www.patmos.de/
http://www.patmos.de/author/2284/singleAuthor.htm 
http://www.georg-bydlinski.at

Tannenwald

Trojan, Johannes

Wo bin ich gewesen?
Nun rat einmal schön!
Im Wald bist gewesen,
das kann ich ja sehn.

Spinnweben am Kleidchen,
Tannnadeln im Haar,
das bringt ja nur mit,
wer im Tannenwald war.

Was tat ich im Walde?
Sprich, weißt du das auch?
Hast Beerlein gepickt
vom Heidelbeerstrauch.

O sieh nur, wie blau
um das Mündchen du bist!
Das bekommt man ja nur,
wenn man Heidelbeern isst!

Das Samenkorn

Ringelnatz, Joachim

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
Die Amsel wollte es zerpicken.

Aus Mitleid hat sie es verschont
und wurde dafür reich belohnt.

Das Korn, das auf der Erde lag,
Das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.

Jetzt ist es schon ein hoher Baum
Und trägt ein Nest aus weichem Flaum.

Die Amsel hat das Nest erbaut;
Dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

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