Goethe, Johann Wolfgang von (1749-1832)

Wanderlied

 

Von dem Berge zu den Hügeln, 
Niederab das Tal entlang, 
Da erklingt es wie von Flügeln, 
Da bewegt sichs wie Gesang; 
Und dem unbedingten Triebe 
Folget Freude, folget Rat; 
Und dein Streben, seis in Liebe, 
Und dein Leben sei die Tat. 

Denn die Bande sind zerrissen, 
Das Vertrauen ist verletzt; 
Kann ich sagen, kann ich wissen, 
Welchem Zufall ausgesetzt 
Ich nun scheiden, ich nun wandern, 
Wie die Witwe trauervoll, 
Statt dem einen, mit dem andern 
Fort und fort mich wenden soll! 

Bleibe nicht am Boden heften, 
Frisch gewagt und frisch hinaus! 
Kopf und Arm mit heitern Kräften, 
Überall sind sie zu Haus; 
Wo wir uns der Sonne freuen, 
Sind wir jede Sorge los; 
Dass wir uns in ihr zerstreuen, 
Darum ist die Welt so groß. 

Doch was heißt in solchen Stunden 
Sich im Fernen umzuschaun? 
Wer ein heimisch Glück gefunden, 
Warum sucht ers dort im Blaun? 
Glücklich, wer bei uns geblieben, 
In der Treue sich gefällt! 
Wo wir trinken, wo wir lieben, 
Da ist reiche, freie Welt.

 

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