Rückert, Friedrich (1788-1866)

Vorüber, hinüber

Vorüber ist das alte Jahr,
Ob's fröhlich dir, ob's traurig war,
Ob du geweint, ob du gelacht,
Ob du geschlummert, ob gewacht,
Ob du die Zeit genützet hast,
Ob Müßiggang sie hat verpasst.
Das Jahr, das einst so lang dir schien,
Vorüber rauscht es, hin ist hin.
Vorüber, vorüber.

Und doch, das Jahr, das du erlebt,
Und was du drin gewirkt, erstrebt,
Der Schweiß von deinem Angesicht,
Die heil'ge Arbeit deiner Pflicht.
Dein Ringen mit des Lebens Not,
Dein Stilles ein in deinem Gott.
Was dein an Schmerz und Freude war,
Du nimmst es mit ins neue Jahr.
Hinüber, hinüber.

Die Stunde kommt, vielleicht schon bald,
Ob jugendfrisch du bist, ob alt,
Wo mehr noch wird vorüber sein,
Als dieses flüchtige Jahr allein.
Wo dir im Tod das Auge bricht
Dein Mund den letzten Seufzer spricht,
Wo einmal noch, eh du gehst fort,
Durch deine Seele tönt das Wort:
Vorüber, vorüber!

Und dann auch gibt, wie du gelebt,
Was du getan, was du erstrebt,
Was du geglaubt, was du gesollt,
Was du gekämpft, was du gewollt,
Dir unabweislich das Geleit
Hinüber in die Ewigkeit.
O denke dran bei jedem Schritt,
Was hier du lebst, es gehet mit.
Hinüber, hinüber!

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