Zeise, Karl Heinrich Theodor (1822-1914)

Sei liebreich

Treu bewahre im Gemüte
Und beschirme früh und spät
Jede Knospe, jede Blüte,
Die auf deinen Wegen steht.

Sei's die Knospe hoch am Baume,
Sei's ein fröhlich plaudernd Kind,
Sei's am grünen Wiesensaume
Eine Blume weich und lind.

Halt' den Wurm auf öder Stätte
Nicht für klein und für gering,
In der Schöpfung ew'ger Kette
Sieh ihn an als starken Ring.

Nach den Sternen magst du trachten,
Wenn dein Geist den Staub besiegt;
Doch des Kiesels sollst du achten,
Der zu deinen Füßen liegt.

Hoch und herrlich ist die Stärke,
Die von Seelenadel zeugt,
Wenn sie sich zum Liebeswerke
Zu dem Schwachen niederbeugt.

Gibst du den gesunknen Ranken
Neuen Halt und frischen Stand,
O dann reichst du auch den Kranken
Und Gefallnen deine Hand.

Sei ein Denker oder Dichter,
Form' in Erzen oder Stein:
Vor dem ew'gen Weltenrichter
Sollst du Mensch vor allem sein.

Treu bewahre im Gemüte
Und beschirme früh und spät
Jede Knospe, jede Blüte,
Die auf deinen Wegen steht.

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