Vring, Georg von der (1889-1968)

Regenabend

Ich saß in der Dämmerung am Tisch und Fenster,
Vor mir einen Strauß blauen und weißen Flieders.
Die Blüten waren riesengroß und verbargen dunkle Schatten
in ihren Trauben.
Die Blätter waren wie lebend, und der Duft der Sträuße
beherrschte mich ganz.
Von der Landschaft draußen sah ich nur die großen ruhigen
Konturen,
Denn es war regnerisch. Im Garten drunten
Wiederholte laut und klar eine Drossel
Immer den gleichen klagenden, jubelnden Ruf.

Ich dachte: Die Welt ist noch immer
Wie am ersten Tag: Unerlöst, traumbefangen,
Und vielleicht im geheimen glücklich.

© Langewiesche-Brandt

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