Streckfuß, Carl (1779-1844)

Pipin der Kurze

„Der Stärkste soll König der Starken sein,
Der Größte Herrscher der Großen!
Nicht ziemt‘s, dass Jenem, so schwach und klein,
Die mächtigen Recken Gehorsam weihn;
Zu Childerich sei er verstoßen!“
So murmelt's  frech und frecher im Heer,
So höhnen die kecken Vasallen.
„O seht auf die Franken, ihr Völker, her,
Der Kleine, der Kurze, ihr Fürst ist Er,
Wohl wird‘s euch herrlich gefallen!
Seht, wenn er reitet auf mächtigem Gaul,
Ein Äfflein auf hohem Kamele,
Reicht just sein Helmbusch dem Marschall ans Maul,
Doch ist er auch klein, so ist er nicht faul
Zu trotzigem, stolzem Befehle.“
Und wohl vernimmt's der wackre Pipin,
Bemerkt, wie die Grollenden flüstern,
Mit Murren folgend gen Welschland ziehn,
Ihm säumig gehorchen und frevelhaft kühn
Sich mürrischer täglich verdüstern.
Und stark im Geiste, gewaltig und klug,
Erwägt er's mit weisen Gedanken,
,,Sei heut des Weges , der Mühen genug,
Gehemmt der Scharen gewaltiger Zug!
Errichtet zum Fechtspiel die Schranken.
Herbeigebracht der gewaltige Leu!
Den Kämpfer will ich ihm stellen!“ -
Wohl seltsam scheint die Bestellung und neu,
Und mit Neugier murmeln, es murmeln mit Scheu
Die trotzigen stolzen Gesellen.
Rings wird der Platz mit Gittern umhegt,
Dahinter die Sitze der Ritter,
Erhaben des Königs Balkon — da frägt
Wohl Jeder, zu Unmut und Sorgen erregt:
„Wie schwach doch, wie schwankend das Gitter!
Ein Ruck mit der mächtigen Tatz' und es fällt,
Und das Ungetüm sitzt uns im Nacken.
Doch der dort oben, der winzige Held,
Wohl hat er sich trefflich sicher gestellt,
Zu schau‘n, wie die Krallen uns packen!“
Und der Leu wird gebracht im vergitterten Haus,
An der Schranke geöffnet das Pförtchen,
Und der Tiere König, er schreitet heraus,
Und die Ritter erfasst nun Schrecken und Graus,
Und keiner redet ein Wörtchen.
Doch zweifelnd sieht sich der Löwe befrei‘n,
Und reckt in der Freiheit die Glieder,
Und schreitet getrost in die Schranken herein
Und zeigt der Zähne gewaltige Reih‘n.
Laut gähnend, und strecket sich nieder.
Vom Ballon ruft Pipin mit donnerndem Laut:
„Ihr männlichen, trotzigen Krieger
Da schaut ein Kampfspiel, ein würdiges, schaut!
Wer sich zu messen mit diesem getraut,
Den nenn' ich den ersten der Sieger."
Und ein Zischeln, ein Murmeln, ein Murren erklingt,
Dumpf nur im Beginnen und leise.
Bald, wie wann, stärker und stärker beschwingt,
Mit wogenden Fluten die Windsbraut ringt,
So sauset's und brauset's im Kreise.
Und kecklich hervor tritt Gerhardt vom Stern,
Der frechste der frechen Kumpane:
„Der Vortanz verbleibe dem König und Herrn!
Auf, tanze denn, Hoheit, wir lassen dir‘s gern,
Herab von dem sichern Altane!"
„So sei's!" spricht Pipin, und sich schwingend im Satz
Springt der Kurze, doch markig und sehnig,
Vom Balkon herab auf den sandigen Platz.
,,Auf, Bruder Leu, auf, wetze die Tatz'!
Auf, König, dich fordert ein König! "
Und schlägt ihn mit flacher Kling' auf den Bug,
Und erregt ihm den Grimm in der Seele,
Aufschnellt der Leu, wutschauernd im Flug,
Doch dringt, eh' die Tatze, die zuckende, schlug,
Das Schwert durch den Rachen zur Kehle.
Und das Blut entsprudelt dem grausigen Schlund,
Und über sich stürzt er, und wendet
Drei -vier Mal die Augen, rollend, im Rund,
Drei – vier  Mal geißelt der Schweif den Grund,
Und er streckt sich, und zuckt und verendet.
Stolz schaut der König im Kreise herum,
Und die Ritter atmen beklommen,
Und blicken zu Boden erstaunt und stumm,
Und der Hohe dreht still verachtend sich um —
Kein Murren ward weiter vernommen.

 

 

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