Brentano, Clemens (1778-1842)

Lureley

Zu Bacharach am Rheine,
Wohnt eine Zauberin,
Die war so schön und feine
Und riss viel Herzen hin.

Und machte viel zuschanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.

Der Bischof ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt,
Und musste sie begnaden,
So schön war ihr‘ Gestalt.

Er sprach zu ihr gerühret,
„Du arme Lore Lay.
Wer hat dich dann verführet
Zu böser Zauberei."

„Herr Bischof lasst mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muss verderben,
Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab,
O schickt mich in die Flammen,
brechet mir den Stab.“

„Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay,
Ich müsste dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei!

Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in deinen Flammen
Mein eignes Herz schon brennt.“

„Herr Bischof mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott
Und bittet um Erbarmen
Für mich den lieben Gott.

Ich darf nicht länger leben,
Ich lieb‘ kein Leben mehr,
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her.

Ein Mann hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von mir gezogen
Fort in ein andres Land.

Die Blicke sanft und wilde,
Die Wangen rot und weiß,
Die Worte still und milde,
Die sind mein Zauberkreis.

Ich selbst muss drin verderben,
Das Herz tut mir so weh,
Vor Jammer möcht‘ ich sterben,
Wenn ich zum Spiegel seh‘.

Drum lasst mein Recht mich finden,
Mich sterben, wie ein Christ,
Denn alles muss verschwinden,
Weil er mir treulos ist!"

Drei Ritter lässt er holen:
„Bringt sie ins Kloster hin,
Geh, Lore! Gott befohlen
Sei dein berückter Sinn.

Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiß.
Bereite dich auf Erden
Zum Todes mit Gottes Preis."

Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.

„O Ritter lasst mich gehen
Auf diesen Felsen groß,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Buhlen Schloss,

Ich will noch einmal sehen
Wohl in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen,
Und Gottes Jungfrau sein!"

Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Sie klimmen in die Höhe,
Da tritt sie an den Rand,

Und sprach: „Willkomm, da wehet
Ein Segel auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein!

Mein Herz wird mir so munter,
Er muß der Liebste sein,"
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.

Es fuhr mit Kreuz und Fahne
Das Schifflein an das Land,
Der Bischof saß im Kahne,
Sie hat ihn wohl erkannt.

Dass er das Schwert gelassen,
Dem Zauber zu entgehn,
Dass er zum Kreuz tät fassen,
Das konnt‘ sie nicht verstehn.

Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Priester auf dem Rhein,
Und immer hat‘s geklungen
Vom hohen Felsenstein

Lureley
Lureley
Lureley

Als wären es meiner drei!

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