Herder, Johann Gottfried (1744 - 1803)

Lied des Lebens

Flüchtiger als Wind und Welle 
Flieht die Zeit; was hält sie auf? 
Sie genießen auf der Stelle, 
Sie ergreifen schnell im Lauf; 
Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben, 
Hält die Flucht der Tage ein. 
Schneller Gang ist unser Leben, 
Laßt uns Rosen auf ihn streun. 


Rosen; denn die Tage sinken 
In des Winters Nebelmeer. 
Rosen; denn sie blühn und blinken 
Links und rechts noch um uns her. 
Rosen stehn auf jedem Zweige 
Jeder schönen Jugendtat. 
Wohl ihm, der bis auf die Neige 
Rein gelebt sein Leben hat. 


Tage, werdet uns zum Kranze 
Der des Greises Schläf' umzieht 
Und um sie in frischem Glanze 
Wie ein Traum der Jugend blüht. 
Auch die dunkeln Blumen kühlen 
Uns mit Ruhe, doppelt-süß; 
Und die lauen Lüfte spielen 
Freundlich uns ins Paradies. 


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