Geibel, Emanuel (1815-1884)

Gudruns Klage

Nun geht in grauer Frühe
der scharfe Märzenwind,
und meiner Qual und Mühe
ein neuer Tag beginnt.
Ich wall' hinab zum Strande
durch Reif und Dornen hin,
zu waschen die Gewande
der grimmen Königin.

Das Meer ist tief und herbe,
doch tiefer ist die Pein,
von Freund und Heimatserbe
allzeit geschieden sein;
doch herber ist's, zu dienen
in fremder Mägde Schar,
und hat mir einst geschienen
die güldne Kron' im Haar.

Mir ward kein guter Morgen,
seit ich dem Feind verfiel:
mein Speis und Trank sind Sorgen
und Kummer mein Gespiel.
Doch berg' ich meine Tränen
in stolzer Einsamkeit;
am Strand den wilden Schwänen
allein sing' ich mein Leid.

Kein Dräuen soll mir beugen
den hochgemuten Sinn;
ausduldend will ich zeugen,
von welchem Stamm ich bin.
Und so sie hold gebaren,
wie Spinnweb acht‘ ich’s nur;
ich will getreu bewahren
mein Herz und meinen Schwur.

0 Ortwin, trauter Bruder,
o Herwig ! Buhle wert,
was rauscht nicht euer Ruder,
was klingt nicht euer Schwert!
Umsonst zur Meereswüste
hinspäh' ich jede Stund':
doch naht sich dieser Küste
kein Wimpel, das mir kund.

Ich weiß es: nicht vergessen
habt ihr der armen Maid;
doch ist nur kurz gemessen
dem steten Gram die Zeit.
Wohl kommt ihr einst, zu sühnen;
zu retten, ach zu spät,
wann schon der Sand der Dünen
um meinen Hügel weht.

Es dröhnt mit dumpfem Schlage
die Brandung in mein Wort;
der Sturm zerreißt die Klage
und trägt beschwingt sie fort.
möchte‘ er brausend schweben
und geben euch Bericht:
„Wohl lass‘ ich hier das Leben,
die Treue lass ich nicht!“

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