Goethe, Johann Wolfgang von (1749-1832)

Frühling übers Jahr

Das Beet, schon lockert 
Sichs in die Höh, 
Da wanken Glöckchen 
So weiß wie Schnee; 
Safran entfaltet 
Gewaltge Glut, 
Smaragden keimt es 
Und keimt wie Blut. 
Primeln stolzieren 
So naseweis, 
Schalkhafte Veilchen, 
Versteckt mit Fleiß; 
Was auch noch alles 
Da regt und webt, 
Genug, der Frühling, 
Er wirkt und lebt.

Doch was im Garten
Am reichsten blüht,
Das ist des Liebchens
Lieblich Gemüt.
Da glühen Blicke
Mir immerfort,
Erregend Liedchen,
Erheiternd Wort;
Ein immer offen,
Ein Blütenherz,
Im Ernste freundlich
Und rein im Scherz.
Wenn Ros' und Lilie
Der Sommer bringt,
Er doch vergebens
Mit Liebchen ringt.

Zurück