Vogl, Johann Nepomuk (1802-1866)

Ein Friedhofbesuch

Beim Totengräber pocht es an:
»Mach' auf, mach' auf, du greiser Mann.

Tu auf die Tür und nimm den Stab,
Musst zeigen mir ein teures Grab!«

Ein Fremder spricht's mit strupp'gem Bart,
Verbrannt und rau nach Kriegerart.

»Wie heißt der Teure, der Euch starb
Und sich ein Pfühl bei mir erwarb? « –

»Die Mutter ist es; kennt Ihr nicht
Der Marthe Sohn mehr am Gesicht? « –

»Hilf Gott, wie groß, wie braun gebrannt!
Hätt' nun und nimmer Euch erkannt!

Doch kommt und seht! Hier ist der Ort,
Nach dem gefragt mich Euer Wort

Hier wohnt, verhüllt von Erd' und Stein,
Nun Euer totes Mütterleinl«

Da sieht der Krieger lang und schweigt,
Das Haupt hinab zur Brust geneigt.

Er steht und starrt zum teuern Grab
Mit tränenfeuchtem Blick hinab.

Dann schüttelt er sein Haupt und spricht:
»Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht.

Wie schloss' ein Raum, so eng und klein,
Die Liebe einer Mutter ein! «

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